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15.10.05 / Das natürlichste Instrument der Welt / A-Cappella-Festival "Vokal total" in München belebt ein altes Genre neu

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Das natürlichste Instrument der Welt
A-Cappella-Festival "Vokal total" in München belebt ein altes Genre neu
von Rebecca Bellano

München steht derzeit unter dem Motto "Vokal total" - nur wissen die meisten Münchner, geschweige denn der Rest der Republik, nichts davon - denn fernab von dem großen Medienrummel findet in der bayerischen Hauptstadt ein A-Cappella-Festival statt. A Cappella? Gibt es das denn noch?

Viele denken bei A-Cappella-Gesang wohl an die "Comedian Harmonists", doch die hatten ihre Erfolge in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zudem waren die weltweit erfolgreichen Sänger keineswegs die Erfinder dieses Genres und sangen mit Klavierbegleitung, was nicht der reinen Lehre entspricht, denn beim echten A-Cappella-Gesang ist die Stimme das einzige Instrument.

Es gibt sie noch die A-Cappella-Sänger, ansonsten wäre es Romy Schmidt, der Initiatorin des noch bis zum 4. Dezember im Spectaculum Mundi in der Graubündener Straße 100 stattfindenden "Vokal total" nicht möglich, über 30 Bands für ihr inzwischen schon zum neunten mal stattfindendes Festival zu buchen. Und die Gruppen kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Frankreich, Österreich, den Niederlanden, den USA, der Schweiz und Ungarn.

Obwohl die Nationalitäten und auch das Repertoire der Sänger äußerst vielfältig ist, ist ihre Fangemeinde ziemlich überschaubar. Romy Schmidt weiß, daß sie mit ihrem Festival ein Nischenpublikum bedient. Der Veranstaltungsort bietet zwischen 180 und 260 Personen Platz, nur bei einigen Veranstaltungen weicht sie immerhin auf größere Räumlichkeiten mit bis zu 1200 Plätzen aus. Trotzdem könnte die Nachfrage größer sein, denn die Bands sind alle auf ihre Weise gut. A-Cappella-Gesang bedeutet schließlich, daß die Gruppenmitglieder alle wirklich singen können müssen. Da keine Instrumente außer der eigenen Stimme und die der anderen Bandmitglieder da sind, kann man sich nirgendwo hinter verstecken. Doch die Verbreitung dieses Genres wird steigen, da ist sich die Initiatorin sicher. "Das ist eine Wellenbewegung, doch die geht nach oben." Außerdem würden die Gruppen immer eigenständiger. "Kein kleiner grüner Kaktus, der ist dieses Jahr verblüht", statt dessen eine Reise durch die Welt der Musik, in der groovender Rock und gefühlvolle Balladen genauso ihren Platz haben wie freche Schlager und spritziger, gute Laune machender Pop.

Erstaunlicherweise bestehen auch viele der A-Cappella-Gruppen aus jungen Menschen, die fernab der angesagten Musikszene Spaß daran haben, mit ihrer eigenen Stimme zu experimentieren, denn bei A-Cappella-Gesang reiht man sich nicht einfach brav in eine Reihe ein und singt seinen Part wie es in Chören üblich ist. Beim A-Cappella-Gesang zählt auch die Bühnenshow und der Mut, mal ungewöhnliche Geräusche zu machen, beispielsweise mit der Stimme Instrumente nachzumachen. So bringt "maybebop", eine aus vier jungen Männern zwischen Mitte 20 und Anfang 30 bestehende norddeutsche A-Cappella-Gruppe, vom Sound her ein kleines Orchester auf die Bühne - nur mit ihren vier Stimmen versteht sich.

Bis Ende Oktober begeistern die vier Gesangstalente im "GOP" in Bad Oeynhausen, einem Kurort im Norden Nordrhein-Westfalens. Oliver Gies, der Kopf des Quartetts, hat die Mitglieder streng nach ihren Stimmlagen ausgesucht. Er selbst singt Bariton, die Stimmlagen Countertenor, Tenor und Baß besetzen seine Kollegen. Bei ihnen gilt neben guter Stimme die ausdrucksstarke Bühnenpräsenz, denn sie moderieren eine Varieté-Show. Dabei sind sie selber auch ein wenig Varieté, denn auch bei ihnen ist alles nur eine Frage des Muskeltrainings.

Wenn der 25jährige Lukas Teske dem Publikum sein "Mundschlagzeug" vorführt und am Ende erschöpft zusammenbricht, johlt das Publikum. In der Zwischenzeit scherzen seine Bandkollegen von der Logenballustrade des 1908 erbauten Kaiserpalais, moderieren eine Akrobatin an, um kurz darauf selber wieder auf der Bühne ihre überwiegend selbst produzierten Musikstücke in deutscher Sprache zu präsentieren. Dabei treten die Vier durchaus als modernde "Comedian Harmonists" auf. Gern auch mal im Anzug gekleidet mit frischen, amüsanten Texten erfreuen sie nicht nur das Ohr, sondern durchaus auch die Lachmuskeln des Publikums. Und so mancher Zuhörer kann sich den eingängigen Rhythmen schwer entziehen und so wird mitgeschunkelt, wenn Lukas Teske seiner Angebeteten zu singt: "Du zweite Wahl, du Kompromiß, bis was besseres kommt kannst du bleiben. Du zweite Wahl Provisorium, bis auf weiteres lieb ich dich so ... lálá."

Informationen: Telefon (089) 745 765 82, www.specataculum-mundi.de

"Mein kleiner grüner Kaktus": A-Cappella-Gruppe Comedian Harmonists 1932

"Veronika der Lenz ist da": Die 30er wieder neu belebt A-Cappella im neuen Gewand 2005: Maybebop


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