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08.10.05 / Das Land, in dem die Stille zu spüren ist / Masurens Reichtum besteht aus Wasser, Sand und Wald

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Oktober 2005

Das Land, in dem die Stille zu spüren ist
Masurens Reichtum besteht aus Wasser, Sand und Wald
von Arno Surminski

Als der Herr noch auf Erden wandelte, kam er am späten Nachmittag, als er schon etwas müde war, ins Masurische und schuf, bevor er einschlief, mit sanfter Hand und ohne viel nachzudenken, die masurische Wildnis. Seitdem ist Masuren ein Land ohne Eile, das gern die Zeit verschläft und seine Menschen die Langeweile lehrt ..."

Diese Legende vom lieben Gott, der nach Masuren kam, um sich auszuruhen von dem mühevollen Geschäft des Weltenlenkens, trifft so recht ins masurische Herz.

Beschaulichkeit und Stille. Wasserfälle wären zu laut für diese Landschaft, hohe Berge würden dem weiten Horizont im Wege stehen.

Stille gehört so selbstverständlich zu Masuren, daß darüber kein Wort zu verlieren ist. Erlaubt sind die Schreie der Raubvögel, das Spektakeln der Krähen in den Bäumen, der Singsang der Schwäne, wenn sie im Tiefflug über den See streichen, das Rufen des Käuzchens und das Summen der Bienen in blühenden Lindenbäumen.

Es gibt sie noch, die "Masurische Wildnis", jenes unwegsame Wald- und Seengebiet, in dem sich Wölfe und Füchse gute Nacht sagten und vor gar nicht so ferner Zeit Bären hausten, die sich in zahlreichen Stadtwappen und in einem Honigschnaps namens Bärenfang verewigt haben. Schon in früheren Jahrhunderten hatte Masuren einen legendären Ruf. Besucher aus dem "Reich" kamen zu dieser "letzten Station vor Sibirien", um einen Schauder von Rückständigkeit zu spüren, ein Leben ohne elektrisches Licht, barfuß laufende Kinder, Schnitter mit der Sense auf dem Rücken, Pferde vor dem Pflug, Pferde in der Schwemme.

Masuren wurde zu einem Ort der Geborgenheit im "einfachen Leben", einer Landschaft des ewigen Nachhausekommens. Vor allem die vielen "Auswanderer", die nach Amerika oder ins Ruhrgebiet gezogen waren, und die Geflohenen und Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges kamen, sobald es die politischen Verhältnisse zuließen, auf Besuch, um in Masuren ihre Wurzeln auszugraben. Ein Fisch unter Wasser hat kein Empfinden für die Schönheit des Sees. So ging es vielen, die auf der Insel Ostpreußen lebten und erst aus der Fremde - als der Fisch auf dem Trockenen lag - sich des Zaubers dieses Landes bewußt wurden. In der Erinnerung entstand eine noch schönere Welt. Heute, da der Besucherstrom der Alten langsam versiegt, kommen die Naturanbeter, die mit sich und den Wäldern allein sein wollen und Sehnsucht haben nach rot blühenden Mohnfeldern und Kornblumen, soweit das Auge reicht.

Es gibt sichere Hinweise, angekommen zu sein. Wenn die Kiefernwälder überhand nehmen, die Seen so zahlreich werden, daß man das Zählen vergißt, wenn Störche über die Landstraße streichen und klappernd von Telegrafenmasten grüßen, ist man zu Hause. Die dort Geborenen behaupten, sie könnten es mit verbundenen Augen finden. Es sei am Geruch der Wälder, dem Rauschen der Bäume, dem Plätschern der Wellen an vertäuten Holzkähnen, vor allem aber an der Stille zu spüren, die alles Unnötige zum Schweigen bringt. Der Lärm der Neuzeit wirkt hier fremd und unzeitgemäß. Automobile stehlen sich scheu durch die Wälder, Flugzeuge überqueren geräuschlos in großer Höhe das Land, und von den Eisenbahnen behaupten die Alten, sie seien zu ihrer Zeit in gemütlichem Kutschentempo durch die Landschaft gefahren, um Mensch und Tier nicht zu erschrecken.

Es gibt nicht viel zu sagen über eine Landschaft, deren einziger Reichtum aus Wasser, Sand und Wald besteht. Die Sehenswürdigkeiten sind bescheiden. Der Krutinnafluß im Süden schleicht so gemächlich von einem See in den anderen, daß der Betrachter ständig fürchten muß, die liebliche Krutinna könnte das Fließen vergessen. Die Seen bevorzugen die kleine Form, verstecken sich im Dickicht der Wälder; nur der Spirdingsee ist so aus der Art geschlagen, daß er zum "masurischen Meer" befördert wurde, weil man Mühe hat, das andere Ufer zu sehen. Ich kenne keine Landschaft, die so geprägt ist von Alleen. Hundertjährige Eichen, Linden, Eschen, ja sogar Birken begleiten die Straßen von Dorf zu Dorf, durchqueren gelbe Kornfelder, schlängeln sich an den Ufern der Seen entlang und verschwinden als Scherenschnitte hinter sanften Hügeln. Für Abenddämmerungen und Nebeltage hat Masuren die düsteren Kopfweiden erfunden, die die Feldwege säumen und dem Wanderer Furcht einflößen ...

Die Geschichte hat diesen Landstrich viele Male umgepflügt. Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts waren eine Demütigung für das stille Land. Masuren hat die geschichtlichen Zumutungen geduldig ertragen. Wie das Schilfrohr am Seeufer duckte es sich vor den Stürmen und richtete sich wieder auf, wenn das Unheil abgezogen war.

1914/15 suchten die Tannenbergschlacht und die Masurische Winterschlacht das Land heim, noch heute erinnern Soldatenfriedhöfe an jene lauten Tage. Der Zweite Weltkrieg verschonte Masuren von größeren Schlachten, aber im Juni 1941 kampierten in den masurischen Wäldern jene Soldaten, denen es bestimmt war, nach Rußland zu marschieren. Als der Krieg 1945 zurückkehrte, verwüstete er die masurischen Städte und Dörfer durch Feuer.

Einen schleichenden Verfall erleben Schlösser und Herrenhäuser, in denen einst der Adel und die Gutsbesitzer zu Hause waren. Viele sind schon Ruinen, andere nur noch graue Fassade, Denkmäler einer untergegangenen Welt. Für sie gibt es keine sinnvolle Verwendung mehr. Seit Jahrzehnten unbewohnt, dämmern die einst prächtigen Bauten im Buschwerk verwilderter Parks vor sich hin. Die Fenster vernagelt, durchs Dach fallen Regen und Schnee, in den Dachrinnen wachsen Birken, ein Anblick zum Weinen.

Einige Schlösser und Herrenhäuser wurden zu Hotels, Museen oder Begegnungsstätten ausgebaut, aber nur ein Bruchteil läßt sich auf diese Weise vor dem Verfall retten.

Heute können wir mit einer Reise nach Masuren auch sprachlich nach Hause kommen. Die wenigen Ostpreußen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der östlichen Provinz zurückblieben, erinnern sich heute der Sprache ihrer Kindheit, wenn sie mit deutschen Besuchern sprechen, die das ostpreußische Platt längst vergessen haben. Es scheint so, als gehöre die Sprache zum Land, zu den Wäldern, Seen und Storchennestern, sie ist dort geblieben, als die Menschen gingen.

"In seiner Jugend machte sich der Schuster Kristan aus dem masurischen Kalischken auf die Wanderschaft, um das Paradies zu suchen. Er kam bis ins Heilige Land und traf dort den Erzengel Gabriel, der ihn nach Woher und Wohin fragte. Als er hörte, daß Kristan das Paradies suchte, befahl der Erzengel ihm, schleunigst zurückzukehren nach Masuren, dem einzigen Paradies auf Erden, denn bald gibt es keine Paradiese mehr."

Nach dieser Legende glauben die Masuren, in einem Paradies zu leben, in das der liebe Gott kommt, wenn er sich ausruhen will.

Sie bedauern jeden, der das Land verlassen muß, und wünschen ihm baldige Heimkehr. Nach Masuren reisen, heißt immer heimkehren.

Einer von Tausenden von Seen in Masuren Foto: pa


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