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16.04.05 / Wohin denn bloß?

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. April 2005

Wohin denn bloß?
von Martin Hollender

Wohin denn bloß? Mit einem Mann, der keine Stütze war, sondern nur Last, und zwei Kindern, und Rüdiger kam jetzt auch schon in so ein schwieriges Alter und entglitt ihr immer mehr.

Es dämmerte früh und für heute war nichts mehr zu machen. Fast überall war sie abgewiesen worden, und so etwas wie auf dem Gutshof in Derikum, das hätte es aber im Osten nie gegeben. Da stand doch dieser feiste Verwalter und schlug mit der Reitpeitsche aus, als sie und die beiden anderen Frauen nach den Kohlköpfen griffen. Um ein Haar hätte der Kerl sie an der Hand erwischt, dabei war der Kohl doch sowieso schon halb angefault. Schluß jetzt für heute. Sie hatte ein Brot, wenn man das auch kaum als Brot bezeichnen konnte, sie hatte einen Beutel voll Rüben und vier Pfund Kartoffeln. Das war nicht viel, aber sie wollte nicht klagen. Sie mußten weiter, wenn schon nicht heimwärts, dann wenigstens weiter. Aber wohin denn bloß? Rechts von ihr, hinter dem Deich, sah sie noch schwach den Rhein. Schön war der Fluß, so breit, aber die Memel blieb die Memel.

Wohin denn bloß? Sie waren hier in Neuß nichts, sie hatten nichts und niemand wollte sie. Man spürte es ja nur zu deutlich an Dr. Grigoleit, der ja ebenfalls aus Tilsit war. Der war gelitten, der saß schon mit am Tisch im "Goldenen Kessel", weil er mit dem dicken Dr. Groote, dem das große Hafenlager gehörte, in Göttingen zusammen Jura studiert hatte. Die einen hatten Hunger und die anderen hatten Speck, aber alle kannten sich hier über drei Ecken und waren verwandt oder verschwägert oder gemeinsam in diesem sonderbaren Schützenbruderverein, der jetzt wieder zugelassen worden war von den Engländern. Und sie stand da wie eine dumme Gans, wenn man sich auf den Höfen traf beim Hamstern, und jeder, und war er auch so dumm wie die Sünde, hatte irgend etwas vorzubringen. - Der Naujoks, seinerzeit Justitiar im Sägewerk, sollte jetzt wohl auch wieder untergekommen sein, in einigermaßen leitender Position, in der Ölmühle wohl, wie ihr Frau Bosetzky, die nichts gegen die aus dem Osten hatte und bei Grootes putzte, gesteckt hatte. So einfach ging das also, wenn man was war, aber sie waren ja nichts, waren auch nie was gewesen. Andererseits ...

Immerhin war Alfred der erste aus der Familie gewesen, der auf dem Büro gearbeitet hatte, als Kontorist in der Zellstoff-Fabrik. Und auf dem Katasteramt damals, was war das für ein Theater, bis das Häuschen endlich auf Alfred überschrieben war. Alfred Johann Schenkendorf besaß ein bebautes Grundstück in Tilsit, war das kein Grund stolz zu sein?

Ja, Schenkendorf. Auch das sollte nicht weiterhelfen. In einem Lehrerhaushalt an der Nordkanalallee, wo die herrschaftlichen Häuser noch so standen wie vor dem Krieg, da hatte sie mal gefragt, im Februar, ob sie sich verdingen dürfe, sie nehme jede Arbeit an. Ein Oberlehrer war es wohl, er musterte sie von oben bis unten - "Aus dem Osten sind Sie, man hört es gleich, wie war der Name?"; und als sie Schenkendorf sagte, Else Schenkendorf, hieß es: "Verwandt mit Max von Schenkendorf, den Sie hoffentlich kennen?" Aha, er biß also an, vielleicht hatte seine Frau ja Socken zu stopfen oder den Ofen zu reinigen oder was auch immer. Für eine Sekunde sah sie sich an einem Tisch sitzen, eine Tasse Muckefuck und ein Schmalzbrot, so wie früher. "Nein, nur ein Namensvetter und in der Heimat, in Tilsit, bin ich täglich an seinem Denkmal vorbeigekommen" - was sollte sie auch sonst sagen? Sollte sie lügen? "Na, wenn Sie mal wieder Schenkendorf lesen, junge Frau, dann erinnern Sie sich des Satzes ‚Ich will mein Wort nicht brechen, will predigen und sprechen, vom Kaiser und vom Reich!' Sie wollen mich nun bitte entschuldigen, es ist kalt. Arbeit habe ich leider keine zu vergeben, denken Sie nicht, mir ginge es besser als Ihnen, nur weil mein Haus noch steht. Auf Wiedersehen."

Wohin denn jetzt? Die Schuhe waren zu klein, die Nähte waren gerissen, ihre Füße mittlerweile eiskalt gefroren. Ein halbes altes Maisbrot, das war bis zum Mittag alles gewesen. Und nicht vom Bauern hatte sie es, sondern von einer anderen, die unterwegs war auf die Felder hinter Weckhoven. Andere hatten ja etwas zu tauschen, ganz falsch war die eigenartige Geschichte von den Perserteppichen im Kuhstall wohl nicht. Während andere tauschten, wenn auch irrwitzig ungünstig, mußte sie betteln. Sollte man da nicht heulen? Sie hatte das doch alles nicht gewollt. Jetzt fielen alle über die Deutschen her, gerade so, als ob alle Nazis Verbrecher gewesen wären. Der Alfred jedenfalls war in der Partei gewesen, und da drehten sie ihm jetzt einen Strick draus, obwohl er doch bei Ackermann auf dem Büro nun wirklich korrekt war all die Jahre. Das hatte man jetzt davon.

Es dämmerte weiter, der Pappkoffer fiel in den Schnee, hoffentlich wurde das Brot nicht feucht. Bis nach Hause waren es noch an die sechs Kilometer. Wie tief waren sie alle gesunken, ohne auch nur einem Menschen Unrecht getan zu haben. Und Alfred war ihr ja in keiner Weise eine Stütze, alles blieb an ihr allein hängen. Wenn er sich doch mal endlich um eine dauerhafte Arbeit bemühen würde, es gab doch genug, überall wurde repariert und aufgeräumt, nur an ihnen ging alles vorbei, weil Alfred nur alle Wochen mal sich aufraffte, Geld ins Haus zu bringen und bei dem Orthopäden, der ein alter Breslauer war, die Buchhaltung und die Steuern zu machen.

Dabei hatten sie nichts so nötig wie bares Geld. Sie waren doch buchstäblich mit nichts in Tilsit aufgebrochen, und die Hälfte der vier Koffer und Taschen war gefüllt mit den Fotoalben und den schönsten Stickereien und Zeugnissen und Urkunden und den Zinnsachen, die schon längst der Bauer in Selikum für einen Korb Äpfel bekommen hatte. Sie wußte kaum, wo sie die gerahmten Fotografien der Eltern und des Hauses aufstellen sollten, sie hatten ja keine Anrichte und auch keinen Schrank, sie hatten gar nichts außer der Schlafcouch und dem Bett und dem Tisch und den Stühlen.

Und Alfred war ein ganz anderer geworden. Nach den zwei Jahren an der Front schon war er verändert, als er im Mai damals wiederkam - und alles ging ihm so zu Herzen. Aber er war ja so verschlossen geworden. Als ob sie nicht auch weinte um das Haus und das Städtchen und die Heimat, aber Alfred, für ihn war ja eine Welt zusammengebrochen. Wenn er nicht auf der Couch lag, spazierte er durch die Stadt in seinem verschlissenen letzten Anzug, den er schon auf der Flucht getragen hatte. Dann ging er durch die Straßen wie früher die feinen Herren in Tilsit am Hohen Tor und auf der Lindenstraße oder in Berlin auf dem Kurfürstendamm. Für ihn hatte alles keinen Sinn mehr, sagte er immer nur, wenn man ihn ansprach. Und wenn sie ihn zur Arbeit prügeln mußte, so ging es nicht weiter mit diesem ewigen Schlendrian. So hätte er sich in der Heimat niemals benommen, aber in der Heimat war ja so oder so alles anders gewesen. Oh Herrgott, warum nur hast Du uns das alles angetan? Es war zum Verzweifeln. Ein Auto fuhr an ihr vorbei und spritzte sie bis hoch zu den Knien naß. Ein Armeefahrzeug, Engländer. Ob man da einmal vorstellig wurde? Vielleicht waren die Ostflüchtlingen gegenüber ja zugänglicher. Aber als Frau?

Wenn man wenigstens mal in einen evangelischen Gottesdienst gehen könnte, wenigstens das mal. Aber hier waren ja alle katholisch, nicht mal eine evangelische Kirche gab es hier. Erst in Düsseldorf war das möglich, auf die Behelfsbrücke über den Rhein hatte sie sich nicht getraut, seit sie auf dem zugefrorenen Schloßmühlenteich damals eingebrochen war. Jetzt kam man wohl nach Düsseldorf, sogar wieder mit der Straßenbahn, aber mit ihren Schuhen, den überall gestopften Wollsocken, dem fadenscheinigen Rock und dem abgestoßenen Mantel? Aber ein Gottesdienst, ach, wäre das schön. Dem Herrgott danken, daß man überhaupt noch lebte, und bitten, daß die Zeiten sich bessern würden und daß sie wieder nach Hause kämen, nach Tilsit, in ihr Haus, in ihr Bett. Mal mußte das Elend in der Heimat doch ein Ende haben. Sie war so fremd, fremd in der Fremde und fand keinen Zugang, keinen Anschluß. Schrecklich, dieser Schwebezustand. Verjagt zu sein aus der Heimat und dann doch wieder jeden Tag von neuem zu hoffen, daß alles nur ein böses Zwischenspiel war.

Zappenduster war es mittlerweile, und zu Hause, da saßen sie zu dritt und warteten auf ein Abendbrot. Wie das nur weitergehen sollte mit Rüdiger - andererseits: Alle hier stahlen Kohlen. "Fringsen" - wenn sie das schon hörte. Das war ja eine feine Gesellschaft, in der ein Erzbischof zum Kohlenklau ermunterte. Und daß Rüdiger gar nicht einmal ableugnete, auf den schwarzen Märkten sich herumzutreiben, wo sollte das alles enden. Der Junge war doch noch keine 14.

Regen hatte eingesetzt, es war wohl knapp über der Frostgrenze. Sie mochte nicht mehr, sie konnte nicht mehr, sie wollte nicht mehr. Andere wären längst ins Wasser gegangen, Wasser gab's ja im Rhein immerhin genug. Sie mußte ganz unwillkürlich grienen. Man mußte wohl auch einmal wieder lachen, nach vorne sehen. Sie waren ja gesund, alle vier, und es würde weitergehen, irgendwie. Man mußte nach vorne schauen, zuversichtlich sein. Am Obertor war sie jetzt vorbei, keine fünf Minuten mehr. Die Galle konnte einem hochkommen!

Im Haus brannten einige Lampen, die Stromsperre war aufgehoben, auch oben in der Dachkammer war es hell. Sie konnte nicht mehr weiter mit den aufgequollenen, eiskalten Füßen. Wie es jetzt zuhause aussehen mochte? Da saßen irgendwelche Russen und aßen von ihrem

Geschirr, wahrscheinlich auch wochentags von dem guten Bunzlauer, und lagen nachts in ihren Kissen mit der Spitzenborte. "Hotel Schenkendorf" könnte man dazu sagen, und nun mußte sie wieder grienen, aber ihre Augen wurden feucht.

Im Treppenhaus roch es nach Kohl, und als sie die Tür zur Mansarde öffnete, da war alles genauso wie morgens, als sie aufgebrochen war. Doris malte Buchstaben und Zahlen, Rüdiger war nicht zu sehen - Herrgott, wo trieb der Junge sich herum, abends nach sieben im Winter, daß Albert da auch nicht einschritt! - und Albert lag wieder wie immer auf der hochgeklappten Bettcouch und starrte an die Decke.

"Da bist du ja endlich, wann endlich gibt es etwas zu beißen?", das war alles, was er sagte. Es war zum Davonlaufen. Sie mußten hier weg, sie mußten irgendwo anders hin, ganz neu anfangen, wenn man sie ließ, in der Heimat, und wenn man sie nicht ließ, dann ganz egal, bis nach Amerika, aber es mußte sich alles ändern. Wie sie hier hausten, so lebten ja früher die ärmsten Häusler hinter der russischen Grenze nach dem Reich nicht, so ging es nicht weiter, sie mußten fort. Aber wohin denn bloß?

Vom Krieg zerstört: In den zerbombten Städten fanden sich nur wenig Unterkünfte für die verzweifelten Menschen. Foto: Archiv


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