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15.10.05 / Preußisches Opfer einer Bonner Intrige / Vier-Sterne-General a. D. Günter Kießling: Auch zu seinem 80. Geburtstag sind die Wunden kaum verheilt

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Preußisches Opfer einer Bonner Intrige
Vier-Sterne-General a. D. Günter Kießling: Auch zu seinem 80. Geburtstag sind die Wunden kaum verheilt
von Clemens Range

Der Alte Fritz wäre stolz auf diesen General gewesen, denn wie kaum ein anderer verkörpert er die preußischen Ideale. Die Bundeswehr hingegen tat sich schwer mit ihm - war er doch so ganz unzeitgemäß. Am kommenden Donnerstag feiert General Dr. Günter Kießling, der 1984 unfreiwillig für bundesweite Schlagzeilen sorgte und die Regierung Kohl in eine Krise stürzte, seinen 80. Geburtstag.

Günter Kießlings militärischer Werdegang war in der Bundeswehr einzigartig. Er wurde am 20. Oktober 1925 in Frankfurt / Oder als Sohn eines Werkmeisters geboren, wuchs in Berlin auf und besuchte dort die Volksschule. Bereits 1940 wurde er in die Unteroffizierschule Dresden aufgenommen und trug somit schon als 14jähriger Wehrmachtsuniform. Das Kriegsende erlebte Kießling als mit dem EK l ausgezeichneter Tapferkeits-Leutnant.

Der einstige Frontsoldat Kießling schlug sich als Bauhilfsarbeiter durch, machte nebenbei auf einem Abendgymnasium sein Abitur, und trat in den Bundesgrenzschutz ein. In seiner wachfreien Zeit studierte er Wirtschaftswissenschaften, promovierte zum Doctor rerum politicarum und wechselte 1956 als Oberleutnant in die neuaufgestellte Bundeswehr. Dort absolvierte der passionierte Soldat eine Bilderbuchkarriere: Er durchlief Truppen- und Stabsverwendungen erfolgreich, wurde mit 45 Jahren einer der jüngsten Brigadegenerale und stieg auf zum Vier-Sterne-General, dem höchsten Dienstgrad in der Bundeswehr.

Laufbahn, Lebensweise und Sprache unterschieden den Junggesellen merklich von manchen Kameraden. Er lebte in nahezu spartanischer Einfachheit, war äußerst sparsam und legte auf Äußerlichkeiten keinen besonderen Wert. Gesellschaftlicher Trubel stieß ihn ab. Das Gespräch im kleinen Kreis war eher die Sache des überaus belesenen Generals mit der klaren Sprache.

Verteidigungsminister Hans Apel (SPD) hatte den überzeugten Preußen im Nato-Stabsquartier Shape in Mons nominiert. Noch bevor General Kießling am 1. April 1982 in dem obersten militärischen Führungsstab der Nato seinen Dienst als einer der beiden Stellvertreter des amerikanischen Oberbefehlshabers antrat, kursierten bei Shape schon Gerüchte. Sie deuteten darauf hin, daß hier möglicherweise eine Intrige gesponnen wurde. Nichtsahnend löste Kießling als deutscher Stellvertreter des amerikanischen Oberbefehlshabers Bernard Rogers Admiral Günter Luther ab, der Shape höchst unbefriedigt verließ. Rogers übertrug Kießling das Aufgabenpaket Nachschubplanung, Infrastruktur, Zivilschutz sowie "Elektronische Kampfführung". Es lag nahe, daß General Kießling sich alsbald darüber beklagte, keine seinen eigentlichen Befähigungen entsprechenden militärischen Aufgaben übertragen erhalten zu haben. Sachliche Meinungsverschiedenheiten zwischen Rogers und Kießling führten zu persönlichen Spannungen, die nicht zuletzt auch in dem divergierenden Autoritätsverständnis beider Generale ihren Ursprung hatten.

Die Verstimmung nahm noch erheblich zu, als die beiden auch in den Grundfragen der Allianz-Strategie aneinander gerieten. Denn Kießling war selbstverständlich darauf bedacht, den im Falle eines Krieges in Deutschland zu erwartenden Schaden so gering wie möglich zu halten. Deshalb sprach er sich gegen den Einsatz der nuklearen Kurzstreckenraketen und atomaren Gefechtsfeldartillerie aus. Der deutsch-national eingestellte General Kießling bemängelte weiter, daß alle wichtigen strategischen und operativen Entscheidungen, die auch Deutschland betreffen, der amerikanische Oberbefehlshaber allein mit seinem amerikanischen Chef des Stabes - ebenfalls ein "Vier-Sterne-General" - fällte.

Unterdessen versuchte General Rogers mehrfach, Bonn zur Abberufung des ungeliebten Stellvertreters zu bewegen. So gab es bald Gerüchte, Kießling habe sich bemüht, Generalinspekteur zu werden. Mit dem Bonner Regierungswechsel im Oktober 1982 wurde Manfred Wörner (CDU), den Kießling seit vielen Jahren beraten und mit dem er auch das Zerwürfnis mit Rogers erörtert hatte, Verteidigungsminister. Doch plötzlich hatte Wörner für seinen einstigen Vertrauten keine Zeit mehr. Enttäuscht und zunehmend isoliert bat Kießling schließlich den Minister um seine vorzeitige Versetzung in den Ruhestand. Kießling strebte nun eine akademische Laufbahn an.

Eine Mitteilung des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) an Wörner veränderte dann im September 1983 die Lage radikal: Darin wurden dem General homosexuelle Beziehungen unterstellt. Am 15. September wurde Kießling nach Bonn zitiert. Generalinspekteur Wolfgang Altenburg konfrontierte Kießling mit den Vorwürfen. Dieser bestand jedoch auf ein Gespräch mit dem Minister, denn dieser war sein unmittelbarer Vorgesetzter. Auch gegenüber Wörner wies Kießling alle Beschuldigungen energisch zurück und gab sein Ehrenwort. Wörner indes ignorierte die Ausführungen; Kießling resignierte. Dann vereinbarte man, Kießling werde sich krank melden und zum 31. März 1984 vorzeitig pensioniert. Der General bestand aber darauf, den Fall aufzuklären, was wiederum Wörner nicht recht war, da er jede unangenehme Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit vermeiden wollte.

Ein weiteres Geheimdossier des MAD vereitelte diese Abmachung. Die alten Beschuldigungen wurden nicht nur aufrechterhalten, sondern nunmehr ausgedehnt, daß es "zwingend geboten" sei, Kießling sogar die Sicherheitsbescheide zu entziehen, um dem General den Zugang zu Verschlußsachen zu verwehren. General Dr. Kießling wurde als "Sicherheitsrisiko" eingestuft.

Wörner sah sich daraufhin zum sofortigen Handeln veranlaßt. Nur das Nächstliegende tat er nicht: Mit Kießling noch einmal zu sprechen. Statt dessen ließ er ihm durch seinen Staatssekretär mitteilen, er möge sich am 23. Dezember in Bonn zur Entgegennahme der Entlassungsurkunde einfinden. Kießling verwahrte sich vehement gegen die ihm mitgeteilte Begründung für seine Entlassung und bat, der Minister möge ihm, wenn schon früher als verabredet, die Urkunde selbst aushändigen. Wörner indes befand sich an jenem Tag in Hamburg auf einem Geburtstagsempfang von Helmut Schmidt. Und so wurde am 23. Dezember 1983 dem derart Verdächtigten durch den Hardthöhen-Staatssekretär Hiehle die Entlassungsurkunde in recht befremdlicher Form ausgehändigt. Der General nahm die Urkunde in Empfang, überreichte Hiehle ein Schreiben, mit dem er die Einleitung eines disziplinargerichtlichen Verfahrens gegen sich selbst beantragte und verließ wortlos den Raum.

Das Schicksal nahm seinen Lauf, denn niemand durfte die Illusion haben, man könne einen General "lautlos" verabschieden. Schon am 5. Januar 1984 berichtete die "Süddeutsche Zeitung" über die Affäre Kießling, die sich rasch zu einem Fall Wörner und sogar zu einer Kabinettskrise entwickelte. Vergleiche wurden laut, die in Obskurität und Stil eine fatale Ähnlichkeit zum Fritsch-Fall von 1938 erkennen ließen.

Kießling meldete sich nun zu Wort, bestritt öffentlich die seitens der Hardthöhe vorgebrachten Anschuldigungen und setzte sich mit rechtlichen Mitteln zur Wehr. Mehrere Wochen sah er sich entwürdigenden Spekulationen, Diffamierungen und sonderbaren Gerüchten in der Öffentlichkeit ausgesetzt, bis sich die "Affäre Kießling" zu einem skandalösen "Fall Wörner" wandelte.

Denn als bereits berechtigte Zweifel an der Zuverlässigkeit der MAD-Ermittlungen und ihrer Minister-Bewertungen aufgekommen waren, stellte Wörner seinerseits Recherchen an. So führte er mit dem skandalumwitterten Autor schweizerischer Homosexuellen-Zeitschriften, Alexander Ziegler, persönlich ein Gespräch, offenbar in der Hoffnung, von diesem schlüssige "Beweise" für die Richtigkeit seiner Anschuldigungen zu erhalten. Die "Beweise" wurden jedoch nicht erbracht. Einige couragierte pensionierte Generale kritisierten daraufhin in einer öffentlichen Erklärung Wörner und schrieben: "Wir empfinden es als unerträglich, daß bei den Vorgängen im Fall Wörner-Kießling den Äußerungen von Personen eines zweifelhaften Milieus offenbar mehr Glauben geschenkt wird als dem Wort eines bewährten Mannes."

Mehr und mehr erwiesen sich die MAD-Papiere als völlig haltlos. Wörners Argumentationsgebäude brach wie ein Kartenhaus zusammen. Er zog die Konsequenzen daraus und reichte seinen Rücktritt ein. Doch Bundeskanzler Helmut Kohl hielt trotz des offenkundigen Fehlverhaltens an ihm fest und lehnte Wörners Gesuch ab. Der Bundeswehr stand nun allerdings ein Minister vor, der zwar mit großen Erwartungen und freudig von der Truppe empfangen worden war, dessen Ansehen bei den Soldaten und dessen Durchsetzungsvermögen im Kabinett fortan aber äußerst gering waren.

Für die MAD-Spitze wurde der Fall zum Tribunal und führte zu Konsequenzen. Staatssekretär Hiehle, der die Aufsicht über den Dienst hatte, schied zum 1. März 1984 aus. MAD-Chef Brigadegeneral Helmut Behrendt wurde nach dem dilettantischen Vorgehen seiner Behörde abgelöst und zum 30. September 1984 pensioniert. Volle gesellschaftliche Rehabilitierung erlangte Kießling, als einer der bedeutendsten deutschen Boulevard-Journalisten, Udo Röbel, aufdeckte, daß der General Opfer einer Doppelgänger-Intrige aus dem Kölner Milieu geworden war.

Der zu Unrecht beschuldigte General Kießling wurde am 1. Februar formell "reaktiviert" und seinem Wunsch gemäß zum 31. März 1984 vorzeitig verabschiedet. Nicht in Bonn, sondern bei "seinem" Bataillon in Neustadt wurde der rehabilitierte General mit allen militärischen Ehren verabschiedet, ohne aber das für ausscheidende Generale fast obligatorische Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband verliehen zu bekommen. Der General mit der friderizianischen Gesinnung wünschte sich für den Großen Zapfenstreich das Lied: "Ich hab' mich ergeben mit Herz und mit Hand / dir, Land voll Lieb' und Leben, mein deutsches Vaterland!"

In Rendsburg wählte General a. D. Kießling 1987 seinen Wohnsitz. Dr. Kießling, dem die Universität Nürnberg einen Lehrauftrag für "Betriebswirtschaftslehre der Streitkräfte" erteilte, engagierte sich leidenschaftlich für die Wiedervereinigung Deutschlands.

Mit seinem Anfang 1989 erschienenen Buch "Neutralität ist kein Verrat" legte er den Entwurf einer europäischen Friedensordnung vor, der durch die revolutionären Ereignisse vom November 1989 in der DDR überaus aktuell wurde. Im Sommer 1990 unterbreitete er mit seinem Buch "Nato - Oder - EIbe" konkrete Vorschläge für ein gesamteuropäisches Sicherheitssystem.

Seine 1993 erschienene Autobiographie "Versäumter Widerspruch" zeichnete einen außergewöhnlich Soldatenweg in einem schwierigen Vaterland nach. Erst 1994 kam es zwischen Kießling und dem nunmehrigen Nato-Generalsekretär Wörner zur Versöhnung.

Der General a. D. hat seitdem alle Vorwürfe gegen den damaligen Bundesverteidigungsminister Wörner, der am 13. August 1994 einem Krebsleiden erlag, unterlassen und stets betont, die Verantwortung für den Skandal von 1984 trüge der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.

Wie schon seinen 70. und 75. Geburtstag feiert General a. D. Günter Kießling die Vollendung seines 80. Lebensjahres im Kameradenkreis seiner alten Garnisonstadt Neustadt, wo er zwei Jahre Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 62 war.

 Foto: 

Abschied: General Kießling (l.) und Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner beim Großen Zapfenstreich

1940: Kießling als Unteroffiziersschüler

1982: Kießling als Vier-Sterne-General

 

ZUR PERSON

1925: Geboren in Frankfurt / Oder

1940: Unteroffiziervorschüler der Wehrmacht

1945: Leutnant der Infanterie

1954: Diplom-Volkswirt, Dr. rer. pol.

1954: Eintritt in den Bundesgrenzschutz (BGS)

1956: Übernahme in die Bundeswehr als Oberleutnant

1967: Kommandeur des Panzergrenadierbataillons 62

1970: Kommandeur der Panzerbrigade 15

1971: Brigadegeneral

1976: Generalmajor und Kommandeur der 10. Panzerdivision

1977: Stellvertretender Abteilungsleiter Personal im Verteidigungsministerium

1979: Generalleutnant, Befehlshaber der Alliierten Landstreitkräfte in Schleswig-Holstein und Jütland

1982: General, Stellvertretender Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte in Europa

1983: "Lautlose" Entlassung / Wörner-Kießling-Affäre

1984: "Reaktivierung" und vorzeitige Verabschiedung aus dem Dienst als Vier-Sterne-General


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