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15.10.05 / Von Trauer tief umschlossen / Rebellierender Teenager lüftet das tragische Geheimnis einer jungen Frau

© Preußische Allgemeine Zeitung / 15. Oktober 2005

Von Trauer tief umschlossen
Rebellierender Teenager lüftet das tragische Geheimnis einer jungen Frau

Als Leahs Eltern mit ihrer stark pubertierenden 18jährigen Tochter nicht mehr weiter wissen, schicken sie sie in das kleine spanische Dorf Punta del Cambio zu ihren Verwandten. Dort, fern vom deutschen Großstadtrummel, soll die junge Frau zu sich selbst finden und vernünftig werden. Doch Leah denkt gar nicht an Vernunft. Jedem gegenüber, der versucht ihr nahezukommen, verhält sie sich widerspenstig. Sich selbst mit Scheren und Messern verletzend, sieht sie sich als den furchtbarsten Menschen dieser Welt, zu niemandem gehörend und aufgrund ihrer eingebildeten Andersartigkeit zur Einsamkeit verdammt.

Auf ihren Alleingängen durch die Stadt begegnet sie immer wieder einer Frau, die täglich stundenlang am Strand spazierenzugehen und genauso einsam wie sie zu sein scheint.

Neugierig beginnt sie die Fremde zu beobachten und schleicht eines Nachmittags heimlich in deren Haus. In einem blauen Heftchen findet sie einen Satz, der sich sofort in ihr Gedächtnis brennt "Ich bin tot, jedenfalls so tot, wie man sein kann, wenn man noch lebt."

Angezogen von der Trauer und Gleichgültigkeit, die diese Frau wie ein Mantel zu umschließen scheint, beschließt Leah, die Fremde kennenzulernen. Leah und Helene werden Freundinnen, ohne daß Helene jedoch je ein Sterbenswörtchen über ihre Vergangenheit verliert.

"Leah erinnerte sich daran, wie sie Helene im Winter zum Zeitvertreib beobachtet hatte ... Sie hatte ihr Geheimnis lüften wollen. Doch wenn sie es nüchtern betrachtete, war sie damit keinen Schritt weitergekommen .... Sie hatte nichts erfahren. Nicht das kleinste bißchen von dem, was Helene in den 36 Jahren gemacht hatte, bevor sie nach Punta del Cambio gekommen war. Und das verletzte Leah." In diesem Moment beschließt Leah, sich auf die Spur von Helenes Vergangenheit zu machen, und fliegt zu diesem Zweck zurück nach Deutschland. Und die Wahrheit, die sie dort findet, ist härter und schrecklicher, als sie es sich vorzustellen gewagt hätte, denn Helena war nicht immer allein, sie hatte einen Sohn.

Außergewöhnlich plastisch schildert Juliane Hielscher den Schmerz und die Todessehnsucht einer Mutter, die ihr Kind verloren und so dann sich selbst und ihr eigenes Leben aufgegeben hat. Der Schmerz und die Verzweiflung dieser Frau zeigen sich dem Leser in all ihren Handlungen und vermitteln ihm einen Hauch dessen, wie eine Mutter empfinden mag, die ihr über alles geliebtes Kind verloren hat.

Im krassen Gegensatz zur gefühlsleeren trauernden Helene steht in diesem Roman die stürmische und aufbrausende Leah, die vor lauter Kraft und Ungestüm versucht, ihrem jungen Leben ein frühes Ende zu setzen.

Am einsamen Strand eines spanischen Dorfes prallen nun diese Gegensätze aufeinander und setzen eine Energie frei, die den Leser in einen Strudel voll Emotionen und Ereignissen reißt, aus dem er sich bis zur letzten Seite dieses außergewöhnlichen Romans kaum zu befreien vermag. A. Ney

Juliane Hielscher: "Vom Leben und Sterben der Pinguinfische", Eichborn, Frankfurt am Main 2005, geb., 352 Seiten, 22,90 Euro


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