28.01.2022

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30.07.05 / Der rote Badeanzug

© Preußische Allgemeine Zeitung / 30. Juli 2005

Der rote Badeanzug
von Helga Licher

Kaum habe ich meine alljährliche Winterdepression überwunden, überfällt mich meistens völlig unvorbereitet die nächste Katastrophe. Der Sommer naht und damit auch die Badesaison. Und wie jedes Jahr stellt sich mir immer wieder die gleiche Frage: "Passe ich noch in den Bikini vom letzten Jahr?" Und mit schönster Regelmäßigkeit muß ich diese Frage mit einem deutlichen "Nein" beantworten. All die süßen Leckereien, die mir die grauen Wintermonate verschönt haben, rächen sich jetzt auf grausame Weise. Die Welt ist ungerecht!

Während man im Winter Artikel zu Themen wie "Mollig, na und" oder "Glücklich und rund ..." in sämtlichen Illustrierten lesen kann, füttern diese Blätter ihre Leserinnen in den Sommermonaten mit "Diätplänen" oder seitenlangen Berichten, wie ungesund Übergewicht ist. Warum wurde mir diese Tatsache nicht bereits im Oktober oder November mitgeteilt? Dann hätte ich mir doch den einen oder anderen Dominostein verkniffen und würde jetzt ganz locker in meinen Bikini passen.

Ich kann mich noch gut erinnern, es gab eine Zeit da hatte ich einen Taillenumfang von 45 Zentimetern. Nun gut, da war ich ungefähr neun Jahre alt und trug einen einteiligen roten Badeanzug. Heute hat mein rechter Oberschenkel ungefähr diesen Umfang. Als mich neulich im Freibad ein kleiner Junge fragte, ob ich ihm meinen Schwimmring borgen würde, obwohl ich gar keinen umhatte, machte ich mir das erste Mal Sorgen um meine Figur. Ich besorgte mir einen Diätplan und begann ein Tagebuch zu schreiben. Es wanderte kein Bissen mehr in meinen Mund, der nicht vorher exakt gewogen, berechnet und notiert wurde.

Ich startete an einem Montag mit einer Pampelmuse und einer Tasse ungesüßtem Tee und fühlte mich wundervoll. Wenn ich so weitermachte, würde mir meine Hose spätestens am dritten Tag auf die Knie rutschen.

Gutgelaunt aß ich mittags einen Mohrrübensalat, und da ich ja zum Frühstück kaum etwas zu mir genommen hatte, gönnte ich mir ein Brötchen mit Fleischsalat dazu. Nachmittags bestellte ich aus einem Versandhauskatalog eine tolle schwarze Jeans, vorsorglich schon mal zwei Nummern kleiner.

Am Abend des ersten Diättages schlug mein Magen Purzelbäume und mir war schlecht vor Hunger. Ich hätte die Politur von den Möbeln gegessen, entschied mich aber für ein paniertes Schnitzel. Als Betthupferl gönnte ich mir später noch ein kleines Eis, allerdings ohne Sahne, schließlich machte ich ja eine Diät. Ich schlief wundervoll in dieser Nacht und im Traum sah ich mich in einem knappen Bikini am Strand entlang schlendern, gefolgt von einer ganzen Kompanie knackiger Jungs.

Um die Gewichtsreduzierung etwas zu beschleunigen, beschloß ich am zweiten Tag nur Obst zu essen. Stundenlang stand ich in der Küche und schnippelte Äpfel, Bananen, Birnen und Ananas in kleine Stücke. Da ich im Supermarkt eine ziemlich saure Apfelsorte erwischt hatte, gab ich noch etwas süße Sahne dazu und verputzte anschließend die ganze Portion bereits zum Frühstück. Eigentlich hätte das Obst für den ganzen Tag reichen sollen, aber irgendwie hatte ich leichte Probleme mit meinem Blutdruck und da können ein paar Vitamine ja bekanntlich Wunder wirken.

Immerhin zeigte die Waage am nächsten Morgen genau 200 Gramm weniger an, obwohl meine Hüften immer noch den Umfang von Satteltaschen hatten. Ich werde die Diät noch um einige Tage verlängern müssen, dachte ich und verbannte den Garderobenspiegel bis auf weiteres in die Abstellkammer.

Der Nachmittag war ganz dem Sport gewidmet. Ich hatte mir ein Gymnastik-Video ausgeliehen und lag nun stöhnend auf dem Teppich und versuchte meine Beine zu entknoten. Die Übungen waren anstrengend und schweißtreibend, aber ich gab nicht auf.

Beine strecken, Arme heben, Becken hoch und wieder runter, und das alles zwanzig Mal nacheinander. Ich spürte plötzlich Muskeln an meinem Körper, wo ich vorher überhaupt keine vermutet hatte. Auf allen Vieren kroch ich durch die Wohnung, erreichte mit letzter Kraft den Kühlschrank und verputzte auf dem

Fußboden sitzend, vier Becher Schokoladenpudding mit Sahne.

Nach sechs Tagen kam das Paket mit der neuen Jeans. Ich saß gerade im Wohnzimmer auf dem Sofa und ließ mir ein großes Stück Nußtorte schmecken. Den Diätplan hatte ich längst an den berühmten Nagel gehängt. Das Gymnastik-Video war in der Versenkung verschwunden, und in meinem Kühlschrank türmten sich Puddingtöpfchen und Eisbecher.

Ich packte das Paket gar nicht erst aus, sondern gab es mit einem verlegenen Lächeln dem Postboten zurück. "Schreiben Sie drauf, Annahme verweigert ..." Dann holte ich den Versandhauskatalog hervor und bestellte mir einen roten einteiligen Badeanzug.


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