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15.10.05 / Für 35 Euro am Tag / Die Bundesrepublik läßt ihre Hochschul-Elite verbluten: Vom Elend der "Honorarprofessoren"

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Für 35 Euro am Tag
Die Bundesrepublik läßt ihre Hochschul-Elite verbluten: Vom Elend der "Honorarprofessoren"
von Jörg Becker

Der Verfasser dieser Zeilen hat einen Freund, der spricht fließend chinesisch, war viele Jahre in China beruflich tätig und hat enorme kultur- und geisteswissenschaftliche Kenntnisse über das Reich der Mitte. Ende der 80er Jahre kehrte er aus Asien zurück und übernahm als Lektor in einem deutschen Verlag die Asienabteilung.

Seit diese Abteilung aber nach vier bis fünf Jahren geschlossen wurde, ist der Freund "freiberuflich" tätig. Nun hat er an einer Universität einen Lehrauftrag in Sinologie für 278 Euro pro Semester. Und jedes Semester muß er erneut um diesen Lehrauftrag kämpfen. Zum erstenmal bot ihm seine Universität neulich einen Vertrag mit einer Laufzeit von drei Jahren an - aber dann mit einem reduzierten Honorar von 243 Euro pro Semester.

Selbstverständlich arbeitet der Freund auch an der Volkshochschule (zu ähnlichen Honoraren) und veröffentlicht seine Fachartikel in Zeitungen. Für einen ganzseitigen Artikel über den Stellenwert der chinesischen Kulturrevolution für die gegenwärtige innenpolitische Diskussion in China braucht der hochqualifizierte Akademiker ungefähr sechs Tage und erhält dafür ein Pauschalhonorar von 500 Euro. Somit verdient er einen Brutto-Stundenlohn von rund zehn Euro.

Wechseln wir den Blick zu einem anderen Bekannten aus Hamburg. Auch dieser promovierte Sozialwissenschaftler ist "freiberuflich" tätig. Neulich bekam er aus Österreich folgendes Angebot: Ob er an einem speziellen Graduiertenprogramm einer öffentlichen Universität vier Tage Unterricht übernehmen wolle. Man könne ihm dafür freie Fahrt, freie Unterkunft und ein Pauschalhonorar von 350 Euro anbieten. Der Hamburger rechnete: Vier Tage Unterricht, zwei Tage Hin- und Rückfahrt plus vier Tage Vorbereitung macht zusammen zehn Tage Arbeit. 350 Euro geteilt durch zehn macht ein Tageshonorar von 35 Euro. Empört wies er dieses Angebot, bei dem es in seinem Beruf mal wieder nur um die "Ehre" ging, ab.

Erneuter Szenenwechsel zu einem weiteren Betroffenen. Beruf: Honorarprofessor; promoviert, habilitiert, Veröffentlichung von zahlreichen Büchern und vielen Fachaufsätzen in etlichen Weltsprachen, Inhaber akademischer Auszeichnungen. Honorar heißt bei einem Honorarprofessor nicht, daß dieser auch ein Honorar für seine Tätigkeit bekäme. Beileibe nicht. Auch dieser Kollege hat es nur mit der "Ehre" zu tun. Laut Hochschulgesetz muß er in jedem zweiten Semester eine Lehrveranstaltung abhalten, ohne Bezahlung, ohne Reisekostenerstattung und ohne Versicherungsschutz auf dem Dienstweg zur Universität und an seinem Arbeitsplatz. (Juristen haben wahrscheinlich längst herausgefunden, daß es sich bei seinem Tun nur um einen Weg, einen Platz und eine Tätigkeit, keinesfalls jedoch um Dienstweg, Arbeitsplatz und Beruf handelt.) Und weil es eben um die "Ehre" geht, erhält der Professor für seine Arbeit an der Universität keinen einzigen Cent. Zero, Null, Niente, Rien. Würde er freilich mit dieser seiner Tätigkeit aufhören, weiß das Hochschulgesetz einen feinen Ausweg aus der dann entstehenden Situation: Der Kultusminister würde ihm dann den Professorentitel aberkennen.

Alle drei Wissenschaftler haben einiges gemeinsam: Sie sind in ihrem jeweiligen Fachgebiet Spitzenkräfte, sie verfügen über sehr viel Auslandserfahrung, sie sprechen jeweils mehrere Sprachen, sie haben ein enorm breites Allgemeinwissen, sie arbeiten täglich mehr als acht Stunden und in allen drei Fällen könnten sie ohne das feste Gehalt ihrer Ehefrauen nicht überleben. Die eine Ehefrau arbeitet als Fachdrogistin, die anderen beiden Frauen sind ver-beamtete Lehrerinnen.

Und weitere 30, 40 Beziehungen dieser Art kennt der Verfasser dieses Beitrags, in denen die Frau ihrem "Freiberufler"-Mann die Existenz sichert. Was für eine völlig neuartige Sicht auf endlose Debatten um die Frauenemanzipation! Hatten die Feministinnen einst ein Frauenrecht auf Selbstverwirklichung in ihrem eigenen Beruf gefordert, so antwortet ihnen heute der Zynismus der Geschichte damit, daß sie mit ihrem Gehalt nicht nur ihre Kinder, sondern nun auch noch ihre Ehemänner durchfüttern müssen.

Der rohe Sieg der Macht über den Geist (so hätte es Thomas Mann formuliert) oder PISA: Wie auch immer man diese Misere benennt, so klar ist doch, daß die allseits erhobenen Forderungen nach Elitenschulen und -universitäten, nach Spezialgymnasien für Hochbegabte, nach privaten "universities of excellence" so lange das Papier nicht wert sind, auf dem sie gedruckt werden, wie unsere Öffentlichkeit die bisherige wissenschaftliche Elite sozial und finanziell verbluten läßt und deren Selbstwertgefühl mit Füßen tritt. Inzwischen kann man die deutsche Republik mit solchen "freiberuflich" tätigen Spitzenkräften zupflastern.

Man denke übrigens nicht, daß es sich bei den Angehörigen dieser "freiberuflichen" Elite nur um Sozial- und Geisteswissenschaftler handelt, also "Pinscher" (Ludwig Erhard) "Schwätz-Wissenschaftler" (Hans-Peter Stiehl) oder Angehörige einer verächtlich genannten "pencil science" ("Bleistiftwissenschaft"). Längst geht es vielen Ingenieuren, Informatikern, Betriebswirten und Bankfachleuten nicht anders. So hat beispielsweise die Putzfrau eines Nachbarn ihr Staatsexamen als Physiklehrerin zwar mit Auszeichnung bestanden, war auch viele Jahre erfolgreich als Lehrerin tätig. Da sie freilich an einem "falschen" Ort beschäftigt war, nämlich im sibirischen Omsk, kann sie heute nicht mehr als Lehrerin arbeiten, da ihr Examen in Deutschland nicht anerkannt wird.

Die bei dieser Physikerin aus Omsk sichtbar werdende Res-sourcenverschwendung leistet sich Deutschland im übrigen bei vielen tausend Einwanderern aus Osteuropa und der früheren Sowjetunion.

So wäre die gesamte in Richtung auf indische Informatiker zählende Greencard-Initiative (die zudem ein furchtbarer Flop war) völlig überflüssig gewesen, hätten die Verantwortlichen statt dessen die vorhandene Elite im eigenen Land berücksichtigt, nämlich die hervorragend ausgebildeten Naturwissenschaftler, Mathematiker und Informatiker unter den rund drei Millionen Spätaussiedlern aus Rußland.

Was bleibt als Ergebnis dieser Eliten-Verelendung festzuhalten? Nüchtern: Bundesregierung, Lan-desregierungen und Wissen-schaftsorganisationen (Deutsche Forschungsgemeinschaft, Max Planck-Gesellschaft, Fraunhofer-Gesellschaft usw.) erweisen sich in der Bildungspolitik als völlig steuerungsunfähig. Zynisch: Jedes Land hat das politische Personal, das es verdient. Anarchistisch: Hoffentlich geht diese Bildungs-stümperei bald vor die Hunde.

 

Prof. Dr. Jörg Becker (geboren 1946) lehrt Politikwissenschaft an den Universitäten Marburg und Innsbruck. Er ist zudem Geschäftsführer des "KomTech-Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung GmbH" in Solingen.

Zweifelhafte "Ehre": Immer mehr Honorarprofessoren arbeiten für Hungerlohn Foto: photothek.net


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