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15.10.05 / Sommerfrische in Palmnicken / Unterhaltsames von der Bernstein-Küste

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Sommerfrische in Palmnicken
Unterhaltsames von der Bernstein-Küste
von Rudolf Kukla

Glück mußte man 1942 schon haben: Ein Werkmeister des Bernsteinwerks Palmnicken beantwortete unsere Anfrage: "Kommen Sie man, Ihr trautstes Zimmerchen ist ja frei, und auch Frau mit Kinders freuen sich all drauf". Wie schon dreimal zuvor, ging's zu den Sommerferien über Königsberg und Cranz, schön langsam, die Ostsee entlang, um die Ecke des Samlandes, bis man endlich Palmnicken erreichte. Vom Bahnhof war der Weg mit Feriengepäck ganz schön weit; aber sich dafür etwa ein Fuhrwerk leisten oder eine der schmucken Pensionen bzw. das Hotel entlang der endlos erscheinenden Ortsallee? Auch diese hatte zwar ein Ende, aber nun begann der Sandweg bis an's "wohlriechende" Schlachthaus. Hundert Meter weiter dann, mit Blick auf's Bernsteinwerk, bezogen wir zu viert unser Zimmer. Natürlich waren Spirituskocher und Aluminiumtöpfe dabei. Diese gehörten, nebst Sirup für Himbeerwasser, zu meiner Traglast. In der Waschküche garten dann die Mittagessen im Spiritusduft; abwechselnd Wruken, Möhren, Weißkohl, mit Kartoffeln zum Eintopf, gut und reichlich, immerhin mit Kochwurst dazu!

Der älteste Wirtssprößling, "ewigen Flunderessens" müde, war dabei gerne Tischgast und bedankte sich dafür, indem er uns das Saltoschlagen im Hausflur beizubringen versuchte, oder uns an geheime Orte Palmnickens führte, wohin sich kaum ein Badegast verirrte. Unter anderem waren es eigentlich verbotene Schleichwege über die Dünen zum Badestrand oder eine karge Sandebene bis dicht zur Bernsteingrube heran: Hinter Sanddornbüschen versteckt, beobachteten wir den großen Bagger. Er belud sogenannte Lorenzüge mit "blauer Erde", die jene zur "Wäscherei" beförderten, wo dann der Bernstein mit hochgepumptem Ostseewasser freigespült wurde, schlammig, andernstrands zurückgeleitet. Jene Sandebenen hätten einst "Nicken" geheißen, verkündete er stolz sein angebliches Schulwissen: Die darauf wachsenden Disteln mit langen, harten Stacheln an ausladenden Blättern, zudem malerischen Blütenkörbchen, hätte man früher "Palmes" genannte. So sei denn der Name Palmnicken entstanden.

Sein Vater hielt aber nichts von solchen "Spinnetereien", die vielleicht stimmten oder nicht. Anstelle solcher Fragwürdigkeiten führte er uns gelegentlich lieber durch das Bernsteinwerk, auch dort hin, wo keine Besichtigungen vorgesehen waren; mit Extragenehmigung ins Bernsteinlager zum Beispiel, wo die dicksten Brocken zum Abtransport nach Königsberg bereit lagen. Außerdem durften wir sogar den Bernsteinschleifern, -drechslern und -schnitzern zuschauen, um deren Kunst aus der Nähe bewundern zu können. Für den Ausstellungsraum mit Bernsteinherrlichkeiten in Vitrinen (Schmuck, Zierschatullen und bildnerisches Kunstgewerk) gab es öffentliche Besuchszeiten, während ein käuflicher Erwerb einfacher Bernsteinandenken in fast jedem Kaufladen, wertvollerer Dinge aber nur über ein (oder etwa noch ein zweites?) speziell dafür berechtigtes Fachgeschäft Palmnickens erlaubt war.

Natürlich suchte jedermann nach zum Strand angespültem Bernstein: Bis zu einer bestimmten Größe der Bröckchen (Walnußgröße) durfte man sie dann auch für sich behalten. Andernfalls aber, hieß es auf den Mann im grünen Loden mit Hut zu achten, der im Hintergrund auf Freudentänze lauerte, um deren Ursache zu inspizieren - und gegebenenfalls - sogleich "übergroße" Fundstücke zu konfiszieren. Mehr oder weniger zebragestreift, im von Waden bis Hals reichenden, baumwollnen Badezeug, ließ sich wohl kaum ein unerlaubtes Stück Bernstein verbergen. Allerdings gab's ja noch ehrliche Finder, die dafür geneigt waren, größere Stücke im Gemeindeamt abzuliefern, denn dort bekam man - je nach Fundgröße - schmucke Quittungen oder sogar einen lobenden Eintrag im Gästebuch. Nur - sicher ist sicher! - Also mußte es eben den ehrenamtlichen Kontrolleur geben: Es sei der pensionierte Hauptlehrer gewesen, so munkelte man; aber wer weiß?

Die älteren, "gesetzten" Damen und Herren blieben auch am Strand bei ihrer besten Ausgehkleidung, mit Hut und Schirm bewaffnet: Solchermaßen behindert, hielten sie sich tunlichst vom Wasser fern; einer Bernsteinunterschlagung unverdächtig, also vom "grünen Männchen" gelüfteten Huts gegrüßt. Fast täglich, am Hauptstrand Palmnickens, demonstrierte da noch ein Bernsteinfischer seine Kunst. Zudem als Ruderkahneigner mit Dieselmotor, lud er sich Bereitwillige für ein paar Dittchen ins Boot, damit diese bei Windstille den Strand und das Bernsteinwerk von See her betrachten konnten. Drei Ruderpaare hatte er dabei, denn so konnten sich seine Gäste auch sportlich betätigen, wenn der Motor wieder einmal streikte oder ihm gar der Treibstoff ausging; (zurück am Strand, mit spöttischer Begeisterung be-grüßt).

Zuvor, in Friedenszeiten, da mühte sich ja noch der weiß-blaue Klingelmann mit seinem Schoko-Vanille-Eiskarren durch den Sand, im Vorbeiziehen eine Duftwolke der Verführung hinter Flassend, verfolgt vom Gebrüll verzweifelter Gnupse, deren Eis von der Waffel in den Sand gefallen war. Wo mochte es ein geruhsameres Strandleben gegeben haben als einst im beschaulichen Palmnicken?


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