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08.10.05 / Königsbergs neuer Gouverneur ins Amt eingeführt / Georgij Boos hatte seit 1991 insgesamt drei Vorgänger mit wechselndem Glück und Geschick

© Preußische Allgemeine Zeitung / 08. Oktober 2005

Königsbergs neuer Gouverneur ins Amt eingeführt
Georgij Boos hatte seit 1991 insgesamt drei Vorgänger mit wechselndem Glück und Geschick
von Manuela Rosenthal-Kappi

Knapp drei Monate vor dem regulären Ende seiner Amtszeit gab Wladimir Jegorow seinen Sessel für den Nachfolger frei: Am 28. September wurde Georgij Boos in sein Amt als Gouverneur des Königsberger Gebietes offiziell eingesetzt und vereidigt. An der feierlichen Amtsübergabe nahmen 600 geladene Gäste teil. Georgij Boos ist der vierte Gouverneur seit 1991.

Das Gebiet, lange Zeit militärische Sperrzone, wurde von 1991 an im Zuge der Perestrojka wieder für ausländische Besucher geöffnet. Nach der Auflösung der Sowjetunion und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten entstand eine neue Situation, in der das Gebiet eine von Rußland abgetrennte Exklave wurde, die von Importen abhängig war. Um die Exklave zu versorgen, beschloß man, eine Sonderwirtschaftszone "Bern-

steinland" einzurichten. Der erste Gouverneur dieser Exklave war Jurij Matotschkin, der aufgrund eines Ukas von Präsident Jelzin am 25. September 1991 im bescheidenen Rahmen einer Sitzung des Volksdeputiertenrates eingesetzt wurde. Er gilt als einer der Begründer des Gesetzes über die Sonderwirtschaftszone, die durch Zoll- und Steuererleichterungen Investoren anlocken und die Wirtschaft des Gebiets ankurbeln sollte. Das mittlere Ostpreußen war zu dieser Zeit eine von den Russen heruntergewirtschaftete und verkommene Provinz. Matotschkins Traum von der blühenden Wirtschaftszone "Bernstein", quasi einem "Hongkong an der Ostsee", ging nicht in Erfüllung.

Sein Nachfolger Leonid Gorbenko war der erste aus einer Abstimmung der Gebietsduma mit mehr als einem Kandidaten hervorgegangene Gouverneur. Er übernahm das Amt am 5. November 1996. An der Feier anläßlich seiner Amtseinführung nahmen neben russischen Offiziellen auch Vertreter der baltischen Staaten, Polens und Litauens teil. In seine Amtszeit fällt die russische Finanzkrise 1998, während der Gorbenko das Gesetz über die Sonderwirtschaftszone in Moskau verteidigen mußte. Gorbenko konnte die Annullierung des Gesetzes zwar verhindern, zweifelhafte Kontakte zur Geschäftswelt sowie eine undurchsichtige Politik ließen jedoch den Vorwurf der Korruption gegen ihn aufkommen. Ihm wurden Alkoholprobleme und Selbstüberschätzung angelastet. Gorbenko gelang es dennoch, Kapital ins Königsberger Gebiet zu ziehen, durch nach Westen gerichtete Hilferufe, vor allem Richtung Bundesrepublik Deutschland, wurde der Region große humanitäre Hilfe zuteil. Gorbenko nahm namens der Gebietsverwaltung einen Millionenkredit bei der Dresdner Bank auf, das Geld verschwand in irgendwelchen dunklen Kanälen, über die Rückzahlung wird bis heute prozessiert. Das Königsberger Gebiet stand in dem Ruf, ein Sammelbecken für Kriminelle, Aidskranke und Drogenabhängige zu sein.

Wladimir Jegorow, der als Admiral der Baltischen Flotte großes Ansehen genoß, übernahm am 7. Dezember 2000 die Amtsgeschäfte des Gouverneurs. Er setzte sich zunächst mit der bestehenden Korruption und dem belastenden Erbe seines Vorgängers auseinander. Moskau strich einen Teil der Steuervergünstigungen für das Gebiet, was sich prompt in negativen Wirtschaftszahlen für das Jahr 2001 niederschlug. Jegorow zeichnete verantwortlich für eine Neuauflage des Sonderwirtschaftsprogramms, das zur Konsolidierung der Wirtschaft beitrug. Ihm gelang es, das negative Image Königsbergs und das Vertrauen ausländischer Investoren in russische Verträge und Gesetze zu verbessern.

Er sorgte im vergangenen Jahr dafür, daß Moskau seine anfänglich ablehnende Haltung gegenüber den Feiern zum 750. Jubiläum Königsbergs revidierte. Schließlich erhielt er die Erlaubnis, das Jubiläum zu feiern, wenn auch ohne Beteiligung der vertriebenen Ostpreußen.

Der nun amtierende Gouverneur wurde auf Vorschlag des russischen Präsidenten Wladimir Putin und ohne Gegenkanditat von der Gebietsduma gewählt. Zwar war während der 750-Jahrfeier gerüchteweise von einer Kandidatur des Königsberger Bürgermeister Jurij Sawenko die Rede gewesen, doch dazu ist es dann nicht gekommen. Die Gebietsduma mußte den Vorschlag aus Moskau quasi nur abnicken. Boos gehört der Partei des Präsidenten an und wird dessen Politik in der Exklave vertreten. Sie soll bestimmt sein von guten Beziehungen zu den EU-Nachbarländern und dem Westen, von einer Stabilisierung und Modernisierung der Exklave unter Berücksichtigung russischer Interessen.

Auf den neuen Gouverneur warten drängende Probleme: Zu Beginn der Heizsaison Anfang Oktober muß geklärt werden, wie das Gebiet für den Winter mit Wärme versorgt wird. Ein ständig wiederkehrendes, kaum in den Griff zu bekommendes Problem im mittleren Ostpreußen. Einige Städte - Gumbinnen, Zimmerbude/Peyse, Insterburg - haben Schulden in Höhe von 25 Millionen Rubel (rund 730000 Euro) bei den Öl- und Kohlelieferanten, die sich schon im vergangenen Winter weigerten zu liefern. Darüber, wer dafür aufzukommen habe, streiten sich Regional- und Kommunalverwaltungen. Die Städte werden es nicht schaffen, die Schulden aus eigener Kraft zu tilgen, bis der Winter vor der Tür steht. Sie hoffen, daß Gouverneur Boos aufgrund seiner guten Kontakte in Moskau von dort die notwendigen Mittel bekommen wird. Georgij Boos hat den Menschen im Gebiet eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse versprochen. Wieviel er davon zu verwirklichen vermag, muß er nun unter Beweis stellen.

 

Jurij Matotschkin Foto: KE

Leonid Gorbenko Foto: KE

Wladimir Jegorow. Foto: Archiv

Georgij Boos Foto: Archiv


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