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16.04.05 / Geschichtsbild à la DDR / Kieler CDU feiert einseitig die Befreiung der Stadt durch die britischen Truppen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Geschichtsbild à la DDR
Kieler CDU feiert einseitig die Befreiung der Stadt durch die britischen Truppen

Am 9. Mai 1970 konnte man in der Welt Berichte über die ganz unterschiedlich akzentuierten Veranstaltungen zum vorangegangenen 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, lesen. Bundeskanzler Willy Brandt hatte in einer Rede darauf hingewiesen, daß damals "weite Gebiete Deutschlands anderen Staaten zugeschlagen" wurden. Und er lobte das deutsche Volk, das "sich 1945 verbissen und fleißig an die Arbeit gemacht hatte, um die sichtbaren Trümmer des Krieges zu räumen. Das wäre nicht möglich gewesen ohne die Mitarbeit der Vertriebenen und Flüchtlinge."

Und man las, im anderen Teil Deutschlands habe die SED den 8. Mai als "Tag der Befreiung" gefeiert. Ulbricht sei mit dem sowjetischen "Orden des Vaterländischen Krieges 1. Grades" dekoriert worden. Der sowjetische Verteidigungsminister bezeichnete in Moskau die deutsche Niederlage als den "Sieg des Sozialismus".

Heute, 15 Jahre nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems und dem Beitritt der DDR zur BRD, hat sich der Westen die früher sowjetische Deutung des "Tages der Befreiung" zu eigen gemacht. Wie sich das auswirkt, erkennt man an den in den Kieler Nachrichten veröffentlichten Veranstaltungen zum 8. Mai 2005. Das Programm wurde von der "Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" zusammengestellt.

Da liest man, welchen Themen Veranstaltungen gewidmet werden, mit denen man die deutsche Niederlage zu feiern gedenkt. Da geht es um den "theologischen und politischen Widerstand Dietrich Bonhoeffers", um "Kirchenkampf und Antisemitismus". Überhaupt tut sich die evangelische Kirche mit mancherlei Bekundungen von deutscher und speziell ihrer Schuld und Sühne hervor, wobei offenbar ein Stephan Linck eine bedeutende Rolle spielt, der noch vor kurzem Redakteur einer linksradikalen Zeitschrift war. Es fehlt auch nicht eine evangelische Ermutigung gegen Krieg und Gewalt. Man gedenkt der Befreiung des KZ Buchenwald und spielt jiddische Lieder aus Osteuropa. Zeitzeugen sollen zur Versöhnung aufrufen, in einem Marionettentheater werden auf komische Weise die letzten Tage im Führerbunker dargestellt, veranstaltet von einem weit links angesiedelten, von der bisherigen Landesregierung großzügig finanzierten Verein namens "Mahnmal Kilian e.V.", der auch zu anderen einschlägigen Treffen einlädt. Des Straflagers für Zwangsarbeiter in Kiel Russee wird ebenso gedacht wie man sich zu Meditationen, Mahnwachen und Ausstellungen beispielsweise über Neofaschismus trifft. Die Grünen wollen einen Schweigemarsch veranstalten. In der Industrie- und Handelskammer kann man Ausführungen über "Das Ende des Zeiten Weltkrieges aus der Sicht der Sowjetunion" lauschen und in der Technischen Fakultät der Universität erfahren, was der "Große Vaterländische Krieg" für Politik und Gesellschaft im heutigen Rußland bedeutet. Auch um die Bücherverbrennung geht es in einem Treffen im Gewerkschaftshaus, und zwar um die im Deutschland des Nationalsozialismus verbotenen Bücher und nicht etwa um die - was angesichts des Datums näher läge - vom Alliierten Kontrollrat 1945/46 verbotenen Bücher, deren Zahl mehr als fünfmal so groß war. Sie mußten den Militärregierungen "zur Vernichtung" ausgeliefert werden - ein Vorgang, der seit Jahrzehnten verschwiegen wird.

Einen wohltuenden Gegensatz dazu bilden einige Veranstaltungen um das Werk des Schriftstellers Walter Kempowski "Echolot", in dem er Stimmen aller Menschen aus den Kriegsjahren zu Worte kommen läßt und wirklich alle Aspekte jener Zeit heraushebt. Der Dichter selbst eröffnet eine Ausstellung und liest aus seinen Werken. Akzeptabel auch einige Vorträge ernst zu nehmender Historiker wie des Kopenhagener Professors Karl Christian Lammers über den 8. Mai aus dänischer Sicht oder Professor Hans Mommsens über den Zusammenbruch des Dritten Reiches und das Ende des Zweiten Weltkrieges.

Den Höhepunkt an Peinlichkeit leistet sich die von der CDU-Bürgermeisterin Angelika Volquartz geführte Stadtverwaltung, indem sie am 8. Mai zu einer "Feierstunde anläßlich der Befreiung Kiels durch die britischen Truppen am 4. Mai 1945" einlädt.

In dem umfangreichen Veranstaltungsprogramm fehlt jede Thematisierung von Flucht und Vertreibung, die unmittelbar mit der "Befreiung" zusammenhängen. Kein Wort über das Schicksal von Millionen deutscher Soldaten, die in alliierte Kriegsgefangenschaft gerieten. Nichts über die Besetzung Deutschlands durch die Sieger und die Folgen, nichts über die Ausplünderung der deutschen Wirtschaft durch die Siegermächte, nichts über die ohne jede Rechtsgrundlage in alliierte "Internierungslager" (die man auch KZs nennen könnte) gesperrten Deutschen, zu einem großen Zivilisten - in der sowjetischen Zone 122.000 bis 180.000, in den westlichen Besatzungszonen zirka 330.000 - und natürlich nichts von dem Teil Deutschlands, den die Sieger annektierten.

Studiert man das Kieler Programm, das sicherlich dem in anderen deutschen Städten ähnelt, dann könnte man auf die Idee kommen, 1989 sei nicht der Kommunismus zusammengebrochen, demzufolge sich die DDR der BRD anschloß, sondern der Vorgang sei umgekehrt gewesen. Noch verblüffter dürfte man sein, wenn man erfährt, daß die größte Fraktion in der Kieler Ratsversammlung nicht etwa die PDS, sondern die CDU ist. J. Arp


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