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16.07.05 / Altes Haus mit Geschichte

© Preußische Allgemeine Zeitung / 16. Juli 2005

Altes Haus mit Geschichte
von Alfred Weng

Nicht nur Menschen haben eine Biographie, auch Häuser können eine interessante Geschichte hinter sich haben. Dieses wurde mir erst so richtig bewußt, als mir von Jan eine Dachpfanne mit der Jahreszahl 1860 überreicht wurde. Sicher ist es das Jahr, in dem meine Vorfahren sich entschlossen, das ihnen zu eng gewordene Dorf Palten zu verlassen und auf ihrem Feld einen neuen Bauernhof zu errichten.

Es wurde ein schöner Platz gefunden, direkt am Waldesrand, in einer Talsenke am Landweg zum Nachbardorf Gayl. Für den neuen Hof wurde ein großzügiger Grundriß erstellt, Platz war genügend vorhanden; und so konnte an die Arbeit gegangen werden. Holz wurde aus dem eigenen Wald genommen und von Hand bearbeitet. Die Steine wurden vom Feld gesammelt und in den Fundamenten verarbeitet. So entstand mit viel Fleiß der ganzen Familie, mit Hilfe der Nachbarn und Verwandten ein schöner Hof mit einem geräumigen Wohnhaus. Dieses war auch erforderlich, denn die Familien waren damals immer sehr groß. Um das ganze Anwesen wurden Pappeln gepflanzt, die mit der Zeit zu Baumgiganten heranwuchsen und so manch einem Blitz als Ziel dienten.

Als meine Mutter zur Welt kam, sie hatte noch neun Geschwister, da war das Haus schon 36 Jahre alt. Kinderzimmer gab es keine, dafür war der Dachboden, die Lucht, vorgesehen. Dort standen die Bettgestelle, die mit Strohsäcken und dikken Federbetten ausgestattet waren. In den ersten Jahren mußten sich immer zwei Kinder ein Bett teilen.

Schon früh wurden sie zur Arbeit auf dem Hof herangezogen. Jedes hatte eine feste Aufgabe zu erfüllen, zum Spielen war kaum Zeit. Dann kam der weite Schulweg nach Kirschienen, der, besonders im Winter, kein Vergnügen war. Im Herbst, wenn die Arbeit in der Landwirtschaft weniger wurde, richtete man in dem großen Wohnzimmer eine Spinn- und Webstube ein. Die jungen Frauen fertigten hier ihre Aussteuer aus den auf den Feldern geernteten Rohstoffen; natürlich mit dem eingestickten Monogramm. Wenn die Truhe voll war, konnte geheiratet werden. So war es in der Regel. Doch vorher wurde noch ein Kochkurs im Hotel Kaiserhof / Kahlberg und eine Tanzschule in Mehlsack besucht. Dort hat auch meine Mutter ihren Mann, meinen späteren Vater, kennengelernt. Es war ein Bauernsohn aus dem Nachbardorf.

Nach zehnjähriger Verlobungszeit beschlossen sie zu heiraten. Am Tag vor der Hochzeit gab es ein gewaltiges Unwetter, mit Sturm, Regen und Hagel. Die entstandenen Schäden waren groß. Trotzdem traf sich am Morgen die Hochzeitsgesellschaft pünktlich vor der Kirche in Peterswalde. Nur der Bräutigam und die Trauzeugen fehlten. Was war geschehen? Die Brücke über den Mühlenbach Kirschienen war vom Hochwasser weggerissen worden, der Weg war unpassierbar. Es gab keine andere Lösung, als umzukehren und den Weg über Mehlsack nach Peterswalde zu nehmen. Mit völlig erschöpften Pferden und dreistündiger Verspätung trafen der Bräutigam und die Trauzeugen dort ein. Meine Mutter mit ihren Gästen hatte tapfer ausgehalten; jetzt konnte die Trauung vollzogen werden. Auf dem Hof in Palten gab es dann eine große Feier. Diese Hochzeit bot noch lange Zeit Gesprächsstoff in der von Ereignissen so armen Gegend. Danach zog meine Mutter zu meinem Vater auf den neuen Bauernhof.

Wie ich Palten zum erstenmal erlebte, bleibt in meiner Erinnerung etwas verschwommen. Es gab dort ein Hausmädchen, Trude, die uns Kinder in ihr Herz geschlossen hatte, und wir wollten immer so schnell wie möglich dort wieder hin. Endlich war es wieder einmal so weit. Meine Schwester und ich, wir waren damals acht und sechs Jahre alt, durften für zwei Wochen zu Oma. Der Auto-Kretschmann brachte uns dort hin, wo wir herzlich empfangen wurden, ganz besonders von Trude. Auch Oma und die Onkel und Tanten nahmen uns herzlich in die Arme. Nun folgten sonnige Tage voll schöner Erinnerung. Es war Erntezeit, und wir durften den Leuten das zweite Frühstück und den Nachmittagskaffee aufs Feld bringen. Dafür durften wir dann auf dem Wiesenbaum reiten, der hinter dem zu beladenden Erntewagen angebunden war. War der Wagen dann voll beladen, durften wir hinaufklettern und mit zur Scheune fahren. Wir lagen auf dem Rücken und schauten in den blauen Himmel, bis uns die Äste der an den Feldwegen stehenden Kirschbäume über das Gesicht strichen. So fielen uns die schwarzroten Kirschen richtig in den Mund.

Eines Morgens stand das Auto von Kretschmann wieder auf dem Hof, und wir mußten Abschied nehmen. Zur Belohnung für unsere "Mithilfe" drückte Oma uns Geld in die Hand. Ich bekam ein Fünfmarkstück und Eva fünf einzelne Markstücke. Daraufhin fing ich bitterlich an zu weinen; ich hatte nur ein Stück Geld und meine Schwester fünf. Nach gutem Zureden unserer Tante Hedwig haben wir dann getauscht. Nun konnten wir glücklich wieder nach Hause fahren. Noch einige Male hatten wir das Vergnügen, unsere Ferien in Palten zu verleben. Als Onkel Bruno heiratete, wurde das Haus gründlich renoviert. Sogar ein modernes Badezimmer wurde eingebaut.

Inzwischen war der verhängnisvolle Krieg ausgebrochen. Ständig hörte man im Osten ein Rumoren, das allmählich lauter wurde. Mitte Januar 1945 fing die Erde an zu beben. Die Sowjets hatten mit einer Übermacht von 15:1 den Sturm auf Ostpreußen begonnen. Der Strom von Flüchtlingen und Militär auf den Straßen nahm erschreckende Ausmaße an, es herrschten grausame Zustände. Meine Eltern wollten nicht flüchten, nur ich sollte mich nach Palten in Sicherheit bringen. Ein Rodelschlitten wurde mit dem Wichtigsten beladen. So verließ ich Roggenhausen und schloß mich dem Flüchtlingsstrom Richtung Settau an. Nach zwei Tagen hatte ich mein Ziel erreicht. Tante Auguste war bereits auf dem Hof und hatte die Führung übernommen.

Es herrschte große Aufregung. Das auf dem Hof befindliche Heer riet dringend zur Flucht. Vier Leiterwagen wurden hergerichtet und beladen. Mit dieser kleinen Karawane verließen wir am nächsten Morgen den Hof. Noch einmal schaute ich zurück auf das Haus, das uns immer so viel Geborgenheit gegeben hatte. Jetzt begann für Mensch und Tier ein vierwöchiges Martyrium. Wir beneideten die Toten am Straßenrand. In der Kaschubei, auf einem Bauernhof, war die Flucht zu Ende. Dort wurden wir von der russischen Walze überrollt.

Es begann für uns eine Zeit der Rechtlosigkeit und Demütigung. Unsere Pferde und Wagen waren weg sowie unsere ganze Habe. Wir hatten nur den einen Wunsch, wieder nach Hause zu kommen. Doch das war nicht möglich. Vorerst wurden wir von den Russen, später von den Polen zur Arbeit eingesetzt. Auf diese Weise hatten wir die Möglichkeit zur Beschaffung von Reisepapieren. Im Juni war es so weit. Wir bekamen Fahrkarten für die Eisenbahn, mit der wir auf abenteuerlichen Wegen bis nach Guttstadt kamen. Wir fanden dort eine Karre, auf der wir unsere Oma nach Hause transportieren konnten.

Unsere Heimat war nicht wiederzuerkennen, sie war verwüstet und leer. Als wir uns Palten näherten, stiegen wir auf einen Hügel, um auszuspähen, wie es wohl Omas Hof ergangen war. Wir konnten nur Baumstümpfe und Ruinen erkennen. Keiner wollte glauben, was sich unseren Augen darbot. Unter Aufbietung der letzten Kräfte gingen wir querfeldein, unserem Ziel entgegen. Schockiert standen wir, jeder mit einem Pungelchen unterm Arm, und Oma auf der Karre, vor einer Ruine. Bis einer sagte: "Kommt, laßt uns reingehen, wir sind doch zu Hause."

Irgendwie war ein Wunder geschehen; das Haus war trotz unzähliger Granateinschläge nicht abgebrannt. Alle anderen Gebäude waren vom Erdboden verschwunden. Wir gingen mit vereinten Kräften daran, das Haus aufzuräumen. Der Küchenherd war zum Glück erhalten geblieben. Ich begab mich aufs Dach, um wenigstens einen kleinen Teil des Hauses abzudichten. Obwohl es unendlich viel an diesem geschundenen Haus zu tun gab, setzte sich bei mir der Wunsch durch, zu meinen Eltern und Geschwistern zurückzukehren. Eines Tages war es so weit; ich überließ meine Verwandten ihrem Schicksal und machte mich auf den Weg nach Roggenhausen.

Oma und Tante Hedwig waren körperlich und seelisch so geschwächt, daß sie im Herbst starben. In einem selbstgezimmerten Sarg wurden ihre sterblichen Überreste als die letzten Toten der Familie Schmidt aus diesem Haus getragen. Tante Auguste mit ihrer Tochter Erika durfte noch bis 1947 dort wohnen bleiben. Dann wurden auch sie vertrieben. Zur gleichen Zeit, als die beiden auszogen, sind die Störche in ihre Heimat zurückgekehrt. Sie bauten auf einem Baumstumpf ihr Nest.

1974, Leid und Trauer um die Heimat waren verblaßt, fuhr ich zum ersten Mal mit meiner Frau Ursula nach Polen. Sie hatte für diese Reise die polnische Sprache gelernt, und so konnten wir uns immer gut verständigen. Wir kehrten auch in Palten ein. Das Haus war fast unverändert. Nur die größten Schäden waren behoben. Wir lernten Janina und Stanislaw, Vertriebene aus Ostpolen, kennen. Mit ihrer munteren Kinderschar bewohnten sie einen Teil des Hauses. Wir bekamen sofort herzliche Zuneigung zu spüren, die bis heute andauert. Sie haben den brennenden Wunsch, über die Geschichte dieses Hauses alles zu erfahren.

Inzwischen waren wir schon viele Male dort, und immer zeigte man uns voller Stolz den Fortgang der Sanierungsarbeiten. Heute, nach 60 Jahren, ist aus der einstigen Ruine wieder ein schönes Haus geworden. - Dieses Haus war mein, und doch nicht mein, ich zog aus, der andere ein, ist auch nicht sein.

Erinnerungen geweckt: Alfred Weng mit der alten Dachpfanne Fotos (2): privat

Besuch in Palten: Fünf Enkel der Familie Schmidt vor dem Haus der Großmutter


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