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14.05.05 / Preußische Tugenden / Zum Tod von Bernard Schultze

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14.Mai 2005

Preußische Tugenden
Zum Tod von Bernard Schultze 
von Günther Ott

Die Kunstszene der Gegenwart weist ein stilistisch und motivisch weit gefächertes Feld auf. Es reicht von naturalistischen stillen Landschaften bis zu konkret-konstruktivistischen Kompositionen. Unter den vielen zeitgenössischen Künstlern befinden sich freilich Mitläufer, die sich von unkontrollierten Zufällen leiten lassen bar jeden handwerklichen Könnens. Dadurch gerät besonders die sogenannte abstrakte Kunst ins Zwielicht, und das breite Publikum distanziert sich von ihr.

Dank seiner Phantasie, seiner kompositorischen Gestaltung und seiner technischen Perfektion ragte der Maler, Plastiker und Grafiker Bernard Schultze, geboren am 31. Mai 1915 in Schneidemühl, seit 1968 in Köln wohnhaft, hervor. Er gehörte zu den bedeutendsten Vertretern der informellen Kunst. Begonnen hatte der Künstler, der die Kunstakademien zu Berlin und Düsseldorf besuchte, mit der gegenständlichen Malerei. 1951 entstanden seine ersten informellen Bilder, bald danach plastische Einklebungen in den Bildgrund und die Eroberung des Raumes durch seine Plastiken, die er "Migof" nannte. "Eine Art Relief entstand", so Schultze. "... Immer plastischer traten die Formen heraus, verließen den Rahmen, die ‚Migofs' waren geboren ..." Es sind Worte des Künstlers, die dem groß angelegten Buchkatalog "Bernard Schultze - Das große Format" entstammen (München, 1984). Über die verfremdeten Schaufensterpuppen, die "Migofs", sagte der Künstler: "Meine zerstörten wuchernden Mannequins verkörpern die Welt des ‚memento mori'. Der merkwürdige Name der Figuren bedeutet gar nichts, soll aber wegen seiner lautmalerischen Qualität Assoziationen auslösen ..." Tauchen in diesen makabren Gestalten nicht Erinnerungen an den Krieg auf, den der junge Westpreuße als Soldat (1939-1945) in Rußland und Afrika mitmachen mußte? 1944 zerstörte ein Luftangriff auf Berlin alle seine bisher entstandenen Arbeiten.

Nach Kriegsende begannen schwere Zeiten für den Künstler, zunächst als Flüchtling in Flensburg, dann in Frankfurt/Main. Als Broterwerb diente ihm der Kunstunterricht für Kinder im Amerika-Haus, wohin ihn seine künftige Ehefrau Ursula Bluhm (1921 Mittenwald/Mark Brandenburg - 1999 Köln), die bei den Amerikanern tätig war, vermittelte. Unter dem Namen URSULA ist sie später als naive Malerin und moderne Künstlerin bekannt geworden. Mit seiner gegenstandsfreien Kunst faßte Schultze bald in der Frankfurter "zimmergalerie" Fuß. Paris stand oft auf seinem Reiseprogramm.

1981 wurde er Titularprofessor des Landes Nordrhein-Westfalen. Imponierend ist die Liste der Kunstpreise; genannt seien jene der Stadt Darmstadt und der Stadt Köln, der Große Hessische Kunstpreis, der Lovis-Corinth-Preis der Künstlergilde, der Goldene Lorbeer der Bildenden Künstler Österreichs, die Stephan-Lochner-Medaille Köln. Ferner wurde Schultze zum Mitglied der Freien Akademie Mannheim gewählt und mit dem Verdienstorden NRW ausgezeichnet. Einzelausstellungen Schultzes fanden in allen Kunststädten Deutschlands statt und im Ausland. In diesem Jahr sind weitere Ausstellungen zu sehen, unterstützt von seiner Witwe Doris Schultze-Berger, in Saarbrücken (Saarland-Museum), Regensburg (Kunstforum Ostdeutsche Galerie), Wien (Künstlerhaus), Marburg (Kunsthaus) und Köln (Museum Ludwig).

Der Katalogtext zur Ausstellung der Künstlergilde, mit dem der Corinth-Preisträger Bernard Schultze 1986 gewürdigt wurde, ist "Heiterkeit nach der Katastrophe" überschrieben. In der Tat strahlen auch die letzten Gemälde des Altmeisters Freude, Frieden und Optimismus aus. Sie sind weit entfernt von jenen "memento mori" vieler "Migofs". Die Präzision, mit der die Farbe auf die Leinwand gestrichen wurde, ist geblieben, wohl Erbe preußischer Tugend. Rhythmische Beschwingtheit und Klangfarbe beherrschen dennoch die Komposition, die wie die Musik absolut ist. Sie kommen aus einem reichen Leben und aus dem Inneren des Künstlers, sind erstaunlich jung geblieben. Frische und Lebendigkeit übertragen sich auf den Betrachter, gleich ob Kenner oder Laie. So erweitert das Œuvre Bernard Schultzes zweifellos den Kreis der Anhänger der "abstrakten" Kunst.

Bernard Schultze starb am 14. April in Köln an den Folgen einer Lungenentzündung. So wird das "memento mori" des westpreußischen Künstlers an seinem eigenen Todestag wieder aktuell.

Altmeister der informellen Kunst: Bernard Schultze im Atelier Foto: Tamara Voss, Köln


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