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11.06.05 / Als Goetheforscher noch heute geschätzt / Zum 100. Geburtstag des Germanisten Erich Trunz aus Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. Juni 2005

Als Goetheforscher noch heute geschätzt
Zum 100. Geburtstag des Germanisten Erich Trunz aus Königsberg

Martin Opitz und Johann Matthäus Meyfart, Fried-rich Gottlieb Klopstock oder dem Kreis der Fürstin Gallitzin in Münster hat sich der Germanist Erich Trunz gewidmet, vor allem aber Johann Wolfgang von Goethe und seinem Werk. Noch heute gilt er als einer der fundiertesten Barock- und Goetheforscher unserer Zeit: Geboren wurde Erich Trunz vor 100 Jahren am 13. Juni in Königsberg, in Allenstein wuchs er auf und besuchte dort das Humanistische Gymnasium. Sein "kunst- und geistfreudiges Elternhaus" bereitete den Nährboden für sein späteres Wirken. In München, Berlin und Königsberg studierte er Germanistik.

Vor allem sein Berliner Lehrer Julius Petersen war es, der den Ostpreußen an die bis dahin meist unbeachtete Dichtung des Barock heranführte. Seine Dissertation schrieb Trunz über Ambrosius Lobwasser, den Übersetzer des Hugenottenpsalters und Kirchenliederdichter aus dem 16. Jahrhundert.

Als Assistent Petersens wirkte Erich Trunz von 1931 bis 1933 an der Universität Berlin, bis er für zwei Jahre nach Amsterdam ging, um dort als Lektor zu arbeiten. Anschließend war er in Freiburg i. Br. zu finden; dort war Trunz von 1936 bis 1939 als Dozent tätig, dort habilitierte er sich 1938.

Zeitweilig zum Militärdienst eingezogen, war Erich Trunz von 1940 bis zum Kriegsende Ordinarius der Deutschen Universität in Prag. Nach dem Krieg lehrte der Ostpreuße an der Universität Münster (ab 1955 als ordentlicher Professor), ging dann aber 1957 nach Kiel, wo er bis zu seiner Emeritierung 1970 an der Christian-Albrecht-Universität wirkte. Die Studenten schätzten ihn stets als "den Mann, der die Fülle der Einzelheiten zu einem anschaulichen Bild zusammenzuführen versteht, der Pathos meidet, in seiner konzentrierten und maßvollen Art auf Klarheit und Genauigkeit bedacht ist, der Bestimmtheit mit Liebenswürdigkeit verbindet".

Die Publikationen des Ostpreußen, wie etwa Essays über die Dichtung des Barock und über Leben und Werk Johann Wolfgang von Goethes, fanden einen großen Leserkreis. Bücher aus jüngerer Zeit wie "Ein Tag aus Goethes Leben" (Verlag C. H. Beck, 1990), "Weltbild und Dichtung im Zeitalter Goethes" (Verlag Hermann Böhlaus Nachf., 1993), "Weltbild und Dichtung im deutschen Barock" (Verlag C. H. Beck, 1992) zeichnen sich durch eine deutliche und anschauliche Sprache aus, so daß sie auch für Laien durchaus verständlich und pakkend zu lesen sind.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich Erich Trunz daran, im zerstörten Hamburg, wohin es ihn verschlagen hatte, Goethes Werke in 14 Bänden neu herauszugeben. "Das war nicht nur eine buchhändlerische Kalkulation im Lande der verbrannten privaten und öffentlichen Bibliotheken, der zerbombten Verlage und Universitäten", erkannte Alfred Kelletat 1976 in einem Artikel für Das Ostpreußenblatt, "es war gewiß in jener Lage mehr als eine Rettungstat, als Versuch geistiger Anknüpfung und Wiederherstellung und als Zeichen eines Neubeginns gedacht ... Ihr Nutzen, der sie zur unentbehrlichen Studienausgabe aller Goethe-Leser machte, lag nicht nur in der Verläßlichkeit der Texte, sondern in dem vor allem, was am Ende jeden Bandes schlicht als ,Anmerkungen des Herausgebers' bezeichnet ist und doch ein Viertel oder Drittel gar des Umfangs füllen kann; es bietet ein so faßliches wie praktisches Résumé der gesamten, oft komplizierten und weit zerstreuten Forschungslage zu der betreffenden Dichtung ... und der Sachkommentar geht an wichtigen Stellen in ausführliche eigene Interpretationen über ..."

Den zwischen 1948 und 1960 erschienenen 14 Bänden folgten sechs Briefbände (1962 bis 1969). Noch heute wird die "Hamburger Ausgabe" von Goethes Werken bei Studenten und Literaturfreunden gleichermaßen geschätzt und gilt als Basis der modernen Goethe-Forschung.

Immer wieder hat sich Trunz aber auch mit ostpreußischen Themen beschäftigt. So gab er 1932 nach dem Tod des Mohrungers Walter Harich dessen Roman "Witowd und Jagiello" heraus; 40 Jahre später erschien in der von Trunz herausgegeben Schriftenreihe "Kieler Studien zur deutschen Literaturgeschichte" der Ostpreußenroman Harichs "Der Aufstieg". Ein Artikel über Simon Dach ist zu nennen und Aufsätze über den Allensteiner Pädagogen Benno Böhm und die Allensteiner Malerin Frieda Strohmberg.

"Es ist, als habe er die Zeit zum Stehen gebracht", hat der Ostpreuße einmal über Goethe geschrieben. Zweifellos ist es auch Erich Trunz gelungen, mit seinem umfangreichen literaturwissenschaftlichen Werk längst vergangene Zeiten wieder lebendig werden zu lassen. Als er am 27. April 2001 in Kiel starb, hinterließ er nicht nur in der Literaturwissenschaft eine große Lücke. Mit ihm ging einer der letzten Germanisten, "der noch so schrieb, daß alle ihn verstanden haben", so Tilman Krause in der Tageszeitung Die Welt. Sein Nachlaß ging an das Literaturarchiv in Marbach - eine "Herausforderung für die Geschichtsschreiber der Germanistik im 20. Jahrhundert", wie Lothar Müller in der FAZ betonte. Silke Osman

Erich Trunz: Germanist aus Leidenschaft Foto: Archiv


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