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17.09.05 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 17. September 2005

Das sagt man nicht / "Große Koalition" - jeder weiß es, aber keiner spricht es aus: Erstaunlich, wie diskret Berlin sein kann
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Urplötzlich schrumpfte Joschka Fischer vergangenen Montagabend im Fernsehen wieder zum pöbelnden Sponti, der dem aufreizend gelassenen FDP-Chef Guido Westerwelle am liebsten an den Kragen gegangen wäre. Keine Frage: Da hat einer richtig Angst. Fischer war einst gerade erst der linken Dreckecke des politischen Spektrums entwachsen, als er einem Kampfgefährten aus alten Revoluzzertagen Mitte der 80er Jahre gestand, wie sehr er das alles genösse mit "Herr Minister hier" und "Herr Minister da" (nachzulesen bei: Christian Schmidt, "Wir sind die Wahnsinnigen", 2002, zu bestellen beim PMD). Seinerzeit bekleidete der Grüne bloß das Amt des Umweltministers von Hessen und trotzdem war er schon ganz hin und weg vom Rausch seiner neuen Bedeutsamkeit.

Nunmehr hat er sich sieben behagliche Jahre lang in den edlen Sessel des Chefdiplomaten gekuschelt und preßt vor lauter Stolz auf seine Weltgeltung bei manchen Stellungnahmen mehr "Ääähs" hervor als Wörter, die im Duden stehen. Doch wenn an den Urnen kein Wunder geschieht, ist diese wunderbare Zeit morgen vorbei. Da kann man schon mal hysterisch werden.

Die grüne Zukunft sieht grau aus. Nicht einmal die bislang treueste Bevölkerungsgruppe, die ganz Jungen nämlich, hält noch zur Stange. Das Forsa-Institut hat die 14- bis 17jährigen gefragt, wen sie wählen würden, wenn sie schon dürften. Nur blasse sechs Prozent entschieden sich für Fischers Partei. Das ist das erste Mal, daß die Grünen bei den Heranwachsenden schlechter abschneiden als beim Durchschnitt. Nicht einmal Joschka Fischers Auftritt als weiser Alm-Öhi im TV-Werbespot seiner Partei hat die Zahnspangenträger erweichen können.

Das wundert eigentlich, hat die grüne Botschaft, beispielhaft verkörpert in der Karriere des Außenministers selbst, doch etwas äußerst Verführerisches für junge Leute. Sie lautet, daß man in der ersten Hälfte seines Lebens nichts als Unfug treiben und grausigen politischen Theorien nachhängen kann und in der zweiten dennoch reichlich von Staat und Gesellschaft belohnt wird. Das hat doch was, oder? Offenbar nicht für eine junge Generation, die bereits im Backfischalter saftige Rechnungen für die Tollheiten ihrer Vorgänger durch den Briefschlitz rutschen sieht wie jene für 40 Jahre "Bildungsreformen". Alle paar Jahre pisamäßig um die Ohren gehauen zu bekommen, daß man zur halbgebildeten Dumpfbacke ausgebrütet wird, über die das Ausland lacht und deutsche Lehrherren verzweifeln, macht nicht gerade Appetit auf noch mehr Faxen. Dazu kommt die Gewißheit der heutigen Jugend, bis zum Tode den unverbauten Blick auf einen kaum abzutragenden Schuldenberg genießen zu dürfen. Die Generation von Joschka Fischer ist heute noch stolz darauf, das Eichengebälk des "alten Deutschland" erfolgreich eingerissen zu haben mit seiner Leistungsversessenheit, seinen Traditionen und seiner verhaßten Ordnung. Die heute 18jährigen sitzen nun im Freien und haben Schnupfen - und ihnen beginnt womöglich zu dämmern, wer ihre lausige Situation verschuldet hat.

Haben wir es also mit tragischen Frühgereiften zu tun, Leuten, die viel zu schnell erwachsen werden müssen, weil die Eltern immer noch mit einem Bein im Sandkasten ihrer ideologischen Spinnereien stehen? Keine Angst, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Eine gute Show, eine deftige Kommödie wissen sogar die 14- bis 17jährigen durchaus zu schätzen. Nach der selben Umfrage, bei der die Grünen so abgeschmiert sind, bekäme die SPD satte 48 Prozent von ihnen, die Union nur magere 33. Das hat natürlich mit den Spitzenkandidaten zu tun. Angela Merkel erinnert unheilvoll an die ewig genervte Hausmutter, die dem Nachwuchs mit Mahnungen zusetzt wie "Aber erst Hausaufgaben machen!" oder "Um zehn bist du spätestens wieder zu Hause!" Eine Zumutung.

Schröder dagegen geht glaubhaft als "Mein-Papa-ist-mein-bester-Kumpel" durch, der einen mit Sätzen entzückt wie: "Wer mit 16 noch nie richtig besoffen war, wird kein richtiger Mann!" Daß Wunschpapas Verprechen, die er im Suffkopp von sich gibt, so wetterfest sind wie die Garantiescheine eines windigen Schwarzmarktschiebers, stört nicht weiter. Der Auftritt jedenfalls, der war klasse und mindestens 48 Prozent wert!

Jetzt bitte bloß nicht den ausgeleierten Einwand, daß dieses gewisse Unseriöse, das den Kumpelkanzler umweht, aber gar nicht zu vereinbaren sei mit der "Vorbildfunktion der Politik für die Gesellschaft und gerade für die Jugend". Erstens ist heute kein Teenager mehr derart plemplem, sich Politiker zum Vorbild zu nehmen und zweitens mühen sich die Parteien dennoch, dem Nachwuchs ein Beispiel an feinen Manieren zu geben. Gelegentlich zumindest. Lernt man nicht in jedem soliden Elternhause, daß es Sachen gibt, die "man nicht sagt", selbst wenn sie jeder weiß? Das ist in der Politik nicht anders, obwohl die in Berlin gemacht wird, der Stadt mit der Kodderschnauze, die angeblich alles frech zur Sprache bringt.

Das schmutzige Wort heißt "Große Koalition". Die Reichstagsspatzen pfeifen es zwar längst vom Dach des Parlaments, doch die ein- und ausgehenden Parteiführer behaupten steif und fest, keinen Piep zu verstehen. "Große Koalition" wird behandelt wie ein in Ungnade gefallener Verwandter, der bei Tisch nicht erwähnt werden darf oder der Name der Mätresse des Nachbarn, den angeblich keiner kennt.

Wir wollen keine Spielverderber sein und vor allem nicht gegen die guten Berliner Sitten verstoßen. Also reden wir jetzt auch nicht von der Großen Koalition und werden nach der Wahl ganz fürchterlich überrascht tun, wenn alle plötzlich von nichts anderem mehr sprechen und Sätze fallen wie: "Jetzt muß die Staatsräson über dem Parteiinteresse stehen" - und es schließlich heißt: "Grundsätzlich sind alle demokratischen Parteien miteinander koaltionsfähig." Die letzte Phrase sollten Sie sich genau einprägen. Sie markiert den Fanfarenstoß, mit welchem die heute noch unaussprechliche "Große Koalition" in die Gesellschaft der feinen Leute eingeführt wird.

 "Ich lasse es nicht zu, daß du die Lage schlechtredest!" Zeichnung: Götz Wiedenroth


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