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08.10.05 / Als die Welt wieder bunt wurde / Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läßt die Alltagskultur der 50er Jahre auferstehen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Oktober 2005

Als die Welt wieder bunt wurde
Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe läßt die Alltagskultur der 50er Jahre auferstehen
von Silke Osman

Vier, fünf Stühle hängen von der Decke. Sie scheinen in der Luft zu schweben, scheinen überhaupt fast nur aus Luft zu bestehen, so leicht und transparent wirkt das silbern glänzende Material, aus dem sie geschaffen sind. Ein paar Schritte weiter und man trifft auf zwei überdimensional große Fotografien, die links eine Dame, rechts einen Herren zeigen. Beide blicken in ein Schaufenster, in dem Waren ausgelegt sind. Und obwohl man die Gesichter dieser beiden Menschen nicht sehen kann, ahnt man doch die sehnsuchtsvollen Blicke, die eine bunte Warenwelt streifen ...

Durch die große Tür, die schließlich zur Ausstellung führt, blitzen verführerisch Chrom und Lack: Eine froschgrüne BMW Isetta hat samt Wohnwagenanhänger den Weg ins Museum gefunden. An dieser kleinen Schönheit bleiben denn auch die Blicke der meisten Besucher hängen. Erinnerungen werden wach, Erinnerungen an die bewegten 50er Jahre des 20. Jahrhunderts.

Diesem Jahrzehnt hat das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine eigene Ausstellung gewidmet (dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags von 10 bis 21 Uhr; Katalog 9,90 Euro; bis 13. November). Alltagskultur und Design stehen im Mittelpunkt der Schau, die sich an den Stärken der Sammlung des Hauses orientiert und neben Leihgaben von 45 öffentlichen und privaten Sammlern Objekte aus den Bereichen Mode - Textil, Jugendstil - Moderne, Fotografie und Grafik präsentiert.

Es war schon eine ganz eigene Epoche, diese Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die größten Schrecken waren überwunden, man wagte einen Blick nach vorn. Auch wenn Millionen Vertriebene fern ihrer angestammten Heimat ihr Dasein fristen mußten, wagten auch sie einen Neubeginn, pack-ten mit an, die Bundesrepublik Deutschland aufzubauen. Einen Hauch von diesem Aufbauwillen spürt man selbst in dieser Ausstellung. Wenn auch vieles noch in Trümmern lag, einfachste Notunterkünfte wie Nissenhütten das Bild selbst einer Großstadt wie Hamburg prägten, so wollte man es doch schön haben in den noch keineswegs eigenen vier Wänden.

Eine bunte Warenwelt versprach Entschädigung für die vorangegangenen grauen Jahre des Krieges. Werbung für Autos, Mode, technische Haushaltsgeräte weckte die Begehrlichkeiten der Menschen. Die Konsumwelle wurde angekurbelt, und kaum einer konnte - und wollte - sich ihr entziehen. Daß diese Welle die Menschen längst überrollt hat, ist nach einem halben Jahrhundert nicht von der Hand zu weisen. Im Vergleich zum heutigen Konsumterror ist die Welle der 50er Jahre allerdings nur ein harmloses Schwappen. Vielleicht sind die auf der Ausstellung gezeigten Plakate von kosmetischen Artikeln wie Nivea, Labello oder Zeozon deshalb so liebenswert, vielleicht muten die alten schwarzweißen Werbefilme deshalb so erheiternd an, weil sie sehr viel leiser daherkommen als ihre aggressiven Vettern von heute. Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher aber waren angetan von der Warenvielfalt, die sich ihnen plötzlich bot. Sie griffen zu, auch wenn der wöchentliche Lohn eines Arbeitnehmers damals im Durchschnitt nur bei 90 D-Mark lag. Eine Isetta (Foto) aber kostete stolze 2550 D-Mark; hinzu kamen die Haftpflicht von 95 und die Steuer von 44 D-Mark pro Jahr. Da mußte schon überlegt werden, ob man sich diese "Knutschkugel" mit 12 PS, wie das Auto liebevoll genannt wurde, überhaupt leisten konnte.

Die geschwungene Form, die nicht nur typisch war für die Kleinstautos der 50er Jahre, findet sich in vielen Gegenständen des täglichen Gebrauchs. "Was für die 50er Jahre sehr typisch ist, daß sich in unterschiedlichsten Bereichen ganz ähnliche Formen durchsetzen", erläutert Martin Faass, Kurator der Hamburger Ausstellung, dieses Phänomen. "Sowohl in den Bereichen des hohen Designs, wo Sie mit Entwürfen von Jakobsen oder Sarrinen gerade Formen haben, die geschwungene Silhouetten zeigen, finden Sie ähnliches auf einer ganz anderen Formstufe auch im Design des Alltags, in den Nierentischen und Blumenetageren. So sehr beide Bereiche sich unterscheiden in ihren Formen und dem, was sie damit sagen, sind sie sich doch sehr ähnlich, und als Kinder eine Epoche zu erkennen."

Mit dieser Formgestaltung wollten die Industrie, Designer und Künstler Anschluß finden an die ausländische Konkurrenz, die vor allem über den "großen Teich" hinüber schwappte. Das Geschwungene, Bunte galt als modern, und modern wollte man sein um jeden Preis. Allerdings warf man die alten Möbel nicht gleich auf den Müll, sofern sie das Inferno des Krieges überhaupt überstanden hatten, sondern ergänzte sie durch "moderne" Accessoires.

Doch Tütenlampen und Nierentisch, Isetta und Petticoat, das sind doch alles nur Äußerlichkeiten. Wie es drinnen wirklich aussah in den Menschen, das können wir heute nur noch ahnen.


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