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08.10.05 / Deutschland im Herbst / Anmerkungen zur gefühlten Lage der Nation

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Oktober 2005

Deutschland im Herbst
Anmerkungen zur gefühlten Lage der Nation
von Joachim Tjaden

In diesen Tagen startet bundesweit eine bisher einzigartige Medienkampagne in öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehsendern, Tageszeitungen und Zeitschriften, Kinos und Internet - das Leitmotiv: "Du bist Deutschland". An ihr beteiligen sich die 25 größten TV-Anstalten und Verlagshäuser des Landes.

Entstanden ist die Kampagne aus der Initiative "Partner für Innovationen", die Anfang letzten Jahres auf Anregung Gerhard Schröders ins Leben gerufen wurde, um angesichts der Wirtschaftskrise gesellschaftlich relevante Persönlichkeiten mit der Politik zusammenzuführen. Das Kampagne-Volumen beläuft sich auf über 30 Millionen Euro - es ist mithin höher als jenes für die Fußballweltmeisterschaft 2006. An "Du bist Deutschland" wird dennoch niemand verdienen, weil Fernsehen und Verlage auf Werbeeinnahmen und die vorgezeigten Imageträger aus Spaßgesellschaft und Literatur von Günter Jauch und Harald Schmidt über Walter Kempowski und Marcel Reich-Ranicki bis zu Oliver Kahn und Sandra Maischberger auf Honorare verzichten.

Ziel der Aktion ist es nach Aussagen des Vorstandsvorsitzenden des Verlages Gruner+Jahr, Bernd Kundrun, "einen Bewußtseinswandel für mehr Selbstvertrauen" anzustoßen und, wie es Peter Frey, Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios formuliert, "Schluß zu machen mit Unsicherheit und Verzagtheit". Im Text eines der Fernsehspots heißt es dazu: "Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso, wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann deine Tat wirken. Du bist Deutschland." Wie aber ist dieses Land wirklich - wie sieht und erlebt es sich selbst?

Fast zeitgleich mit dem Start der Ermunterungsoffensive befaßte sich 900 Kilometer von der deutschen Hauptstadt entfernt im englischen Seebad Brighton ein Kongreß der regierenden Labour-Partei mit dem Selbstverständnis Großbritanniens in der Welt. Premierminister Tony Blair sprach diese Worte: "Unsere Sache ist nicht die Angst Deutschlands! Britannien ist ein großes Land, und wir sind stolz darauf."

In London residiert das renommierte "German Historical Institute". Sein Direktor, der Berliner Geschichtswissenschaftler Hagen Schulze, gab vor wenigen Wochen dem Magazin "Spiegel" ein Interview; darin antwortete er auf die Frage "Wie wichtig ist das Nationalgefühl, der Nationalstolz für ein Volk?": "Eine Nation vermittelt dem einzelnen Geborgenheit und das Gefühl, daß sein Handeln für diese Gruppe seiner Existenz Sinn verleiht. Zwar gibt es vielerlei Gruppen, von der Familie über Europa bis zur Menschheit, aber die integrierende Kraft der Nation hat sich im Laufe der letzten Jahrhunderte als politisch besonders mächtig erwiesen. Es gibt kein Land in der EU, in dem nicht gilt, daß man überhaupt nur dann Europäer sein könne, solange man auch ein guter Bürger seines eigenen Landes, seiner eigenen Nation sei." Über die historische Bedeutung der Wiedervereinigung fügte Hagen Schulze hinzu: "Zum ersten Mal in ihrer Geschichte haben sich die Deutschen nicht gegen ihre Nachbarn, sondern mit deren Zustimmung zusammengeschlossen. Das vereinte Deutschland wird nicht mehr als Störenfried Europas wahrgenommen: eine deutsche Erfolgsgeschichte, wie sie ähnlich kein anderes europäisches Land kennt." Schulzes Schlüsselsatz: "Mit der deutschen Identitätssuche seit Generationen hat es jetzt ein Ende." Wirklich?

Die der CSU nahestehende Hanns-Seidel-Stiftung hat soeben ihre "Generationenstudie 2005" vorgestellt, die sich mit Wertewandel und politischen Einstellungen beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Repräsentativ-Umfrage (2500 Teilnehmer) in nüchternden, manche vielleicht ernüchternden Zahlen:

• Für 51 Prozent der Deutschen sind die Themen Patriotismus und Nationalstolz "weniger wichtig" oder gar "unwichtig". Jeder Vierte empfindet beide Begriffe gar als negativ und verbindet sie spontan ausschließlich mit Nationalsozialismus und Ausländerfeindlichkeit.

• Zwar sind 80 Prozent der Bundesbürger stolz auf die "schönen Landschaften" und 78 Prozent auf "Kunst, Kultur, Wissenschaft und technologische Leistungen". Aber: Der Stolz auf die deutsche Geschichte landet weit abgeschlagen auf dem letzten Platz mit gerade noch 35 Prozent.

• Allein seit dem Jahr 2001 habe das Nationalgefühl "erhebliche Beschädigungen bei zwei der wichtigsten Ankerpunkte" erfahren: Den größten negativen Stolz-Saldo gibt es mit minus 20 Prozent bei den wirtschaftlichen Erfolgen und mit minus 12 Prozent bei den sozialstaatlichen Leistungen: "Diese beiden Veränderungen treffen die Deutschen mit ihrem aus nachvollziehbaren Gründen unterentwickelten Nationalstolz ins Mark" lautet die Analyse der Befragung.

• Wachsenden Stolz empfinden die Bundesbürger nur noch, wenn es um sportliche Erfolge (Zunahme: acht Prozent) und um die Rolle der Bundeswehr bei friedensstiftenden Missionen (plus 13 Prozent) geht. Aber diese Zunahme könne den "unverkennbaren, vermutlich auch nachhaltige Einbruch des deutschen Selbstbewußtseins so gut wie gar nicht kompensieren". Schließlich:

• In der ermittelten Werte-Hierarchie der Deutschen rangiert "Vertrauen" auf Rang eins, gefolgt von "Sicherheit" und "Harmonie". "Leistung" steht erst an neunter Stelle - "Moral" gar an 17.

Während "Du bist Deutschland" durch das Land rollt, wächst die Gemengelage zwischen Stimmungen, Fakten und Selbstsuche nach Orientierung ins Diffuse. "Der Kalte Krieg war, bei allen Gefahren, ein magnetisiertes Ordnungsgefüge", konnte vor wenigen Wochen der bedeutende Publizist Herbert Kremp in der "Welt" unwidersprochen schreiben. Christa Wolf, stasi-belastete Ostschriftstellerin ("Der geteilte Himmel") räsonniert in der "Zeit" über die menschliche Komponente des deutschen Einigungsprozesses: "Was die Länder im Ganzen betrifft, muß man klar sagen: Nein, Interesse gab es nicht. Es gab vom Westen her kein Bedürfnis, von den anderen, von uns zu lernen. Man war zu überlegen. Man kennt einander bis heute nicht."

Der Bundespräsident Roman Herzog forderte einst einen "Ruck durch die Gesellschaft" - und erntete darob auch den Talkshowparlamentarismus. Sein Nachfolger Johannes Rau setzte auf "Versöhnen statt Spalten" - eine mittelbare Folge war Reformstau.

Horst Köhler bekannte, sein Vaterland zu "lieben" - jetzt und bis auf weiteres wird es nur noch geschäftsführend regiert, weil die Parteien des 16. Deutschen Bundestages, in dem nur noch 17 von 614 Abgeordneten Unternehmer oder Selbständige sind, sich gegenseitig zwischen Machterhalt und Machtgewinn neutralisieren.

Letzte Woche erschien das Buch "Auf dem Weg zur deutschen Einheit" aus der Feder des Altkanzlers Helmut Schmidt. Es enthält unbequeme Aufsätze zum Zustand der bundesrepublikanischen Gesellschaft - eine Passage lautet: "Kaum einer will opfern, aber fast jeder will mehr haben. Haben, haben, haben. Und behalten! Viele Deutsche waren einander näher, jedenfalls in Gedanken, als die Mauer uns trennte.

Die res publica, das öffentliche Wohl, Gemeinwohl und Gemeinsinn - diese Begriffe schwinden langsam aus dem Bewußtsein." Schmidt schrieb diese Zeilen 1993 - ist der Deutschen Zeit stehengeblieben?

Die einflußreiche "Bertelsmann-Stiftung" fragte vor wenigen Tagen nach der Reformbereitschaft im Land, die zusammengefaßte Antwort: 84 Prozent der Bürger halten eine "Veränderung des Staates" für "dringend erforderlich". An erster Stelle der herbeigewünschten Reformen steht danach ein "stärkeres Engagement für Kinder". Am Tage des Erscheinens dieser Meinungserhebung bekannte vor dem Hamburger Landgericht eine Mutter, die ihre sieben Jahre alte Tochter erst verwahrlosen und dann verhungern ließ: "Kinder sind wie Unkraut." Und Mediziner der in Münster ansässigen Christoph-Dornier-Klinik wandten sich unmittelbar vor dem Nationalfeiertag hilfesuchend an die Öffentlichkeit: Jeder fünfte Jugendliche, so fanden sie heraus, leide unter "schweren seelischen Problemen, Angststörungen und Depressionen".

Auch das ist Deutschland: Zum ersten Herbstwochenende wurde bekannt, daß die Zahl der erfaßten Straftaten von 1991 bis heute von 4,8 Millionen auf 6,6 Millionen stieg. Dazu mag diese aktuelle Meldung der Deutschen Presse Agentur passen: "Ein mutmaßlicher Mörder muß nach achtjähriger Untersuchungshaft wahrscheinlich vorerst freigelassen werden, weil die Justiz zu langsam gearbeitet hat. Das Bundesverfassungsgericht beanstandete in seinem Beschluß die überlange Haft des Angeklagten, der noch nicht rechtskräftig verurteilt ist. Er soll 1997, um an die Versicherungssumme zu kommen, sein eigenes Düsseldorfer Mietshaus in die Luft gesprengt und dabei den Tod von sechs Mietern verschuldet haben. Es könne in einem Rechtsstaat nicht hingenommen werden, daß die Strafverfolgungsbehörden und Gerichte nach acht Jahren Untersuchungshaft nicht mehr in Händen halten als einen dringenden Tatverdacht."

Deutschland im Herbst 2005 - es scheint, als hätten Imagekampagnen eher gedämpfte Konjunktur ...

Die Kreidefelsen auf Rügen gehören zu den "schönen Landschaften", auf die 80 Prozent der Bundesbürger stolz sind

Die Kaiserproklamation im Versailler Spiegelsaal 1871 ist Sinnbild deutscher Geschichte - nur 35 Prozent der Bürger sind stolz darauf


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