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11.06.05 / Fremd und vertraut zugleich / Luise Wolfram berichtet eindrucksvoll über ihre Arbeit in ev.-luth. Gemeinden in Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 11. Juni 2005

Fremd und vertraut zugleich
Luise Wolfram berichtet eindrucksvoll über ihre Arbeit in ev.-luth. Gemeinden in Königsberg

Als Deutsche in Kaliningrad arbeiten, heißt nicht in Königsberg leben. Die Stadt ist uns fremd und vertraut zugleich, kalt und doch wärmer als manch andere Orte Rußlands, ruiniert und doch auferstanden aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Sie ist abweisend und dennoch liebenswert in ihrer Tristesse. Königsberg ist verschüttet unter Kaliningrad und doch noch spürbar."

Luise Wolfram weiß, wovon sie spricht, denn sie hat ihren Mann, den Propst Erhard Wolfram, von Anfang 1999 bis Herbst 2002 bei seiner Arbeit für die neu entstandenen 42 ev.-luth. Gemeinden im Königsberger Gebiet begleitet.

Ihre Wohnung hatten sie in der von deutschen Geldern und russischen Bauherren errichteten Auferstehungskirche, einem eindrucksvollen Bau - doch nur von außen. In zahlreichen Kapiteln berichtet sie von den Erlebnissen mit diesem ineffizent errichteten Gebäude. Ob falsch installierte Heizung, feuchte Wände, undichtes Dach, sich ablösende Tapeten, fehlende Küchengeräte, alles ist irgendwie marode, obwohl ganz neu, Reparaturen sind nur schwer machbar, da Ersatzteile oder Fachpersonal nicht greifbar sind.

Trotz allem hat Luise Wolfram ein ordentliches Dach über dem Kopf, vergleicht man ihre Wohnverhältnisse mit denen vieler ihrer Gemeindemitglieder.

So schreibt sie beispielsweise von einer vierköpfigen Familie, die in einem acht Quadratmeter großen Zimmer haust. Küche und Bad müssen sie sich mit zahlreichen anderen Familien teilen. Einfühlsam berichtete die Autorin über diese und andere Bewohner der widersprüchlichen Stadt, deren Leben in vielem so vollkommen anders ist als das unsere. Denn, obwohl inzwischen umschlossen von der Europäischen Union, herrschen in der Stadt am Pregel Verhältnisse wie auf einem anderen Stern.

So kann die Polizei bei einem Autounfall nicht an den Unfallort kommen, da sie kein Benzin mehr hat, Menschen schlagen sich bei der Verteilung von Hilfsgütern fast wegen eines Herrenanzugs, und Spenden an Krankenhäuser befinden sich am Rande der Illegalität.

Auch die Geschichte der aus Kasachstan zugezogenen Deutschrussen, denen aus Neid ihre neu auf-gebaute Existenz zerstört wird, empört, nachdem die Autorin deren vorherige Aufbauleistung eindrucksvoll geschildert hat.

"Störche kennen keine Grenzen" erkennt die Autorin in ihrem gleichnamigen Buch ganz richtig, Russen, Litauer und Polen sehr wohl. Besonders an der russisch-litauischen Grenzen ist ein halber Tag Wartezeit nichts ungewöhnliches.

"Wir suchen nach Balga. Kein Mensch weit und breit, erst eine alte Pilzsammlerin weiß Genaueres. ,Das sind wohl die Ruinen drüben an der Küste.' Wir stoßen auf gespentisch-düstere, mehrere Stock-werke hohe Ziegelmauern, deren Ausmaße gewaltig gewesen sein müssen. Geschichte steht im Walde versteckt und verkommt."

Ein äußerst gelungene Momentaufnahme einer sich im Wandel befindlichen Großstadt zwischen den Welten. Rebecca Bellano

Luise Wolfram: "Störche kennen keine Grenzen - Erlebnisse in Königsberg-Kaliningrad und im nördlichen Ostpreußen", Brunnen, Gießen 2005, broschiert, 240 Seiten, 9,95 Euro


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