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23.04.05 / Frühling in Gerdauen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 23. April 2005

Frühling in Gerdauen
von Klaus Weidich

Welch ein wunderschöner Tag. Und jetzt, meine Lieben, da schieben wir endlich alle bedrükkenden Gedanken aus trüber Zeit beiseite und erfreuen uns des neuerwachten Sonnenscheins. Schauen wir uns doch um, wie es in der Weite blüht und grünt. Und ach Gott, wie es gar schon riecht. Herrje, da bubbert das Herz und man kann reinweg das Alter vergessen. Und all erst die Gedanken ...! Ist doch gut, meine Lieben, daß niemand in unsere Köpfe hineinglubschen kann.

Aber seht, meine Lieben, da kommt ja auch Fräulein Haffke dahergeschlackert. Sie ist seit vergangenem Jahr hier Lehrerin. Kommt aus der Hauptstadt Berlin und will den Kinderchens hier etwas lehren, sozusagen fürs Leben. Jetzt im Frühling wird sie ihnen bestimmt von summenden Bienchen erzählen, von quittgelben Blümchen, auf die sich die Bienchen setzten werden, um allerlei Unfug mit ihren Fruchtknoten zu treiben. Herrje, was es auch alles so gibt ...

Jetzt wollen wir aber erst sehen, ob die junge Lehrerin noch immer so verdrießlich in die Welt guckt. Im vergangenen Winter war es ja ganz schlimm mit ihr gewesen, kaum daß sich je einmal ein Lächeln auf ihrem Gesicht zeigte. Denn gar zu abscheulich hatte ihr der Frost in die Nase gebissen, der Schnee lag dem Fräuleinchen zu hoch, und das Heimweh bohrte darum ständig wie ein Wurm in ihr. Ja, Fräulein Haffke, wir sind hier nicht in Berlin. Hier weht ein anderer Wind.

Doch nun glänzt alles vor sanftmütiger Beschaulichkeit. Da müßte doch sogar Fräulein Haffke ihr Lächeln wieder gefunden haben. Oder etwa nicht? Gleich werden wir es sehen ...

Oh Gott, oh Gott, meine Lieben! Sogar das neuerwachte Leben wird von Fräulein Haffke ignoriert. Sie blickt noch immer griesgrämig in die Welt. Na, wollen mal fragen: "Warum so böse, Fräulein Haffke, freut Sie nicht der helle Sonnenschein?"

Schweigen. Sie hören es ja selbst, meine Lieben. Nicht einmal sprechen will Fräulein Haffke mit uns. Versuchen wir es noch einmal: "Haben wir Sie irgendwie beleidigt, Fräulein Haffke? - Oder hat Ihnen vielleicht jemand anders etwas zuleide getan?"

Das macht fassungslos, meine Lieben, Fräulein Haffke bleibt stumm wie ein Fisch. Doch jeder von uns sieht es deutlich: Ihr Gesicht ist stark gerötet und die Augen glänzen tränenschwer. Jetzt müssen wir mit unseren Fragen vorsichtig sein, damit wir die nötige Distanz bewahren. Fräulein Haffke ist zart besaitet und redet fortwährend nur von Ästhetik. Und als scheinbare Allerweltsheilung hat sie sich die Ethik auserkoren. Nun rätselt das ganze Dorf, was das ist, und Fräulein Haffke wird aus vielen Augen argwöhnisch angesehen.

Doch wir lassen uns von diesen Wörtern nicht schrecken. Wir fragen Fräulein Haffke jetzt noch einmal nach dem Grund ihrer Verstimmung: "Fräulein Haffke, ist Ihnen etwa der Bauer Grieguleit mit seinem Mistwagen zu nahe gekommen, oder wäre Ihnen der olle Barmbusch mit dem Jauchewagen bald wieder über die Füße gerollt, so wie im letzten Herbst? - Aber Fräulein Haffke, der olle Barmbusch ist schon älter als Methusalem je geworden ist. Der kann fast gar nichts mehr sehen, er macht so etwas nicht absichtlich."

Was ist nun, meine Lieben, hört ihr es? - Kann die aber schimpfen, dieses kleine, zierliche Fräuleinchen. Plötzlich ist sie gar nicht mehr so stumm wie ein Fisch. Giftgrüne Blitze schießen ihr dazu aus den Augen. Man kommt kaum noch zu Wort: "Aber Fräulein Haffke, das ist ja allerhand! - Und was ist nun in Ihnen verletzt?"

Ach Gott, meine Lieben, da haben wir's. Jetzt fängt Fräulein Haffke schon wieder damit an. Kommt etwas näher zu mir, meine Lieben, damit ich es zuflüstern kann, hinter vorgehaltener Hand: Fräulein Haffke hat schon wieder etwas mit diesem Teufelszeug - mit der Ethik und dieser Ästhetik und so ... Und jetzt ist sie auch innerlich verletzt oder wo. Herrje!

Na, fragen wir mal genauer: "Na ja, Fräulein Haffke, man darf nicht alles so wörtlich nehmen. So ist es nun mal hier bei uns. Die Mannsleute sind in ihrer Sprache etwas derb und ungeschliffen. Ja, mein Gott, was haben sie denn zu Ihnen gesagt?"

Seht nur, meine Lieben, Fräulein Haffke läßt sich jetzt durch gar nichts mehr beirren. Sie redet heftiger denn je. Herrgott, jetzt muß ich schon fast schreien, um Fragen an sie zu stellen: "Was sagten Sie eben, Fräulein Haffke, die Erwachsenen sind es ja gar nicht, über die Sie sich so geärgert haben. Es sind die Kinder? Diese kleinen blondschöpfigen Engelchen?"

Das hätte ich jetzt wirklich nicht sagen sollen, meine Lieben. Mein Gott, wie hysterisch und schrill die junge Lehrerin lachen kann. Man mag es kaum glauben.

"Aber was ist denn passiert, Fräulein Haffke, werden Sie doch etwas deutlicher. - Ja, natürlich, den kleinen Martin kenne ich. Es ist der jüngste Sproß vom Bauern Barlutat. So, und der kam heute früh eine Stunde zu spät in Ihren Unterricht. - Das verstehe ich. Fräulein Haffke, da haben Sie zu Recht geschimpft. - Wie? - Ach so ...! Hahaha ...! - Und als Sie nach dem Grund der Verspätung fragten, da hat der kleine Gnoß Ihnen erklärt, daß er mit einer seines Vaters Kühe zum ollen Barmbusch gemußt habe, wegen dessen Bullen. Sicher, Fräulein Haffke, sicher, Ihre Empörung kann ich nachvollziehen. Aha! darum haben Sie den kleinen Martin auch mißbilligend gefragt, ob so etwas der Vater nicht selber könnte. So. Und was, Fräulein Haffke, soll der kleine Martin Ihnen darauf geantwortet haben? Hallo, Fräulein Haffke, - Hallo...! - Was ist mit Ihnen, Fräulein Haffke, warum sind Sie so blaß?"

Seht doch nur, meine Lieben, Fräulein Haffke zittert am ganzen Körper. Die Augen werden auch immer feuchter. Aber eine Frage muß sie noch beantworten, das nützt alles nichts: "Also, Fräulein Haffke, was genau hat dieses unschuldige Kindlein auf Ihre Frage geantwortet, ob der Vater das nicht könnte, dieses mit der Kuh? - Ach so, hmmh ..., hmmh! - Zuerst hat er nur so spöttisch gegrinst und dann zurück gefragt: ‚Aber Fräulein Haffke, was würde unsere Mutter dazu sagen, und dann ... dann füttert der olle Barmbusch seinen Bullen doch auch reinweg umsonst!'"

Mit unserem Kommentar, meine Lieben, da halten wir uns diplomatisch zurück. Dafür lehnen wir uns behaglich in die Kissen, lachen still in uns hinein und denken unseren Teil. Denken daran, daß der Weltenschöpfer die Ästhetik schon vor Urzeiten im Sinn hatte. - Damals, als er unsere Heimat mit gezieltem Griff aus den Fluten der Meere hob. Und auch ein gesundes Empfinden für sittliche Werte, Handlungen und Gesinnung, meine Lieben, die hat unser Schöpfer seinen ostpreußischen Menschen gleich von Anfang an unverrückbar in ihre Herzen gepflanzt.


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