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01.10.05 / Auf Kosten der Wahrheit / Vertreibung: Polnische und deutsche Bischöfe aktualisieren Briefwechsel

© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Oktober 2005

Auf Kosten der Wahrheit
Vertreibung: Polnische und deutsche Bischöfe aktualisieren Briefwechsel

Es war alles in allem eine mutige Geste. Im November 1965, zum Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils in Rom, streckten die polnischen Bischöfe ihren deutschen Amtsbrüdern die Hände entgegen: "Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung." Mitten im Kalten Krieg. Kontakte mit den "westdeutschen Revanchisten und ihren Handlangern" fielen unter das Verdikt Kollaboration mit dem Feind. Für den Brief mußte das polnische Episkopat einen hohen Preis bezahlen: Warschau zieh es des Verrats an nationalen Interessen. Vorübergehend ging es auf Distanz zu seiner Vergebungsbitte.

Mit der Initiative zum Dialog hatte Primas Kardinal Stefan Wyszynski natürlich auch ein politisches Ziel verfolgt, in dem er sich ungeachtet aller ideologischen Gegensätze mit dem KP-Regime einig war: die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch die deutschen Bischöfe. Aber dieses Kalkül ging nicht auf - obwohl die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrer am 1. Oktober veröffentlichten Ostdenkschrift schon in diese Richtung vorgearbeitet hatte. Im Gegenteil, die Bischöfe erwähnten in ihrer Antwort ausdrücklich das Schicksal der deutschen Vertriebenen und bekannten sich zum Recht auf Heimat. Anders hatte sich der für seine nationalistischen Töne bekannte Wyszynski am 31. August 1965 in Breslau über die "wiedergewonnenen polnischen Westgebiete" geäußert: "Das ist polnische Seele. Daher waren die niemals und sind kein deutsches Erbgut." Der Weg zur "Versöhnung", das war bald klar, würde steinig werden - trotz aller freundlichen Gesten.

40 Jahre später ist der Kommunismus in Polen Vergangenheit. Bürgerliche Parteien haben die Parlamentswahl gewonnen. Die Bischöfe beider Seiten haben ihren "historischen" Briefwechsel aktualisiert, in feierlichen Zeremonien in Fulda und Breslau. Und wieder wird ein politischer Preis gefordert. Um die "Ausgewogenheit" des Textes mußte gerungen, geradezu gefeilscht werden. Noch immer tut sich Polen, tut sich auch das polnische Episkopat im Umgang mit der "vollen Wahrheit" schwer. Der Kernsatz der neuen gemeinsamen Erklärung lautet: Man muß dem "Ungeist des Aufrechnens" entschlossen entgegentreten, "manche Menschen in Politik und Gesellschaft" wollten die alten Wunden aufreißen und sie für persönliche und politische Zwecke mißbrauchen. Was damit gemeint ist, wurde während der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz überdeutlich. Die polnische Seite hat ihre deutschen Partner in eine Offensive gegen das in Berlin geplante "Zentrum gegen Vertreibungen" regelrecht hineingetrieben. Kardinal Karl Lehmann versuchte zwischen der privaten Stiftung "Zentrum gegen Vertreibungen", dem Bund der Vertriebenen (BdV) unter Erika Steinbach und der Preußischen Treuhand, von der sich die BdV-Spitze längst distanziert hat, doch noch eine irgendwie geartete Verflechtung zu konstruieren. Die polnische Propaganda, die mit der These, hier wollten sich Täter als Opfer stilisieren, gegen das Steinbach-Projekt zu Felde zieht, kann sich freuen: Ihre Saat ist ausgerechnet bei einem der bekanntesten Deutschen auf fruchtbaren Boden gefallen.

Bundespräsident Horst Köhler hat hingegen bei seinem jüngsten Polen-Besuch die Initiatoren des "Zentrums gegen Vertreibungen" in Schutz genommen und seinen Gesprächspartnern versichert, keine ernsthafte politische oder gesellschaftliche Kraft in Deutschland denke an eine Umdeutung der Geschichte. Ähnlich äußerte sich Helmut Kohl, ein großer Freund der Polen. Und die CDU/CSU hatte, trotz heftigen Gegenwinds von jenseits der Oder, die Unterstützung eines "Zentrums gegen Vertreibungen" in ihr Wahlprogramm geschrieben. Bei dieser Lage der Dinge wirkt es peinlich, daß just die katholische Kirche, die in der Vergangenheit tapfer zu den deutschen Heimatvertriebenen stand, vor polnischen Forderungen einknickt. Soll "Versöhnung", ein ursprünglich theologischer, inzwischen aber von der Politik adaptierter Begriff, benutzt werden, um im Sinne der politischen Korrektheit die Thematik eines "Zentrums gegen Vertreibungen" zu bestimmen? Kardinal Lehmann fordert, daß Polen beziehungsweise das polnische Episkopat ein Mitspracherecht bekommt und daß das Vorhaben eine "europäische Dimension" erhält. Erika Steinbach bemüht sich seit fünf Jahren um konstruktive Gespräche darüber; die europäische Dimension des Zentrums ist von Anfang an berücksichtigt. Aus Polen kam stets ein Nein. Ob Lehmanns Einlassungen den Dialog befördern? Man möchte es wünschen. Aber eher ist zu befürchten, daß das offizielle Warschau jetzt das große Ansehen des deutschen Kirchenmannes für seine geschichtspolitischen Absichten instrumentalisiert. Im Übrigen ist die "volle Wahrheit" eine schöne Metapher für feierliche Erklärungen. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. In der "Süddeutschen Zeitung" erinnerte Thomas Urban zu Recht an ein heißes Eisen, das keiner der Bischöfe anpacken möchte: der Fall des damaligen polnischen Primas August Hlond. Der Kardinal hatte bekanntlich nicht nur zur Vertreibung der Deutschen geschwiegen. Er soll auch seine deutschen Amtsbrüder, die in den Oder-Neiße-Gebieten ausgeharrt hatten, gegen den Willen des Papstes zum Rücktritt gedrängt haben - auch ein Akt der ethnischen "Säuberung". Polnische Bischöfe betreiben seit anderthalb Jahrzehnten Hlonds Seligsprechung. Dazu sagt die neue gemeinsame Erklärung nichts aus. Diplomatische Rücksichtnahme?

Man fühlt sich an Erika Steinbachs verstorbenen Mitstreiter Peter Glotz (SPD) erinnert. Glotz schreibt in seinem posthum erschienenen Buch "Von Heimat zu Heimat": "Jedes Volk ist eine vertrackte Mischung aus Tätern, Mittätern, Mitläufern und Opfern ... Es wird kein politisches Europa geben, solange man einige europäische Völker wie sanfte Irre behandelt, mit denen offen zu diskutieren der Therapie widerspricht."

Frauen und Kinder bildeten das Gros der ostdeutschen Vertreibungsopfer Foto: Archiv

Kardinal Karl Lehmann Foto: pa Kardinal Jozef Michalik Foto: pa


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