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18.06.05 / Keine Bilder für die Präsidentengattin / Wie russische Grenzbeamte Ljudmila Putina darum brachten, 140 Kunstwerke deutscher Maler in Königsberg zu sehen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 18. Juni 2005

Keine Bilder für die Präsidentengattin
Wie russische Grenzbeamte Ljudmila Putina darum brachten, 140 Kunstwerke deutscher Maler in Königsberg zu sehen

Die noch immer recht zahlreichen alten Königsberger, zusammengeschlossen in der Stadtgemeinschaft Königsberg, und das Museum Stadt Königsberg in Duisburg wollen nicht einfach so über den 750. Geburtstag der Hauptstadt Ostpreußens hinweggehen. Das liegt zum einen an der Heimatverbundenheit, aber auch daran, daß Veranstaltungen an historischer Stätte Gelegenheit bieten, im Geiste der Versöhnung mit den russischen Bewohnern der Pregelmetropole zusammenzukommen, sie weiter kennenzulernen, ihnen auch zu helfen. So sind für den übernächsten Monat knapp zwei Wochen Königsberger Kulturtage geplant, veranstaltet von der Stadtgemeinschaft, dem Deutsch-Russischen Haus in Königsberg sowie der Universität und der Staatlichen Galerie der Stadt. Vorgesehen sind Konzerte, Treffen, Ausstellungen, Vorträge, Besichtigungen und Gottesdienste.

Ein Höhepunkt der Veranstaltungsreihe sollte eine Kunstausstellung werden, auf der etwa 140 Bilder deutscher Maler ausgestellt werden sollten, die im früheren Königsberg studiert hatten, Motto: "100 Jahre Königsberger Kunstakademie 1845 - 1944". Dabei sollten sein Corinth, Kollwitz, Heinrich Wolff, Helene Neumann, Kurt Losch, um nur einige zu nennen. Die Bilder wurden aus dem Duisburger Museum und von Privatleuten zur Verfügung gestellt - für manchen sicher eine große Überwindung! Die Bilder wurden in Duisburg zusammengeführt, damit man - wie es ein internationales Kunstabkommen, dem auch Rußland und Deutschland beigetreten sind - in Gegenwart von Zoll und Industrie- und Handelskammer ein Carnet de Passages erstellen kann - das erspart die Einzelkontrolle der Bilder sowohl bei der Einreise in die Russische Föderation als auch bei der Ausreise. Ein Wust von vorgeschriebenen verschiedenfarbigen Vordrucken mit viel Geschriebenem und einer Menge Unterschriften und Stempeln ist so ein "Passierscheinheft"!

Als Transportmittel ergab sich ein VW-Bus mit Fahrer, der ohnehin öfter nach Königsberg fährt, um dort Hilfsgüter hinzubringen - eine preiswerte und sachkundige Lösung des Transports, der - da fast alle Bilder nicht gerahmt waren - nicht von wesentlichem Volumen war. Begleitet wurde der Fahrer vom stellvertretenden Organisator deutscherseits und von einem zweiten Personenkraftwagen mit zwei Personen, die bis zum Grenzübergang zwischen der Republik Polen und der Russischen Föderation Goldap sozusagen "Geleitschutz" geben sollten von wegen Panne, Unfall oder dergleichen. Mancher Leser mag sich Fragen, warum denn der Transport schon im April erfolgte, wenn die Kulturtage doch erst im August sein sollen. Die geplante Kunstausstellung sollte schon "stehen", wenn die Regierungschefs von Rußland und Deutschland in Königsberg zusammentreffen, um eine Gedenktafel zu enthüllen. Und da Seitens Königsbergs irgendwelche freundschaftlichen Beziehungen zu Frau Putina bestehen und Frau Putina sich schon sehr auf diese Kunstausstellung freute, schien der Bildertransport schon so früh nötig.

So machte sich der Kleinbus aus Duisburg mit Bildern und Carnet am Sonnabend, dem 22. April, auf nach Berlin, von wo aus er mit Begleitung einen Tag später dann in Richtung Polen weiterfuhr. Die Formalitäten an der Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Republik Polen waren schnell und unkompliziert erledigt, weiter ging die doch weite Reise bis an das Königsberger Gebiet heran, wo man gegen 19.30 Uhr eintraf. Der Begleit-Pkw fuhr zurück nach Sensburg, was noch mal rund 150 Kilometer Fahrt erforderte. Dort wollten die Begleiter aus privaten Gründen fünf Tage bleiben.

Wie wunderten sich diese Begleiter, zu denen der Verfasser gehörte, als sie am nächsten Tag gegen 12 Uhr mittags über Handy von der VW-Besatzung die Mitteilung erhielten, sie seien noch nicht in der Russischen Föderation, sondern nun am Grenzübergang Bartenstein. Man habe sie in Goldap zwar stundenlang kontrolliert, aber dann doch nicht durchgelassen, dann gegen 24 Uhr zum Grenzübergang Bartenstein geschickt, der rund 240 Kilometer von Goldap entfernt liegt, dort aber nachts nicht mehr abgefertigt, weil der Verantwortliche geschlafen habe und nicht habe geweckt werden dürfen. Der hätte um 9 Uhr kommen sollen, sei dann tatsächlich aber erst um 10 Uhr gekommen, habe sie dann wieder zwei Stunden kontrolliert, um sie schließlich wiederum abzuweisen. Sie müßten nun die Bilder loswerden und sie deshalb zu den Begleitern nach Sensburg bringen, um - dann ohne die Bilder - wenigstens die Hilfsgüter noch in die Russische Föderation zu kriegen. Am Donnerstag, dem 28. April, würden sie auf der Rückfahrt die Bilder in Sensburg wieder aufnehmen, um sie in die Bundesrepublik Deutschland zurückzubefördern.

Also machte sich der VW-Bus auf die rund 200 Kilometer lange Fahrt nach Sensburg, lieferte die Bilder ab, die im Hotelzimmer abgestellt wurden, und machte sich dann wieder auf nach Goldap - weitere 150 Kilometer. Dort waren sie schon bekannt und wurden deshalb besonders arg kontrolliert mit der Folge, daß sie wegen Übergepäcks 277 Euro Strafgebühr, pro Überkilo vier Euro, zahlen mußten, was aber natürlich auch nicht so einfach ablief. Zunächst gingen die Grenzer einfach davon aus, man wolle nicht zahlen und zurückfahren, was ein entsprechendes Ungültigmachen von Visa und anderen Papieren zur Folge hatte. Als aber auf Bezahlung und Einreise bestanden wurde und die ganzen Abweisungsprozeduren rückgängig gemacht werden sollten, streikte der PC-Drucker. Und von den fünf Grenzern, die alle begeistert die Reparaturversuche des wohl einzigen Kundigen verfolgten, waren Abfertigungstätigkeiten in dieser Zeit selbstverständlich nicht zu erwarten, was auch verständlich macht, warum Russen dort bis zu zwei Tagen warten, um hinein- oder herauszukommen. Als schließlich alles in Ordnung war und der VW-Bus nach Königsberg einfuhr, waren wieder vier Stunden vergangen, es war inzwischen Montag, der 25. April, 23 Uhr.

Es interessiert natürlich noch die Frage: Warum durften die VW-Bus-Leute denn mit den Bildern nun nicht einreisen? Dazu kann man nur die Gründe nennen, die ihnen an den Grenzübergängen gesagt wurden, die man aber als vorgeschoben ansehen muß: Das Papier des Carnets hätte die falsche Farbe, es hätte nicht der Chef des Museums als Verantwortlicher unterschreiben dürfen, sondern der begleitende Vize-Chef. Ein Angebot, das vor Ort nachzuholen, wurde entrüstet abgelehnt, obwohl der eine Vollmacht des Chefs vorweisen konnte - ja, aber die war nicht von der Industrie- und Handelskammer abgestempelt. Und das Bild Nr. 140, zu dem geschrieben stand, es würde nicht wieder ausgeführt, da als Geschenk an die Staatliche Galerie in Königsberg gedacht, hätte überhaupt nicht ins Carnet gehört. Auch ein diesbezügliches Angebot, das Bild vor Ort zu streichen, wurde abgeschlagen, denn nur der Chef, der ja nicht dabei war, dürfte die Streichung vornehmen und die Vollmacht zähle ja nicht. Der Einwand, der Chef hätte doch nach ihrer eigenen Auffassung zu Unrecht unterschrieben, dann könne man sich doch jetzt nicht auf ihn berufen, zeigte auch keine Wirkung bei den Grenzwächtern.

So fuhren die Bilder am 28. April in die Bundesrepublik Deutschland zurück, selbstverständlich ohne jede Beanstandung an der Grenze zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik. Und Frau Putina muß nun, will sie die Bilder dennoch sehen, einen Besuch in der Bundesrepublik machen.

Übrigens: Schon Anfang Februar dieses Jahres hat der Verfasser ein Schreiben an die russische Botschaft in seiner Heimatstadt Berlin gerichtet und darin um ein Gespräch mit dem Kulturreferenten gebeten und dabei auch Zeitplan und Inhalt der Sache dargelegt, nachdem ein Telefongespräch dazu abgelehnt und auf den Schriftweg verwiesen worden war. Sinn des Gesprächs sollte es sein, Hinweise zu erhalten, wie man möglichst einfach den Hin- und Rücktransport der Bilder bewerkstelligen kann. Bis jetzt hat der Verfasser noch keine Antwort erhalten. Das bekommt allerdings Sinn, wenn man die nach dem geschilderten Desaster von russischen Verwaltungskennern erhaltenen Informationen berücksichtigt: Administration läuft in Rußland nicht obergründig ab, sondern gegenteilig, was nichts mit Korruption zu tun hat, aber mit Kompetenzen, ihrem Fehlen und ihren Verlagerungen. Und dann hat man auch endlich glaubhafte Gründe, warum die deutschen Bilder nicht nach Königsberg gekommen sind.

Der Name der Autors ist der Redaktion bekannt.

Kunstwächter wider Willen: Der Verfasser mit den eigentlich für Königsberg bestimmten Bildern in seinem Sensburger Hotelzimmer Foto: privat


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