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22.10.05 / Zukunftsfragen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. Oktober 2005

Zukunftsfragen
von Clemens Range

Deutschlands Zukunftsgestaltung liegt jetzt in den Händen von Frauen. Angela Merkel hat ihr Kabinett zusammengestellt. Zu den vordringlichsten Aufgaben gehören die Sanierung der maroden Staatsfinanzen, die Reduzierung der quälenden Massenarbeitslosigkeit und das Anwerfen des stotternden Konjunkturmotors zur Gesundung der Wirtschaft. So wichtig und unaufschiebbar alle diese Maßnahmen auch sind, sie sind nur Notoperationen. Die sehr viel tiefer liegenden Ursachen der deutschen Misere indes werden nicht durch radikale und schmerzvolle Adhoc-Programme behandelt.

Zwei weiteren Frauen fallen die Schlüsselrollen zu, Deutschlands Zukunft nachhaltig zu gestalten. Es sind dies Ursula von der Leyen und Anette Schavan. Die eine ist für die Familien-, die andere für die Bildungspolitik in einem Land verantwortlich, das über keine nennenswerten natürlichen Rohstoffe verfügt. Die einzigen Ressourcen Deutschlands sind die Menschen und deren geistige Kapazitäten. Das war übrigens schon immer so und wurde beispielsweise zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den Regierenden in Preußen-Deutschland erkannt und vorbildlich gefördert. So wurde Deutschland das weltweit führende Land in verschiedenen Industriebranchen und der Wissenschaft. Allein von 1901 bis 1919 entfielen für Medizin, Chemie und Physik 17 Nobelpreise auf deutsche Wissenschaftler - Großbritannien folgte mit acht, Frankreich mit sieben Preisträgern.

Zu den Aufgaben der beiden Damen wird es gehören, die Versäumnisse einer über Jahrzehnte verkommenen Politik zu korrigieren. Sie müssen in Zeiträumen zwischen 30 und 100 Jahren denken und planen. Denn die Zeit für Experimente ist ebenso vorbei wie das Industriezeitalter. Ein Teil der deutschen Krankheit ist der dramatische Geburtenrückgang und die unabdingbare Vergreisung der Gesellschaft. Die Rolle der Familie und vor allem der Frau muß neu definiert werden und damit die Schieflage der Vereinbarkeit von Kindern und Karriere behoben werden. Kinderreichtum muß wie in Frankreich belohnt werden. Kinder sind die Lebensversicherung für Deutschland, das am Vorabend einer spektakulären Kulturwende steht: Demographische Verwerfungen und weiter ungesteuerter Zuzug aus Nachbarländern verändern das Bild der Gesellschaft.

Den gleichen Stellenwert wie die Familienpolitik sollte auch die Bildungspolitik genießen. Es gilt, an das Humboldtsche Bildungskonzept anzuknüpfen und unabhängig frei denkende Persönlichkeiten mit einer umfassenden Allgemeinbildung zum Nutzen der Gemeinschaft heranzubilden. Bei diesem Reformwerk muß allerdings erst die Basis neu zementiert werden. Der Wert des heutigen Abiturs und die Ausstattung unserer Universitäten müssen ebenso wie die Kulturhoheit der Länder auf den Prüfstand.

Wie gering indes der Stellenwert der geistige Ressourcen seitens der designierten Kanzlerin Merkel bewertet wird, zeigt sich an der völlig ungeklärten Frage, wie die Kulturpolitik fortgesetzt werden soll. Die bisherige parteilose Amts-inhaberin Christina Weiss zieht sich von dem Posten der Staatsministerin enttäuscht zurück. Und der erste Unions-Anwärter auf dieses Amt, Norbert Lammert, wurde zum Bundestagspräsidenten gewählt. So steht trotz der hoffnungsvollen Ministerinnen von der Leyen und Schavan zu befürchten, daß in dem Land der Dichter und Denker die Kultur- und die zu ihr gehörende Familien- wie Bildungspolitik nicht den ihr gebührenden Stellenwert erhalten und weiter verwaisen werden.


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