03.03.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
02.04.05 / Keine Angst vor großen Tieren / Zum 80. Geburtstag von Hans Rosenthal

© Preußische Allgemeine Zeitung / 02. April 2005

Keine Angst vor großen Tieren
Zum 80. Geburtstag von Hans Rosenthal
von Hans Lody

Den meisten Fernsehkonsumenten ist Hans Rosenthal, der vor 80 Jahren, am 2. April 1925, in Berlin geboren wurde, nur als unterhaltsamer, fröhlicher Quizmaster von Sendungen wie "Dalli-Dalli" bekannt. Weniger bekannt sind seine Erlebnisse im besetzten Berlin und Anfänge beim Rundfunk. Aus einem deutschnationalen Elternhaus stammend - wie die meisten Juden in Berlin war dieses patriotischer gesinnt als der Durchschnitt der Bevölkerung -, erinnerte er sich daran, daß seine Eltern Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg bei der letzten Wahl des Reichspräsidenten gewählt hatten. Gerade deshalb konnte die Familie die Verfolgungsmaßnahmen der Hitlerdiktatur nicht begreifen. Sie lernten die ganze Unmenschlichkeit und Menschenverachtung des Nationalsozialismus kennen. Hans blieb als einziger seiner engeren Familie am Leben, und so war seine Freude über das Erscheinen der Roten Armee in der Kleingartenkolonie in Berlin-Lichtenberg, wo er sich versteckt gehalten hatte, echt und wohlbegründet.

Schon am Tag seiner Befreiung machte Rosenthal mit Vorkommnissen in der Roten Armee Bekanntschaft, die so typisch für jene Tage waren. Russische Infanterie war drauf und dran, den Befreiten zu erschießen. Nur ein zufällig vorbeikommender sowjetischer Offizier - selbst Jude - rettete ihn, nachdem Rosenthal ihm das jüdische Glaubensbekenntnis aufsagen konnte. Rosenthal half bald bei der Suche nach versteckten Nazis, denn immer noch wurde in Berlin gekämpft. "Ich erlebte, wie man vor dem Bürgermeister zitterte. Kleine Nazis, Mitläufer, Verführte und Verblendete schlotterten vor Angst, daß nun die große Rache käme - in Gestalt des Herrn Bürgermeisters. Das hatte ich nun allerdings so nicht gewollt. In einer Wohnung fand er ein Buch mit einem Hakenkreuz - das Buch der Olympischen Spiele von 1936. Eine zitternde Mutter stand da mit ihrem etwa elfjährigen Sohn. Endlich! Zwei Nazis! Es ging hin und her. Der Bürgermeister wollte die Frau und den Jungen mitnehmen. Ich redete auf ihn ein. Nach zwei Stunden hatte ich die beiden ,Faschisten' frei." Angewidert wandte sich Rosenthal ab. Dennoch verdingte er sich wenige Tage später bei der Polizei und erlebte mit, wie ein 17jähriger Hitlerjunge verhaftet wurde. Nun hatte er endgültig genug.

In seinem Versteck in der Laubenkolonie hatte er immer von einem freien Rundfunk geträumt und meldete sich beim neuen "Berliner Rundfunk", der in diesen Tagen unter Anleitung der Gruppe Ulbricht entstand. Bei der Sportredaktion arbeitete er zunächst unter Berlins Fußballidol Hanne Sobeck und mußte von den Radrennen selbst mit seinem Fahrrad die Resultate der Wettkämpfe zum Funkhaus bringen, weil noch kein Telefon funktionierte, mit dem die Ergebnisse hätten durchgesagt werden können. Ilse Werner, die im Dritten Reich sehr populär gewesen war und an zahlreichen Unterhaltungsfilmen mitgewirkt hatte, konnte von Hans Rosenthal für einen Bunten Abend des "Berliner Rundfunks" gewonnen werden. Er holte sie mit seinem Fahrrad von zu Hause ab.

Schon früh geriet Rosenthal in Gegensatz zu den kommunistischen Machthabern. Bei den Wahlen zum Betriebsrat kandidierte er gegen Heinz Grote, der später im DDR-Fernsehen zu den wichtigsten politischen Kommentatoren gehörte und in Abwesenheit des "legendären" Karl Eduard von Schnitzler auch den "Schwarzen Kanal" moderierte.

In diesen Wochen lernte er in der Kantine des Rundfunks auch seine spätere Ehefrau Traudel kennen, mit der er bis zu seinem Tode verheiratet blieb und zwei Kinder hatte. Rosenthal siedelte von Ost-Berlin in den freien Teil der Stadt über. Bald danach gab es wieder Ärger mit den Kommunisten. Stein des Anstoßes diesmal: "Die Biene Maja". Reaktionäres Gedankengut, weil zu monarchistisch befinden die kommunistischen Zensoren. Rosenthal: "So lustig diese Geschichte manchem erscheinen mag, so deprimierend war doch ihr Hintergrund, die Atmosphäre, die sich, auch auf Grund solcher ‚Kleinigkeiten', um uns zusammenzubrauen begann. Wer nicht exakt ‚auf Linie' war, Kommunist war oder es zumindest zu sein vorgab, der wurde bald seines Lebens nicht mehr froh."

Im Betriebsrat saßen 13 Kommunisten zwei unabhängigen Betriebsräten gegenüber - einer von ihnen war Rosenthal. Man versuchte ihn aus dem Betriebsrat hinauszudrängen. In diesen Tagen stieß Karl Eduard von Schnitzler zum "Berliner Rundfunk". Schon bald gab es Auseinandersetzungen zwischen ihm und Rosenthal. Originalton von Schnitzler: "Halts Maul, du Hitlerjunge."

Rosenthal wechselte zum RIAS nach West-Berlin. Neben politischen Sendungen begann sein Stern als Unterhaltungsredakteur aufzugehen. Der Titel seiner ersten Sendung lautete "Mach mit". Später folgten noch die "Rias Kaffeetafel" und "Wer fragt, gewinnt", um nur einige zu nennen. Auch politisch tat sich beim RIAS einiges. Die Kabarettsendung "Der Insulaner" wurde für die Ost-Berliner Machthaber mit ihrer ätzenden Kritik zum dauerhaften Ärgernis. Wenn Walter Gross am Äther die Worte: "... und nun, Jenossinnen und Jenossen, will ich euch mal die Lage aklärn", sprach, blieb kein Auge trocken. Er wurde der unvergessene "Funzionär" im Kampf gegen Wirklichkeit und Widersprüche.

Berlinblockade, Luftbrücke und der 17. Juni 1953 waren Ereignisse, die Rosenthal miterlebte und kommentierte. Das politische Magazin "Rückblende" wurde ab 1954 beim RIAS als Rundfunksendung ausgestrahlt. Oft kamen bei Rosenthal preußische Qualitäten zum Vorschein. Hier eine Kostprobe: Als der Star Vico Torriani zu spät zu einer Probe kam, machte Rosenthal ihn zur "Schnecke". Er hatte keine Angst vor "großen Tieren".

Ende der 60er Jahre waren Ro-senthals politische Überzeugungen nicht mehr gefragt. "Nachdem viele Mitarbeiter im Zuge der neuen Ostpolitik eine Drehung um 180 Grad vollzogen hatten, galt ich ihnen wegen meiner antikommunistischen Haltung, an der ich nichts ändern wollte - als kalter Krieger". Nach rund 30 Jahren kündigte Hans Rosenthal 1980 beim RIAS. Rosenthal: "Gegen Ideologien aller Art - seien sie braun oder rot - hatte ich eine ausgeprägte Abneigung." Als 1971 beim ZDF seine populärste Sendung "Dalli Dalli" anlief, grüßte er in der Sendung stets auch die Zuschauer aus dem anderen Teil Deutschlands.

Jetzt im Fernsehen lernte ihn ganz Deutschland kennen. 1972 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, 1973 den "Goldenen Bildschirm", "Bambi" und die "Silberne Kamera", 1974 folgte die "Goldene Kamera". Er war führend in der jüdischen Gemeinde zu Berlin tätig. 1975 startete seine neue populäre Serie "Schlagerfestival der Zwanziger Jahre" zusammen mit Theo Lingen.

Am 10. Februar 1987 starb Hans Rosenthal in seiner Heimatstadt Berlin - er hat den Mauerfall und das Ende des DDR-Unrechtsstaates nicht mehr erleben dürfen. Erst sieben Jahre nach seinem Tod wurde ein nur kurzer Abschnitt der Kufsteiner Straße in Berlin-Schöneberg nach ihm benannt. Er war ein großer Patriot, wie dieses Land nicht mehr viele hat. Vor allem aber stand er für den antitotalitären Konsens der bundesrepublikanischen Gesellschaft und nicht für das "antifaschistische" Glaubensbekenntnis, welches die Berliner Republik von der untergegangenen DDR zu erben im Begriff ist.

Zwei Welten: Der Kommunist Eduard Schnitzler (kleines Foto) geriet mit Hans Rosenthal, der später beim ZDF Karriere machte, oftmals aneinander. Fotos (2): Archiv


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren