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16.04.05 / Der große Unbekannte / Woran sich die Kardinäle bei der Papstwahl orientieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Der große Unbekannte
Woran sich die Kardinäle bei der Papstwahl orientieren

Da stehen sie nun, die 183 Kardinäle der katholischen Kirche, der hohe Senat der größten Glaubensgemeinschaft der Welt, irgendwie verwaist, überschattet von der Größe des Verstorbenen, verunsichert ohne den Schutz seines Charismas und seiner Popularität. 117 von ihnen werden ab Montag versuchen, einen aus ihrer Mitte herauszuschubsen ins grelle Licht der Weltbühne. Für viele heißt es dieser Tage: Ratzinger geh du voran. Aber wird der deutsche Kardinal das wollen? Oder wird man sich für einen unbekannten Kirchensoldaten aus der Dritten Welt entscheiden?

Vier Hauptkriterien sind es, an denen die Auswahl gemessen wird. Das erste Kriterium ist das Maß des Johannes Paul II. Sein Pontifikat war so lang und tiefgreifend, seine Persönlichkeit weltweit so populär - mit Ausnahme Deutschlands -, daß jeder Nachfolger zunächst am Vorgänger gemessen wird. Deshalb denken nicht wenig Kardinäle an einen "Übergangspapst", mithin einen älteren Amtsbruder, von dem zu erwarten ist, daß sein Pontifikat schon aus biologischen Gründen nicht so lange dauert. Wer einen Übergangspapst will, wird deshalb einen Mann wählen, der mindestens Mitte 70 ist. Soll er die inhaltliche Linie von Johannes Paul II. fortsetzen, dann kommt fast nur noch der jahrzehntelange Begleiter des verstorbenen Papstes, Joseph Kardinal Ratzinger in Frage.

Das zweite Kriterium für die Beratungen hängt mit dem ersten zusammen: Es ist die geistliche Situation in der Welt und in der Kirche. Eine ganze Woche lang haben die Kardinäle Vorträge über die Lage des Glaubens und der Gläubigen gehört. Sie haben konzentriert Einblick erhalten in die Expansionskraft des Islam und die Bedrohungen, die für die Christen daraus erwachsen. Sie haben auch - zum Teil mit großem Erstaunen - vernommen, daß weltweit die Sekten auf dem Vormarsch sind, insbesondere in Lateinamerika. Jede Woche treten allein in Brasilien rund 8.000 Katholiken zu Sekten über. Dieser Aderlaß wäre mit einem Papst aus Lateinamerika sicher zu stoppen. In Lateinamerika leben derzeit mehr als die Hälfte aller Katholiken. Ein Mann aus Lateinamerika könnte jetzt echte Chancen haben, wenn er Elemente des Übergangs (Alter, Konsolidierung, Kontinuität) auf sich vereinigt. Hier taucht gelegentlich der Name des Kardinals von Santiago de Chile, Francisco Javier Errazuriz, auf. Nicht umsonst nennt man die Chilenen die Preußen Lateinamerikas und der 72jährige Kardinal von Santiago, Vorsitzender der lateinamerikanischen Bischofskonferenz, gilt außerdem als hochintelligent, bescheiden, lehrsicher und gütig - ein Außenseiter, auf den man achten sollte. Dazu spricht er noch gut deutsch.

Das dritte Kriterium für die 117 im Konklave ist die weltweite politisch-kulturelle Situation. Macht, Geld und Nationalitäten sind für die meisten von ihnen zwar zweitrangig. Aber insofern sie das Weltgeschehen und die geistige Entwicklung beeinflussen, sind sie schon Teil des Kalküls. Das Weltgeschehen aber verlagert sich in den nächsten Jahren eindeutig nach Asien. Dort leben die meisten Menschen der Welt, allein in China und Indien schon ein Drittel der Weltbevölkerung. Es ist nicht ausgeschlossen, daß schon jetzt ein Mann aus dieser Großregion in Rom auf den Stuhl Petri steigt; in Frage käme etwa der Kardinal von Bombay.

Das vierte Kriterium schließlich gilt dem Mann und seiner Ausstrahlung. Er muß ein Kommunikator sein. Und wenn er es nicht ist, muß er es werden. Die Zeiten, da der Papst hinter den dicken Mauern von Sankt Peter die am weitesten verbreitete und verästelte Infrastruktur der Welt lenkte, sind vorbei. Der Hirte muß zu den Gläubigen hinaus. Auch die in manchen Kirchenprovinzen erhobenen Forderungen nach Reformen verlangen dialogische Fähigkeiten. Ein von der Blässe der Bücher gezeichneter Intellektueller, ein schüchtern-verzagter Mönch oder ein weltfremder Theologe passen da nicht mehr in die Schuhe des Amtes. Das wissen die meisten Kardinäle auch.

Natürlich wird kräftig gebetet, allein und gemeinsam. Für viele Kardinäle gilt, daß der Heilige Geist, "der große Unbekannte", wie der von Johannes Paul II. heiliggesprochene Escriva de Balaguer ihn nannte, "es" macht. Er ist die unbekannte Größe im Kalkül des Konklave und im stillen Kämmerlein der Kardinäle. Und für eine Überraschung immer gut. "Er wird uns schon auf die Sprünge helfen", meinte der Kölner Kardinal Joachim Meisner in einem Gespräch mit dem Autor. Es könnten einige Sprünge werden, allzu lang wird dieses Konklave aber wohl nicht dauern. Jürgen Liminski


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