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08.10.05 / "Unsere Gemeinden bestehen zu 95 Prozent aus Frauen" / Am 30. Oktober feiern Ostpreußens Salzburger Immigranten den zehnten Geburtstag ihrer mittlerweile "dritten" Kirche in Gumbinnen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Oktober 2005

"Unsere Gemeinden bestehen zu 95 Prozent aus Frauen"
Am 30. Oktober feiern Ostpreußens Salzburger Immigranten den zehnten Geburtstag ihrer mittlerweile "dritten" Kirche in Gumbinnen
von W. Neumann

Ende dieses Monats, am 30. Oktober 2005, feiert der Salzburger Verein auf Einladung der evangelisch-lutherischen Gemeinde von Gumbinnen und ihres Pastors, Dr. Werner Lanz, in einem Festgottesdienst das zehnjährige Jubiläum der mittlerweile "dritten" Salzburger Kirche. Eine große Zahl von Mitgliedern und Freunden des Salzburger Vereins macht sich mit einem Bus auf nach Gumbinnen, und sie freuen sich, mit der Gemeinde in der Kirche wieder beim Gottesdienst das wunderschöne Glasfenster mit dem Emigrantenzug zu bewundern, das auch 1995 "wiedererstanden" war.

Die Geschichte der Salzburger Kirchen in Gumbinnen reicht bis in das 18. Jahrhundert zurück. Damals hatte König Friedrich Wilhelm I. von Preußen viele Salzburger, die aus Glaubensgründen 1731 aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, aufgenommen und in verschiedenen Kreisen Ostpreußens angesiedelt. Schon wenige Jahre nachdem sie in der neuen Heimat Fuß gefaßt hatten, zeigten sie ihre christliche Glaubensstärke dadurch, daß sie 1740 im Mittelpunkt ihrer Ansiedlung, in Gumbinnen, das durch den König gegründete "Salzburgerhospital" errichteten, in das alsbald 40 Alte und Sieche aufgenommen werden konnten. 1752 gründeten sie die Salzburger Kirche in Gumbinnen, die ab 1754 zu Gottesdiensten benutzt werden konnte und etwa 200 Personen faßte. Im Juli 1838 mußte die Kirche wegen Einsturzgefahr abgetragen werden. Aber schon am 15. Oktober 1840 wurde ein neues Gotteshaus eingeweiht. Dieses überstand den Ersten Weltkrieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es aber nur noch eine armselige Kraftfahrzeugwerkstatt. Glasnost und Perestroika gaben den Salzburger Vereinigungen nach der Wende die Möglichkeit, mit von allen Seiten herbeigeschafften Geldern den Wiederaufbau einzuleiten. Am 31. Oktober 1995 wurde die Kirche wieder eingeweiht und ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben. Und alle, die seitdem Gumbinnen besuchen, sehen sie in der früheren Salzburger Straße, strahlend gelb gestrichen, und haben ihre Freude an ihr.

Das heutige Gemeindeleben vor Ort beschreibt Pastor Dr. Werner Lanz wie folgt:

"Wir beten darum, Gott möge unserer evangelisch-lutherischen Kirche in Rußland einen klaren Weg vorgeben. Wohin will er unsere Gemeinden führen: Erhalten alter Formen und Arbeitsweisen (Konservierung) oder Entwicklung der Gemeinden zu mehr geistlicher und wirtschaftlicher Selbständigkeit (mündige Gemeinde)? Noch hängt hier vieles am Tropf von Deutschland. In unserem Pfarrbezirk Gussew [Gumbinnen] mit unseren zehn Gemeinden sind wir mit der Entwicklung zufrieden. Wir haben einen guten Gottesdienstbesuch mit 40 bis 50 Personen, bei 72 Gemeindemitgliedern. Unser Kirchenchor ist lebendig und kam gerade von einer Deutschland-Tournee zurück. Wir haben eine gute und beständige Kinder- und Jugendarbeit und noch einige andere Interessengruppen. Auch in unseren neun Außengemeinden mit zehn bis 32 Mitgliedern sind die Besucherzahlen zufriedenstellend und auch das geistliche Interesse. Jede Gemeinde hat eine Kindergruppe, die uns Freude macht. Gerade zu Festtagen sieht man an den Darbietungen, mit welcher Freude die Kinder dabei sind. Es ist schön zu sehen, wie in den jungen Herzen die Frohe Botschaft von Jesus Christus eingepflanzt wird und sprießt.

Unser Konfirmandenunterricht zweimal in der Woche (für Kinder und Erwachsene) ist unterschiedlich besucht. Die täglichen Morgenandachten um 9 Uhr werden nun auf mehrere Schultern verteilt, der Besuch ist noch mäßig, die Pünktlichkeit mangelhaft. Häufig führen wir Taufen im Gottesdienst durch, meist hier in unserer schönen Salzburger Kirche (23 Taufen seit August 2004). Nach wie vor spielt die soziale Arbeit eine wesentliche Rolle, da die Armut hier groß ist und viele Gesichter hat. Oft erfordern die Bearbeitung und die Nachfragen bei Behörden und sozialen Institutionen (Krankheit, Strafdelikte, familiäre Not, Alkoholprobleme und anderes) viel Zeit und Mühe. Unsere Kontakte zu Partnergemeinden und humanitären Hilfsorganisationen sind im Laufe der Jahre intensiviert und erfreulich lebendig. Wir sind dankbar dafür, bringen sie doch beachtliche Hilfe für unsere Gemeinden. Aber deren Steuerung und Distribution erfordert viel Zeitaufwand für Korrespondenz verschiedener Art.

Wir haben eine Männerarbeit begonnen, die uns zu weiterem Tun ermutigt hat (Männerfrühstück). Unsere Gemeinden vor allem auf den Dörfern bestehen zu 95 Prozent aus Frauen. Das Leben im Alltag ist hier bekanntlich einfach und rauh. Die Landschaft draußen ist großflächig versteppt. Städte und Dörfer sind sanierungsbedürftig. Alte Menschen resignieren; junge Leute haben kaum eine Zukunftsperspektive.

Wir haben Hoffnung auf eine positive Aufwärtsentwicklung. Wir wollen Mut machen und hoffen und beten dafür, daß unsere Verkündigung des Evangeliums den Menschen dazu die erforderliche Motivation gibt."

Marsch der Salzburger Emigranten 1732 Foto: Archiv

Salzburger Kirche in Gumbinnen Foto: Archiv


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