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16.07.05 / Die besten Chansonsänger kommen aus ...

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. Juli 2005

Die besten Chansonsänger kommen aus ...
von Werner Hassler

Fast ein Jahr lang hatte Claudia als Au-pair-Mädchen in Paris gelebt. Es war für sie eine schöne Zeit gewesen, denn neben der Auffrischung ihrer französischen Sprachkenntnisse lernte sie auch viel von Frankreich lieben und schätzen. Wen wunderte es dann, daß Claudia zu Hause in ihrem Bekanntenkreis keine Gelegenheit ungenutzt ließ, um von Paris zu schwärmen.

Schließlich hatte sie ihr Ziel erreicht. Ihre Schwärmerei hatte gesiegt und so brachen drei Freundinnen und sie zu einem Kurzurlaub nach Paris auf. Claudia führte ihre Freundinnen kreuz und quer durch die Stadt. Es erfüllte sie mit stolzer Genugtuung, wie sie sich als Reiseleiterin bewähren und ihren Freundinnen die Weltstadt zeigen konnte. Manchmal hatten diese jedoch das Gefühl, als wollte Claudia all ihr in einem Jahr erworbenes Paris-Wissen auf einmal loswerden.

Völlig erschöpft waren sie am Montmartre angelangt. Die Straßencafés luden ein zur willkommenen Entspannung. Bei Kaffee und Kuchen sahen sie dem bunten Treiben in diesem Künstler- und Vergnügungsviertel zu.

Sie redeten nichts, dachten an nichts, bis plötzlich ein Gitarrenspieler in ihrer Nähe ihre Aufmerksamkeit weckte. Sein Spiel war nicht nur gut, er sang auch hervorragend dazu und sah obendrein blendend aus.

Claudia und ihre Freundinnen rückten mit den Stühlen näher und lauschten seinen Chansons. Fast flüsternd wurde Claudia von ihren Freundinnen gebeten, ihnen doch den Text der Lieder zu übersetzen. Sie tat es so gut es ihre französischen Sprachkenntnisse zuließen und heimste von ihren respektvoll lauschenden Freundinnen bewundernde Blicke ein.

"Könnt ihr jetzt verstehen", sagte sie mit kaum verborgener Genugtuung, "was ich euch immer von den französischen Chansonniers erzählt habe? Jeden freien Abend bin ich hierher gegangen und habe zugehört. Die Franzosen sind eben die besten Chansonsänger der Welt!"

Ihre Freundinnen nickten zustimmend. Der Liedermacher gönnte sich nun eine kleine Pause. Passanten gingen vorbei und warfen einige Münzen in sein Barét, was er mit einem artigen "Merci beaucoup" quittierte.

Claudia wandte sich wieder ihren Freundinnen zu. "So wie der Chansons singt, können nur Franzosen sie vortragen!"

Der Liedermacher grinste, griff nach seiner Gitarre und begann in lupenreinem Deutsch "Am Brunnen vor dem Tore" zu intonieren. Etwas irritiert, aber dennoch selbstsicher fragte Claudia: "Sie haben das deutsche Lied eben sehr schön gesungen. Wo haben Sie es gelernt?"

Der Chansonnier stellte seine Gitarre in die Ecke. "In Düsseldorf, bei Vater und Mutter. Dort bin ich geboren, aufgewachsen und habe Musik studiert. Wissen Sie, in Düsseldorf wird zudem ausnahmslos auch Deutsch gesprochen!"

Claudias Freundinnen kicherten. Aber sie wäre am liebsten in den Boden versunken. Nur der dicke Asphalt von Montmartre bewahrte sie davor.


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