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16.07.05 / Masse statt Klasse / Trotz Bewerberflut finden immer weniger Unternehmer geeignete Auszubildende

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. Juli 2005

Masse statt Klasse
Trotz Bewerberflut finden immer weniger Unternehmer geeignete Auszubildende
von Sverre Gutschmidt

Ausbildung ist zum Dauerthema geworden, nicht nur in Zeiten des Wahlkampfes. Die monatliche Lehrstellenstatistik der Bundesagentur für Arbeit gilt als Trendmesser für die Entwicklung am Arbeitsmarkt. Die traurige Gewißheit: Die Zahl der Stellen nimmt ab. Von Oktober 2004 bis Mai 2005 wurden den Arbeitsämtern 370.000 Lehrstellen zur Vermittlung angeboten - 39.000 weniger als im Vergleichszeitraum 2003/2004.

Es herrsche Lehrstellenmangel, klagt die Politik. "Wir haben immer noch 70 Prozent von Unternehmen, die nicht ausbilden", kritisierte Bundesbildungsministerin Bulmahn im Juni - 175.000 Lehrstellen fehlten so in Deutschland. Als Antwort auf den Mangel ertönen Schlagworte wie "Ausbildungsplatzabgabe" oder "Unternehmerpflicht". Doch woran krankt das deutsche Bildungs- und Ausbildungswesen wirklich?

Eine Umfrage unter 250 Unternehmen aller Größen und Branchen, durchgeführt von der Hamburger Unternehmensberatung GSConsult, offenbart ein massives gesellschaftliches Problem: Die Schere zwischen Anspruch und Wirklichkeit bei Auszubildenden und Betrieben öffnet sich zunehmend. Es sind nicht mehr nur zu wenig Plätze vorhanden, sondern auch zu wenig qualifizierte Bewerber, zu wenig zielführende Vorbereitung in Schule und Elternhaus sowie letztlich auch zu wenig Leistungsbereitschaft bei den Arbeitnehmern von morgen.

Ein Beispiel: In einer Handelsschule nahe der Hamburger Innenstadt bereiten sich Schüler auf ihren Schulabschluß vor - die alltägliche Situation hat einen Schönheitsfehler: Viele sind nicht zum erstenmal hier. Der nachgeholte Hauptschulabschluß ist für sie die letzte Chance, überhaupt eine Schullaufbahn regulär zu beenden. Doch statt Lerneifer herrschen Pöbeleien, Desinteresse, miserable Leistungen vor. Die Lehrer sind verzweifelt, ihre Sorgenkinder machen sich hingegen längst keine Gedanken um die Zukunft mehr. Selbst bei gutwilliger Benotung schaffen 80 Prozent der Klasse diese letzte Hürde nicht. Was wie ein Horrorszenario aussieht, ist in vielen Großstadt-Hauptschulen Realität. Einige Schüler erscheinen nur noch zum Jahresanfang. Die Schule ist verpflichtet, ihnen eine Bescheinigung über den Schulbesuch auszustellen, auf dem Sozialamt bekommen sie dafür Geld - zur Schule kommen sie dann den Rest des Jahres nicht mehr.

Ein Extremszenario, das nicht repräsentativ ist und doch auf traurige Art zukunftsweisend sein könnte. Wie die Unternehmensberatung GSConsult herausfand, sehen Unternehmer, die ausbilden, große Mängel bei ihren Azubis. Masse statt Klasse: Ein Drittel der befragten Betriebe bekommt mehr als 500 Bewerbungen pro Jahr - Auswahl sollte reichlich vorhanden sein, könnte man meinen. Doch 83 Prozent der Unternehmen geben an, daß bei ihren Azubis die wichtigen Leistungen in Deutsch und Mathematik in den letzten zehn Jahren schlechter geworden sind. Wer keinen Schulabschluß hat, hat praktisch keine Chancen mehr - nur drei Prozent der Betriebe ziehen solche Bewerber überhaupt in Betracht. Denn in Sachen Leistungsniveau erwartet die Mehrheit der Unternehmen eher eine Steigerung der Anforderungen an die Jugendlichen in den nächsten Jahren. Vor diesem Hintergrund sieht die Studie dramatische Folgen für die Entwicklung an deutschen Schulen: Immer mehr Berufsanfängern fehlen die nötigen Grundlagen.

Doch auch umgekehrt, bei der eigenen Leistung, sehen sich die Betriebe zunehmend in die Pflicht genommen: 73 Prozent meinen, die Anforderungen an die Ausbilder seien gestiegen - sowohl fachlich als auch in Punkto sozialer Kompetenz. Zu Leistungsschwächen der Azubis kommt zunehmend mangelnde soziale Kompetenz hinzu, die von ihren Ausbildern aufgefangen werden muß. 59 Prozent sind der Auffassung, daß Benehmen und soziale Kompetenz ihrer Lehrlinge in den letzten zehn Jahren schlechter geworden sind. Ein Viertel der Befragten bemerkt mangelnden Ehrgeiz, fehlende Motivation sowie Disziplinprobleme bei ihrem betrieblichen Nachwuchs. Immerhin äußert sich die Hälfte sehr positiv über ihre Auszubildenden. Von Spaß am Lernen, fachlichem Interesse, Pünktlichkeit und angemessenem Auftreten ist dann die Rede.

Daher achtet, wer ausbilden will, heute mehr denn je auf Umgangsformen und soziale Kompetenz - und zwar spätestens beim Vorstellungsgespräch. Auch das ergab die Umfrage. Authentisches Auftreten, aber auch Teamfähigkeit sind gefragt sowie Interesse am Unternehmen. Erst in zweiter Linie kommen gepflegtes Äußeres, genaue Zielvorstellungen, Unbefangenheit, Intelligenz und Selbständigkeit.

Der jedes Jahr erneut politisch zelebrierte Pakt für Ausbildung findet in diesen Problemen zwischen Azubis und Betrieben seine natürlichen Grenzen. Wenn die Wirtschaft zusagt, jährlich 25.000 sogenannte Einstiegsqualifikationen für bei der Lehrstellensuche zu kurz Gekommene anzubieten, läßt sich das Ausmaß des Dilemmas erahnen. Längst muß in den Betrieben und mit Hilfe der Wirtschaft nachgeholt werden, was Schule und Elternhaus und nicht zuletzt die Politik versäumen. Denn auch das zeigt die GSConsult-Studie: Die Ausbildungsverantwortlichen vor Ort sind deutlich skeptisch, wie Schule und Elternhaus gegenwärtig den Nachwuchs auf das Berufsleben vorbereiten.

In manchen Berufen finden Lehrlinge und Meister schlicht nicht mehr zueinander - so im Bäckerhandwerk. Die wenigen, die sich überhaupt noch bewerben, tun dies als letzte Lösung und sind eben dies dann oft selbst für den Betrieb, der mit einer steigenden Zahl EU-Richtlinien und Umweltauflagen zu kämpfen hat. Daß viele Unternehmen nur noch Abiturienten oder Realschüler nehmen - auch das zeigt die Umfrage - hängt also nicht nur mit einem vermeintlichen Qualifikationswahn der Unternehmen zusammen. Viele Berufe haben sich in ihren Anforderungen massiv gewandelt - die klassischen Schul- und Bildungswege, die eigentlich darauf vorbereiten sollen, nicht.

Hier hat die Politik geschlafen - nicht zuletzt aufgrund des Kompetenzgerangels der Länder in der Bildung. In einigen Bundesländern haben beispielsweise Hauptschüler durchaus noch gute Ausbildungschancen, während sie in anderen Regionen praktisch chancenlos sind. Änderungen in Sachen Ausbildung sind somit geboten - die Alternative wäre letztlich das Abwandern und Absterben ganzer Branchen.

Schon jetzt können kleine und mittelständische Betriebe die Defizite der Bewerber und ihres schulischen und sozialen Milieus oft nicht mehr auffangen, müssen notgedrungen auf Ausbildung verzichten. Das Vordringen großer Ladenketten im Handel, das Verschwinden traditioneller Geschäfte sind Entwicklungen, die nicht zuletzt auch durch Nachwuchsschwierigkeiten begünstigt werden.

Ausbildungsprobleme werden so zu gesamtgesellschaftlichen Problemen. Die Folge wäre eine ausgedünnte Ausbildungswelt, in der nur noch die großen ihrer Branche mit aufwendigen Qualifikationsmaßnahmen den unterdurchschnittlichen Azubis eine Chance bieten. Der Trend dazu ist erkennbar - daß "allen ausbildungswilligen und ausbildungsfähigen Menschen ein Angebot auf Ausbildung unterbreitet" wird, wie es der "Nationale Pakt für Ausbildung" vorsieht, hängt somit nicht allein von der Wirtschaft ab.


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