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15.10.05 / Wertedebatte

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Wertedebatte
von Clemens Range

Vom 18. September (dem Tag der Bundestagswahl) und dem 10. Oktober (dem Tag, an dem die große Koalition verabredet wurde) gehen ein gemeinsames Signal aus: Die Konservativen Deutschlands sind im Bundestag und in der Bundesregierung in der absoluten Minderheit. Und: Das Koordinatenkreuz in der Bundesrepublik wird weiter nach links verschoben. In der großen Koalition unter einer Kanzlerin Merkel werden voraussichtlich in der kommenden Zeit nur mit Müh' und Not die zahlreichen Reformwerke technokratisch in Gang gesetzt. Doch die Zeit und auch die Fähigkeiten werden nicht vorhanden sein, in das Zentrum der deutschen Misere vorzustoßen: Die Debatte um die Werte dieser Republik.

Die Suche nach Werten, die als Basis für soziales, friedliches Einvernehmen und folglich für eine größere Anerkennung von Staat und Politik dienen könnten, ist im Volk unverkennbar. Besonders augenfällig wurde dies im Mitgefühl und bei der Opferbereitschaft in großen Not- und Katastrophensituationen. Für einen Augenblick standen Mut, Ehrlichkeit oder Selbstlosigkeit hoch im Kurs.

Der politischen Klasse gelang es jedoch bislang nicht, die in der Bevölkerung natürlich vorhandenen Wertevorstellungen mehr als nur beliebig erscheinen zu lassen. Dies ist ein Indiz dafür, daß wirkliche kollektive Wertüberzeugungen in Deutschland mittlerweile fehlen. Gesellschaftliche Werte entstehen aber nur dort, wo die Menschen die soziale Welt als gestaltbar erleben und mit innerer Anteilnahme um verschiedene Visionen der "guten Sache" zuliebe ringen.

Was fehlt - oder besser gesagt bewußt zerstört worden ist - ist der Sinn für das Gemeinwesen. Dieser ist in hohem Maße die staatserhaltende Basis. In einem Staatsgebilde, das Spaß daran hat, zwischen Gefälligkeiten und Bequemlichkeiten zu pendeln, in dem Autoritäts-, Hierarchie- und Elitedefizite zwar beklagt, aber nicht behoben werden und in dem die Bürger immer noch der Wohlstands- und Konsumgesellschaft huldigen, bleibt es nicht aus, daß eine Wertedebatte nicht mehr stattfindet.

Es gab in Deutschland sehr wohl Epochen, in denen Werte, die gerne mit den "preußischen Tugenden" umschrieben werden, für Generationen Meßlatte ihres Lebens waren. Und zwar wurden diese von allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen gelebt und geachtet. Hierzu gehörten auch die einfachen Tugenden der Bescheidenheit und des Sichbescheidens, des Sichfreuenkönnens, der Hilfsbereitschaft und des Anstandes. Verantwortungsbewußtsein und Pflichterfüllung waren Selbstverständlichkeiten des Miteinanders. Von einem solchen Umfeld sind wir heute meilenweit entfernt.

Die Entwicklung belegt, daß wir immer weniger imstande zu sein scheinen, gesellschaftliche Werte mit starken Überzeugungen oder Empfindungen zu verbinden. Oder gibt es in der deutschen Politszene doch noch einige Männer und Frauen, die die Bedeutung von Werten erkannt haben, eine solche Debatte anzustoßen? Es ist noch nicht lange her, da hat SPD-Chef Müntefering mit seinen Thesen gegen das "Primat der Ökonomie" einen Vorstoß in Richtung Wertedebatte unternommen. Nun, da die Unionsparteien mit der SPD gemeinsame Sache in Berlin machen, könnte die paradoxe Situation eintreten, daß aus dem Hintergrund der SPD-Vorsitzende eine Wertedebatte initiiert und damit den einstigen Verfechtern von traditionellen Werten in der CDU/CSU diese Domäne, die ihnen zahlreiche konservative Wähler sicherte, geschickt abnimmt.


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