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22.10.05 / Bloß noch zurück nach Hause / Zuwandererdruck auf Ceuta und Melilla nimmt ab - Marokkanische Medien: Mehrheit der gescheiterten Grenzstürmer hat aufgegeben

© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. Oktober 2005

Bloß noch zurück nach Hause
Zuwandererdruck auf Ceuta und Melilla nimmt ab - Marokkanische Medien: Mehrheit der gescheiterten Grenzstürmer hat aufgegeben
von Jan Bremer

Damit hatte der Justizkommissar der Europäischen Union, der Italiener Franco Frattnini, nicht gerechnet: Marokko hat vergangene Woche einer von Brüssel entsandten EU-Expedition, welche die Lebensbedingungen der Tausenden Afrikaner untersuchen sollte, die sich südlich der beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla auf marokkanischem Gebiet aufhalten, die Einreise verweigert.

Der unfreundliche Akt ist Ausdruck tiefer Verärgerung der marokkanischen Regierung in Rabat, die sich von den Europäern in der Flüchtlingsfrage hin- und hergeschubst fühlt zwischen den gleichzeitig erhobenen EU-Forderungen, die Südflanke der Union wirksam vor illegalen Grenzübertritten zu schützen und andererseits alle hohen Normen einer menschlichen Behandlung so zu erfüllen, wie es der europäischen Öffentlichkeit angemessen erscheint. Beides sei mit den Mitteln Marokkos nicht zu bewerkstelligen, kontert Rabat: "Wir können das Elend Afrikas nicht für die Bequemlichkeit Europas beheben", ließ der marokkanische Informationsminister Nabil Benabdallah die nördlichen Nachbarn wissen.

Zunächst war Rabat eine zu nachlässige Handhabung des seit Ende August verzeichneten Massenzustroms von Schwarzafrikanern auf die beiden letzten europäischen Besitzungen auf dem afrikanischen Kontinent vorgehalten worden. Es wurde gar gemunkelt, Marokko sehe die Flut gar nicht ungern, da es die Souveränität Spaniens über Ceuta und Melilla sowieso nicht anerkenne und hoffe, daß Madrid die beiden Städte unter dem Zuwanderdruck aufgeben müßte.

Empört über diese Gerüchte griffen die Marokkaner durch und transportierten die vor den Exklaven versammelten Menschenmassen ins Innere ihres Landes. Dies wiederum löste einen Sturm der Entrüstung in Europa aus über die "unmenschlichen Marokkaner". Zahllose Hilfsorganisationen wurden in der Region aktiv und ließen über die Medien unablässig Nachrichten von in der Wüste ausgesetzten, verzweifelten Schwarzafrikanern verbreiten. Solche Berichte seien falsch und stützten sich allein auf Telefonanrufe der angeblich Versprengten, kontert die Regierung Marokkos. Spitz vermerkt die staatliche Nachrichtenagentur "MAP", man frage sich in Rabat, "wie die Batterie eines Funktelefons, das sich 30 Leute teilen müssen, eine Woche in der Wüste halten soll".

Die marokkanische Wochenzeitung "La Vie Économique" berichtet, daß die einmal aufgegriffen Schwarzafrikaner fast durchweg froh seien, wieder in ihre Heimat zurückgebracht zu werden. Konfrontiert mit den unerwarteten Schwierigkeiten seien sie am Ende mit den Kräften und wollten nur noch nach Hause. Aber wie? Finanziell wie körperlich erschöpft von der monatelange Hinreise durch die Wüste sei eine Rückkehr auf eigene Faust "der sichere Tod". Die meist armen Herkunftsländer seien nicht bereit, bei der Rückkehr ihrer Landsleute aktiv behilflich zu sein. "Wir haben versucht, unsere Botschaft wegen unserer Rückkehr anzusprechen. Aber die sagen uns nur jedesmal: ,Wir werden sehen, später'", verrät ein aus Mali stammender Bauarbeiter den marokkanischen Journalisten. Nur die Behörden aus dem Ölland Nigeria holten ihre Leute zurück. Die Menschen aus den ärmeren Staaten säßen fest. Vergangene Woche hat Marokko damit begonnen, die gescheiterten Immigranten selbst zurückzufliegen.

In den deutschen Medien bleiben die Rückkehrwilligen eine Randerscheinung. Fast durchweg wird von Afrikanern berichtet, die um keinen Preis mehr nach Hause wollten und vorhätten, den Übertritt auf EU-Gebiet immer wieder und um praktisch jeden Preis zu versuchen, bis es klappt. Damit wird der Eindruck erweckt, daß Grenzsicherungsmaßnahmen gegen Massenzuwanderung zwecklos seien und die Europäer sich mit der Migration in großem Stil abzufinden hätten. Die Alternative bestünde demnach darin, auf die Eindringlinge zu schießen oder sie in der Wüste verdursten zu lassen, was beides mit europäischen Werten nicht vereinbar ist - den marokkanischen Berichten zufolge eine Dramatisierung, die die wirkliche Lage verfälscht.

Rabat ist nunmehr offenbar auch bereit, einen bis vor kurzem verfemten Vorschlag des scheidenden deutschen Innenministers Otto Schily aufzugreifen. Schily hatte vergangenes Jahr die Idee aufgeworfen, in den nordafrikanischen Ländern Auffanglager für die aus dem Süden heranströmenden Menschenmassen zu errichten. Dort solle über das weitere Schicksal der Ankömmlinge entschieden werden. Sowohl Spanien als auch Marokko hatten das Ansinnen damals schroff zurück-gewiesen. Nach einem Bericht der spanischen Zeitung "El País" hat Marokko vergangenes Wochenende durchblicken lassen, daß es nun doch solche Lager plane. Die Anregung dazu kam "El País" zufolge pikanterweise aus Madrid.

Mit den Lagern soll der unkontrollierte Ansturm gebremst und insbesondere den kriminellen Schleuserbanden das Handwerk gelegt werden, die vor allem vom gefährlichen Transport über See profitieren. Eine illegale Einschleusung kostet nach marokkanischen Angaben rund 5000 bis 7000 Euro pro Person. Etliche kommen bei der Überfahrt zu Tode. Rabat will allein im vergangenen Jahr 425 Schleuserringe zerschlagen haben, was die Zahl der Einreiseversuche über sein Gebiet nach Europa um ein Viertel gegenüber 2003 gesenkt habe.

Bei Ceuta: Marokkansiche Soldaten transportieren Afrikaner weg von der spanischen Grenze.


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