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23.04.05 / Liebe auf masurisch

© Preußische Allgemeine Zeitung / 23. April 2005

Liebe auf masurisch
von Heinz Kurt Kays

Überschwang im Komplimentemachen war - das kann mit Fug und Recht behauptet werden - keinesfalls üblich bei dem Menschenschlag, der jenen Landstrich bevölkerte, welcher Masuren genannt wurde. Es schien dortselbst jedermann das Romantische wie Schwärmerische nur in geringem Maße in die Wiege gelegt worden zu sein. Man hielt sich vielmehr zumeist an das alltägliche Nüchterne und Praktische, ohne freilich die das Herz wärmenden Gefühle gänzlich zu mißachten.

Beispiele solcher Ausprägung des masurischen Gemüts gefällig? Sie sollen alsogleich geliefert werden. Martha und Herbert Kensy aus dem masurischen Kirchdorf Warchallen waren vor knapp sechs Monaten in den Stand der Ehe getreten und lebten seither - wie es allgemein hieß - durchaus glücklich miteinander. Jedenfalls waren weder von ihr noch von ihm irgendwelche diesbezüglichen Klagen bekannt geworden.

Das sollte allerdings nicht immer so bleiben. Denn eines schönen Tages erschien die junge Frau bei ihrer Mutter und beschwerte sich: "Er ist ein ausgewachsener Stiesel, mein Herbert. Über ein halbes Jahr sind wir jetzt verheiratet, aber ich hör' von ihm kein liebes Wort, nich' ein einziges! Selbst am Sonntag, wenn ich mich fein gemacht hab' für die Kirche, sagt er nuscht. Und ich möcht' doch so gern wissen, ob ich hübsch genug bin und ihm gefallen tu. Und daß er mich leiden kann ein bißchen!"

Muttchen wiegt beschwichtigend den schon grauhaarigen Kopf: "Nu mal nich' so hastig, Tochterchen. Wird schon noch werden mit deinem Herbert. Ist doch ein anständiger Kerl, kein Lachuder. Ich wer' ihn mir aber mal vornehmen."

Und das tat sie denn auch: "Sollst dich reinweg schämen", erklärte sie ihrem verdutzten Schwiegersohn. "Hast so ein hübsches und liebes Frauchen und sagst nuscht dazu. Mein Martchen möcht' doch mal wieder wissen, ob du sie gern hast und ob sie dir noch gefällt. Mußt schon ab und zu reden was Liebes zu ihr und ein Butsch wär' auch nicht schlecht, glaub mir nur!"

Der Herbert Kensy hatte dieser Predigt aufmerksam gelauscht. Nun nahm er die qualmende Tabakspfeife aus dem Mund und redete: "Natürlich, Schwiegermama, mag ich sie noch immer, meine Martha, sogar sehr. Und ich wollt' ihr schon immer mal sagen, daß ich stolz bin auf sie, weil - sie ist einfach die Schmuckste und Hübscheste im ganzen Dorf. Aber ich hab' wahrhaftig nich' gewußt, daß es ihr so eilig ist mit solcher Schmeichelei."

Es dürfte wohl angebracht sein, nunmehr auf gewissermaßen ausgewiesene Fachleute hinsichtlich des Süßholzraspelns zurückzugreifen. Was natürlich nur bedeuten kann, daß ein Pärchen zu Worte kommen soll, welchselbes sich im ersten Stadium grenzenloser Verliebtheit befindet. In dem hier anstehenden Fall hieß der weibliche Teil Annemarie, während der männliche auf den Namen Bruno hörte. Diese beiden waren zu Hause in einem masurischen Land-städtchen, das hier nicht genannt zu werden braucht. An einem lauen Abend im Mai, es mag auch schon Juni gewesen sein, saßen Annemarie und Bruno auf einer Bank am Ufer eines nahegelegenen Sees, der durchaus als malerisch bezeichnet werden durfte. Am Himmel strahlten und leuchteten die Sterne und der Mond stieg langsam am Horizont herauf. Im Fliedergebüsch sang ein Sprosser sein Liebeslied und im schilfbestandenen Wasser stimmten die Poggen melodisch quakend ihren Gutenachtchor an. Kurzum, es war eine Stimmung wie gemacht für ein ineinander verschossenes Menschenpaar.

Insbesondere das niedlich anzuschauende Marjellchen vermochte sich dieser so romantischen Atmosphäre nicht zu entziehen. Sie lehnte sich etwas fester an die breiten Schultern ihres Galans und flüsterte zuckersüß: "Sag' eins, Brunochen, find'st mich denn auch hübsch genug?" Der also Angesprochene erwiderte: "Aber ja doch!" Annemarie seufzte glücklich und säuselte dann: "Und meine blauen Augen und das blonde Kruschelhaar, tut dir das gefallen?" Wieder lautete die Antwort: "Aber ja doch!"

Worauf die junge Dame einen Schmollmund zog, doch gab sie keineswegs schon auf: "Wie ist es aber mit meinen Lippen? Sind sie nich' so rot und süß wie reife Kirschen?" Erneut brummelte Brunochen sein gewohntes "Aber ja doch", aber es klang bereits etwas enthusiastischer. Und als Annemiechen daraufhin die Schlankheit ihrer Beine rühmte und zum Beweis dessen den Rock ein Stückchen höher zog, da bekam sie ein wirklich begeistertes "Aber ja doch" zu hören.

In dieser Weise ging es nun ein ganzes Weilchen fort auf der Bank am Seeufer. Die weiteren Einzelheiten sollen hier jedoch nicht nachvollzogen werden. Lediglich so viel sei berichtet, daß die Marjell auch auf ihr Blüschen zu sprechen kam und wissen wollte, ob dieses sie nicht totschick kleide. Dabei durfte ihr Bruno einen kleinen Blick in den durchaus ansehnlichen Ausschnitt tun und sein nochmaliges "Aber ja doch" sprühte förmlich vor Feuer wie Temperament.

Das fühlte auch die gute Annemarie. Sie fiel jedenfalls ihrem Banknachbar um den Hals und drückte ihm einen Butsch von der Sorte "Dauerbrenner" auf den Mund. Als die beiden Liebesleute danach wieder zu Atem gekommen waren, da brach es aus dem Mädchen förmlich heraus: "Nei, nei, Brunochen, ich hab' gar nich' gewußt, daß du Lorbaß so schöne Komplimente machen kannst, die einem reineweg den Kopf verdrehen!"

So etwa ist es gewesen dermaleinst mit dem Gebalze und der Schöntuerei im Masurischen. Dennoch - ausgestorben ist das dort ansässig gewesene Völkchen nicht. Ganz im Gegenteil, es gab immer reichlich Kinderchen, man hätte sogar von einem ständigen "Babyboom" sprechen können, falls dieses Wort bereits gebräuchlich gewesen wäre. Das konnte aber auch daran gelegen haben, daß dieses Masuren ein Storchenland war und immer noch ist. Fast auf jedem Haus in den Dörfern und kleineren Städtchen klapperte so ein Adebar. Und der war ja bekanntlich zuständig für jeglichen Kindersegen.

Storchenland Ostpreußen: Auch heute ist "Meister Adebar" noch auf vielen Dächern zu finden. Foto: Kowalzik


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