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01.10.05 / Was Graf Bülow und Ehrenburg verbindet / Das Napoleon geschenkte "Prachtstück der vereinigten Gewehrfabriken Lüttichs" hat ein bewegtes Schicksal

© Preußische Allgemeine Zeitung / 01. Oktober 2005

Was Graf Bülow und Ehrenburg verbindet
Das Napoleon geschenkte "Prachtstück der vereinigten Gewehrfabriken Lüttichs" hat ein bewegtes Schicksal

Zu den besonderen Ehrengeschenken des Generals Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz aus den Befreiungskriegen (1813-15) im Schloß Grünhoff gehört ein Prunkgewehr.

Das "Prachtstück der vereinigten Gewehrfabriken Lüttichs" in Belgien, so Adolf von Bülow im "Bülowschen Familienbuch" von 1911, "hatten diese als Ehrengeschenk für Napoleon Bonaparte als ersten Consul der Republik Frankreich bestimmt. Noch bevor es abgesandt wurde, ließ sich Napoleon zum Kaiser der Franzosen proklamieren. Dies mißfiel den republikanisch gesinnten Lüttichern derart, daß sie das Gewehr zurückbehielten. Als im Jahre 1814 General Bülow die Niederlande von der Franzosenherrschaft befreite, übersandten sie diesem das Gewehr als Ehrengeschenk."

Dieses ist so nicht richtig. Der General selbst erwähnt dieses Gewehr in einem noch unpublizierten Brief an seine Frau Pauline vom 5. August 1815 aus Chartres als tatsächlich an Napoleon übergebenes Geschenk: "Sutorius kommt nach Preußen, er ist der Überbringer eines sehr schönen Gewehrs, welches Napoleon von der Lutticher Fabrique zum Geschenk gemacht wurde, du mußt es den Liebhabern zeigen."

Dies wird durch Jean Puraye, den Konservator des Musée d'Armes in Liège (Lüttich), in seinem Beitrag "Le fusil de Bonaparte" in der Zeitschrift "la vie liégeoise" vom Mai 1967 bestätigt. Demnach wurde das Gewehr Napoleon geschenkt, als er vom 1. bis 3. August 1803 mit seiner Gemahlin Joséphine de Beauharnais und einer Kavalkade junger Generäle Lüttich, die Hauptstadt des neu erworbenen Departements Ourthe, besuchte. Da der Ladestock klemmte und er es enttäuscht einem neben ihm stehenden Offizier reichte, "vergaß" er, es bei der Abfahrt am nächsten Tag mitzunehmen. Der Präfekt Desmousseaux ließ jedoch das Jagdgewehr Napoleon nach Paris nachschicken, und dieser soll mit ihm dann einige Tiere geschossen haben.

Nach einer Auskunft Manfred Graf Bülows, des 2001 verstorbenenen Ururenkels Friedrich Wilhelm Graf Bülows, aus dem Jahre 1998 sandte man "einen Sonderkurier zu dem Konsul nach Compiegne, wo er zur Jagd weilte, hinterher, und so blieb das Gewehr dort. Nach der Schlacht bei Waterloo bezog mein Ur-Urgroßvater sein Hauptquartier in Compiegne, und so kam das Gewehr nach Genehmigung durch den König in den Besitz unserer Familie." Schon 1969 widerspricht er der Ansicht Purayes, es sei sehr wahrscheinlich, daß ein Offizier, der Waffenliebhaber war, in die Räume eines der kaiserlichen Schlösser eindrang, die Vitrinen öffnete und sich einiger "souvenirs" bemächtigte.

"Dieser Offizier ist zweifellos mein Ur-Urgroßvater gewesen. Der Version allerdings, ‚er hätte die Vitrinen geöffnet und sich einige Souvenirs mitgenommen', kann kaum Glauben geschenkt werden, da gerade er peinlich auf Recht und Ordnung bedacht war und sich nie an fremdem Eigentum vergriffen hat, wie aus zahlreichen anderen Originalbriefen, die sich noch in unserem Besitz finden, hervorgeht. Im Gegenteil, jeden Versuch einer persönlichen Bereicherung bestrafte er drakonisch. Es ist vielmehr anzunehmen, daß entweder - wie es in der Familienchronik heißt - das Gewehr dem General als Beutestück vom König übergeben wurde oder daß französische Royalisten nach Beendigung der Kämpfe 1815 ihm das Gewehr aus Dankbarkeit über die Befreiung von Napoleons Diktatur schenkten." In dem genannten Brief des Generals, "in dem dieser seiner Frau von dem schönen Gewehr aus Chartres schreibt, wird von einem Empfang anläßlich des Geburtstags des Königs [3. August] gesprochen, an welchem unter anderem französische Landedelleute und Honoratioren geladen und erschienen waren".

Über das weitere Schicksal des "Meisterstücks sondergleichen", wie Dora-Eleonore Behrend das Gewehr in "Schlösser des Ostens" (1934) würdigt, informiert Manfred Graf Bülow 1969: "In den turbulenten Tagen des Jahres 1945, als der russische Vormarsch in Ostpreußen nicht mehr aufzuhalten war, wurde dem Förster Erich Mertens der Auftrag erteilt, unter anderem dieses Gewehr zu konservieren und zu vergraben." Auch 1998 teilt er mit, daß es vom "Förster eingefettet und vergraben" wurde. "Dieser Förster, der selber im Januar 1945 auf die Flucht ging, kehrte in Danzig um, weil er glaubte, zu Hause besser aufgehoben zu sein, zumal er gut russisch sprach. Man hat ihn dann gezwungen, alle Verstecke preiszugeben, und ihn anschließend erschossen."

1969 schreibt der Ururenkel allerdings: "Höchstwahrscheinlich ist dieses Vorhaben nicht mehr zur Ausführung gekommen, denn in den ersten Februartagen 1945 drangen russische Soldaten in das Schloß Grünhoff ein und führten den Befehl, alle Waffen zu zerstören, aus." Hier referiert er den Bericht Purayes. Darin heißt es, daß 1945 Soldaten der Roten Armee in ein "château de Prusse Orientale" eindrangen, die Waffen entdeckten und zerbrachen, worunter sich auch das Lütticher Gewehr befand.

Ein Offizier erkannte die Embleme, entzifferte die Inschriften und sammelte die Bruchstücke. Nach der Rückkehr nach Moskau schenkte er das Gewehr dem als Freund der Franzosen bekannten Schriftsteller Ilja Ehrenburg. Dieser ließ die Schäden so gut wie möglich im Armeemuseum reparieren und bewahrte das Gewehr in seiner Moskauer Wohnung auf. Mit einer Geste wollte er dann an der französisch-sowjetischen Freundschaft mitwirken und gab das Gewehr mit Einverständnis seiner Regierung anläßlich eines Freundschaftsbesuches in Paris am 15. Februar 1967 an Frankreich zurück, und zwar dem Staatsminister für kulturelle Angelegenheiten, André Malraux. Heute ist es im Pariser Musée de la Chasse et de la Nature ausgestellt. Ehrenburg stellte auch die Fotos des Gewehrs in der Abhandlung von Puraye zur Verfügung.

"Als ich diese Notiz" über die Rückgabe in "Die Welt" vom 17. Februar 1967 las, so Manfred Graf Bülow, "stand für mich fest, daß es sich nur um das bis 1945 in unserem Besitz befindliche Jagdgewehr handeln konnte. Um den Nachweis hierfür anzutreten und gegebenenfalls die Rückgabe von Frankreich zu fordern, wandte ich mich 1967 an den mir gut bekannten Gouverneur von Lüttich, Generalmajor Danloy, der meine Frau und mich sehr herzlich einlud, nach Lüttich zu kommen. Dort sollte ich persönlich Gelegenheit haben, die Geschichte dieses Gewehrs zu erforschen. ... Monsieur Puraye hatte sich bereits seit 1950 um die Rückgabe des Gewehrs nach Lüttich bemüht, nachdem Ehrenburg eine kurze Beschreibung des Gewehrs veröffentlicht hatte. Lange diplomatische Korrespondenzen zwischen Belgien, Frankreich und der Sowjetunion folgten. Schließlich lehnte Sowjet-Rußland ab, das Gewehr nach Lüttich zurückzuschicken. Die Begründung: ‚Belgien sei Mitglied der Nato und daher könne an eine Rückgabe nicht gedacht werden.' Da der Behauptung, es handle sich um ein ‚entnommenes Souvenir', nicht beweiskräftig widersprochen werden kann, sahen wir keine Aussicht auf Erfolg, das schöne Gewehr wieder in den Familienbesitz zurückzuführen. ... Wenn das Gewehr auch dem Familienbesitz verlorengegangen ist, sind wir jedoch froh, daß es wie durch ein Wunder erhalten wurde und die Möglichkeit besteht, es in Paris zu bewundern." Heinrich Lange

Des berühmten Generals jüngster Enkel, der Kunstmaler Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz, hat die an die Zeit nach der Schlacht bei Belle Alliance (1815) erinnernde Waffe um 1908 auf einer Bleistiftzeichnung in Der Wanderer durch Ost- und Westpreußen festgehalten. In "Grünhoff und der historische Nachlaß des Siegers von Dennewitz" bemerkt er, daß das Gewehr "sowohl wegen der Schönheit seiner Formen und des Reichtums seiner Ausstattung als wegen der historischen Reminiszensen, die sich daran knüpfen, bemerkenswert ist."

"130 Jahre befand sich dieses Gewehr im Besitz unserer Familie, wurde sorgsam gepflegt und in einem Glasschrank unter Verschluß gezeigt", schreibt sein 2001 verstorbener Ururenkel Manfred Graf Bülow von Dennewitz in dem Artikel "Ein Jagdgewehr Napoleons. Die Odyssee eines alten Familienstückes" im Bülowschen Familienblatt von 1969.

Das Jagdgewehr Napoleons (rechts) ist am Schaft mit einem Reliefmedaillon mit dem Bildnis Napoleons im Profil (links) verziert. Fotos (2): Lange

Friedrich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz: "Wilhelm ist der am wenigsten befähigte von uns Brüdern, aber der klügste Offizier in der ganzen preußischen Armee", sagte sein Bruder Dietrich über ihn. Foto: Archiv

Ilja Ehrenburg: "Soldaten der Roten Armee! Tötet! Tötet! Folgt der Weisung des Genossen Stalin! Brecht den Rassenstolz der deutschen Frau. Nehmt sie Euch!" lautete seine Forderung. Foto: pa


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