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23.04.05 / Neue arrogante Spießigkeit

© Preußische Allgemeine Zeitung / 23. April 2005

Hans-Jürgen Mahlitz:
Neue arrogante Spießigkeit

Affentheater, Klassikermord, Ästhetik der Häßlichkeit - mit so drastischem Vokabular beschrieb vor Jahren der Theaterkritiker Lothar Schmidt-Mühlisch (u. a. Feuilletonleiter und Chefkorrespondent der Welt) das Geschehen auf deutschen Bühnen. Unser Bundespräsident drückte sich da deutlich zurückhaltender aus, meinte aber dasselbe, als er vor wenigen Tagen das modernistische Gehabe zeitgenössischer Regisseure kritisierte. "Es hat gewiß einmal die Notwendigkeit gegeben, die Klassiker zu entstauben und zu problematisieren. Aber das heute immer noch fortzusetzen, erscheint mir wie der Ausweis einer neuen arroganten Spießigkeit", sagte Horst Köhler auf einer Matinee zum herannahenden 200. Todestag Schillers. Und weiter: "Unsere klassischen Dramen konnten sich Jahrzehnte nicht dagegen wehren, in Stücke zerlegt und nach Gutdünken wieder zusammengesetzt zu werden."

Natürlich fühlte der Gastgeber im Haus des Berliner Ensembles, Intendant Claus Peymann, sich persönlich angesprochen und widersprach dem Präsidenten heftig: "Theater darf alles!" Und "man darf mit ,Wilhelm Tell' alles machen, wenn man es kann."

Nun bezweifelt niemand, daß Peymann "es kann"; er hat so manche handwerklich, bühnentechnisch und schauspielerisch gutgemachte, wenn auch nie un- umstrittene Inszenierung auf die Bretter gebracht. Aber auch Schiller und Goethe haben "es gekonnt". Muß denn das künstlerische Selbstwertgefühl zeitgenössischer Theatermacher gleich so weit gehen, die Klassiker quasi zu Deppen zu degradieren, denen man endlich einmal zeigen muß, wie man richtiges Theater macht?

Für wen inszenieren diese Regisseure und Intendanten eigentlich die Stücke unserer großen Dichter? Fürs Publikum offenbar nicht, das darf allenfalls noch ein wenig applaudieren, vielleicht auch an der Inszenierung werbewirksamer "Skandale" mitwirken, vor allem aber das ganze finanzieren. Wenn es denn sein muß, durch Lösen einer Eintrittskarte und leibhaftige Anwesenheit im Zuschauerraum, besser noch, indem man zu Hause bleibt und seinen unfreiwilligen Beitrag zum neuzeitlichen Kulturleben in Form steuerfinanzierter Subventionen leistet.

Nein, diese "arroganten Spießer", die meinen, Schiller und Goethe seien dem modernen Menschen nur zumutbar, wenn möglichst viele Nackte auf der Bühne herumhüpfen (allzu prüde Darsteller dürfen ihre Blößen allenfalls mit SS-Uniformteilen verdecken, wegen des politischen Bewußtseins), diese "Klassikermörder", die jeden Text verbiegen und verdrehen, diese "Häßlichkeits-Diktatoren" deren liebste Requisiten Blut, Urin und sonstige Ausscheidungen sind - die machen Theater für sich selbst, für ihre Regie-Kollegen und für eine verschworene Clique von Pseudo-Kritikern, eine Kultur-Mafia, die ein für alle Beteiligten höchst einträgliches Geschäft aufgezogen hat und am Laufen hält. Und die jeden, der es wagt, sie zu kritisieren, niedermacht, totschweigt oder zum Kulturbanausen erklärt.

Die Theaterkrise, die zum Beispiel in der deutschen Hauptstadt dazu geführt hat, daß der angesichts leerer Ränge steigende Subventionsbedarf aus öffentlichen Kassen nicht mehr gedeckt werden kann, ist in Wahrheit eine Krise der Theatermacher. Da tut es gut, daß endlich einmal ein hochrangiger Politiker es wagt, sich gegen den Zeitgeist zu stellen (der laut Goethe ohnehin "im Grund der Herren eigner Geist" ist).

Wenn Köhlers Worte die erhoffte Wirkung entfalten, dann könnte das Theater tatsächlich wieder im Sinne Schillers eine "moralische Anstalt" werden. Heute haben die Zuschauer, die sich in ein Theater verirren, leider eher das Gefühl, in eine zutiefst unmoralische Anstalt geraten zu sein.

Auf Schillers Spuren... ...wandelte Bundespräsident Horst Köhler, als er im traditionsreichen Theater am Schiffbauerdamm zu Berlin ein Grußwort sprach: Er erinnerte an Schillers Begriff der Kulturnation und das damit verbundene "kostbare Erbe" (siehe Leitartikel auf dieser Seite). Foto: pa


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