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16.04.05 / Ein Leuchtturm erlischt / Unis Greifswald und Rostock verlieren zahlreiche Fakultäten

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Ein Leuchtturm erlischt
Unis von Greifswald und Rostock verlieren zahlreiche Fakultäten
von Annegret Kühnel

Mecklenburg-Vorpommern hat ein Problem. Der Solidarpakt II läuft 2019 aus. Bis dahin muß das Land, das kaum die Hälfte seines Haushalts durch eigene Einnahmen deckt, das Laufen lernen. Der Landtag in Schwerin hat dazu ein Konzept zur Personaleinsparung beschlossen, das allerdings einen schlimmen Nebeneffekt hat: Auch Bildung und Wissenschaft werden zusammengestrichen. Bis 2017 mußt die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald 178 Personalstellen abbauen, die Universität Rostock 273. Das sind rund 18 Prozent des aktuellen, schon äußerst knappen Personalbestandes. Betroffen sind auch die vier anderen Hochschulen und Fachhochschulen in Neubrandenburg, Rostock, Stralsund und Wismar, die insgesamt 150 Stellen verlieren sollen.

Formell verfügen die Universitäten in Mecklenburg-Vorpommern über Autonomie. Im konkreten Fall beschränkt sie sich darauf, daß sie die Kürzungen selber umsetzen können, andernfalls tritt das Kultusministerium in Aktion. Doppelte Angebote in Rostock und Greifswald soll es künftig nicht mehr geben. In Greifswald sollen unter anderem Informatik, Mathematik, Altertumswissenschaft, Latinistik, Gräzistik, Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Romanistik, Anglistik und Sportwissenschaften wegfallen, andere Bereiche werden zusammengestrichen. Rostock muß auf BWL, Jura und Politikwissenschaften verzichten. An jeweils einem Standort stehen auch die Biologie, Chemie, Geschichte und Philosophie zur Disposition. Im Ergebnis würden weder Greifswald noch Rostock über reguläre Universitäten verfügen. Tatsächlich gehen die Pläne von Kultusminister Hans-Robert Metelmann (parteilos) in Richtung einer Landesuniversität, einer "University of Mecklenburg-Vorpommern", die sich über mehrere Standorte verteilt.

Es gibt heftige Proteste. Die Studenten verteilen an Politiker Lesebrillen - als Mittel gegen politische Kurzsichtigkeit. Der zuständige Minister Metelmann ist aber kein betriebsblinder Provinzpolitiker, sondern Medizinprofessor, Krebsforscher und Chirurg. Er verfügt über internationale Erfahrungen. Außerdem war der gebürtige West-Berliner von 2000 bis 2002 selber Rektor der Greifswalder Universität. Man muß also seine Einschätzung ernst nehmen, daß die Universitäten in ihrer bisherigen Form nicht überlebensfähig seien. Die Rechnung, die er aufmacht, klingt plausibel. Zur Zeit gibt es in Mecklenburg-Vorpommern 34.000 Studenten. Wenn von den zur Zeit nur noch 9.200 Viertklässlern im Land in acht oder neun Jahren ein Drittel das Abitur ablegt und davon wiederum ein Drittel im Land studiert, käme man auf 1.000 Studenten im Erstsemester, die sich auf sechs Lehreinrichtungen verteilen würden. Mit einem großen Zustrom aus anderen Bundesländern kann nicht gerechnet werden. Selbst nach Bayern kommen nur 50 Prozent der Studenten von außerhalb. "Wir können nicht in der ersten Liga spielen, aber wir können und wollen gute Zulieferer einzelner Bausteine sein." Dafür will Metelmann größere, leistungsfähigere Einheiten schaffen.

Besonders schmerzhaft wird es den vorpommerschen Landesteil treffen, der bis 1945 zu Preußen gehörte. Die Universität ist - neben der Landeskirche - die wichtigste identitätsstiftende Institution und der einzige Leuchtturm in der Region. Zu dem Plan etwa, das Institut für Kirchenmusik und Musikwissenschaft an die Rostocker Hochschule für Musik und Theater anzuschließen, schreibt der Domchor Greifswald in einem offenen Brief, das Institut habe eine "besondere Bedeutung" für die Stadt. "Es prägt das kulturelle Leben entscheidend, strahlt über die Landesgrenzen hinaus, ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die gesamte Region und zieht viele Touristen an."

Es mutet schizophren an, wenn Ministerpräsident Harald Ringstorff (SPD) jetzt Vorpommern als "Wissenschaftstandort" beschwört. Laut EU-Empfehlung sollen drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung ausgegeben werden. In Mecklenburg-Vorpommern beträgt die Quote nur 1,14 Prozent. Vielleicht hätte man die Fördergelder, die - ähnlich wie in Brandenburg - mit der Gießkanne verteilt wurden, beizeiten in die Wissenschaft investieren sollen. Jetzt ist es für eine Neusetzung der Prioritäten zu spät, die wenigen Zukunftschancen sind verfrühstückt. Man hat das Gefühl, daß in Mecklenburg-Vorpommern das Licht ausgeht.

 

Bedenkliche Zukunftsaussichten: Bis die heutigen Schüler Rostocks ihre Studienreife erlangen, wird das Studienangebot ihrer heimischen Universität stark beschnitten worden sein. Mit der Quasi-Zusammenlegung der hansestädtischen Alma mater mit jener Greifswalds hofft die zuständige Landesregierung die Überlebensfähigkeit des Universitätsstandortes Mecklenburg-Vorpommern sichern zu können. Foto: pa


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