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22.10.05 / Was viele Franzosen nach Preußen trieb / 320 Jahre nach der Widerrufung des Ediktes von Nantes würdigt das Deutsche Historische Museum die Hugenotten

© Preußische Allgemeine Zeitung / 22. Oktober 2005

Was viele Franzosen nach Preußen trieb
320 Jahre nach der Widerrufung des Ediktes von Nantes würdigt das Deutsche Historische Museum die Hugenotten
von Ilse Hennigs

Diesen Sonnabend wird im Deutschen Historischen Museum in Berlin, die in Kooperation mit dem Conseil général de la Moselle erarbeitete Ausstellung "Zuwanderungsland Deutschland - Die Hugenotten" eröffnet. Die Ausstellung wird von ihren Machern als Beitrag zur aktuellen, europaweit geführten Diskussion zum Thema Migration verstanden. Zeigt die gleichzeitig im Deutschen Historischen Museum stattfindende Ausstellung "Zuwanderungsland Deutschland - Migrationen 1500-2005" fächerartig unterschiedlichste Migrantengruppen und Formen von Migration, wird hier der Blick beispielhaft auf die bekannteste Gruppe von Zuwanderern in die protestantischen Territorien des Heiligen Römischen Reichs sowie nach England und Holland gelenkt. Denn am historischen Beispiel der Hugenotten vereinen sich auf einzigartige Weise bis heute aktuelle Aspekte der vielschichtigen Migrationsproblematik. Keine Migrantengruppe der frühen Neuzeit ist durch Objekte und Quellen so gut dokumentiert wie die Hugenotten.

Mit dem Ziel, diese angemessen thematisieren zu können, greift die Ausstellung auf 1200 Quatratmetern Fläche mit ihren rund 500 Exponaten, darunter Tapisserien, Goldschmiedearbeiten, Textilien, Werkzeuge, Zeichnungen und Gemälde wie Louise Henrys Ölgemälde "Familie Felix Du Bois-Reymond", sowohl die Geschichte der französischen Protestanten in ihrem Heimatland auf als auch ihre Aufnahme und Eingliederung in den Hauptzufluchtsländern nach der vor 320 Jahren erfolgten Widerrufung des Toleranzedikts von Nantes 1685 durch König Ludwig XIV. von Frankreich. Denn insbesondere jetzt setzte eine große Fluchtwelle ein, welche die Ankommenden in den Aufnahmeländern als festumrissene Gruppe deutlich werden ließ.

Der Rundgang der Ausstellung beginnt mit der Geschichte der Hugenotten in Frankreich. Im Gegensatz zu den deutschen Territorien, in denen sich die Religionszugehörigkeit seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 nach dem Bekenntnis des Landesherren richtete, hatte sich die Reformation in Frankreich gegen den Willen der Könige ausgebreitet. In ganz Frankreich entstanden Gemeinden, in denen sich Gläubige aus allen Bevölkerungsschichten zusammenfanden. Der Übertritt eines bedeutenden Teils des Hochadels ließ die zunächst rein religiöse Auseinandersetzung schnell in eine politische umschlagen. In der berühmten Bartholomäusnacht am 24. August 1572 wurde auf Veranlassung der Regentin Katharina von Medici ein Massaker an den Hugenotten verübt, das ihnen auch ihre politischen Köpfe raubte. 1598 erließ Heinrich IV. mit dem Ziel der innenpolitischen Befriedung seines Königreichs das Edikt von Nantes, das den Protestanten freie Religionsausübung und eine politische Sonderstellung einräumte.

Unter dem Sonnenkönig sollte der andauernde Konflikt der widerstreitenden Parteien, die die katholische Konfessionalität förderten oder hemmten, gelöst werden. Die Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 - die sogenannte Revokation - und die anschließende Flucht hunderttausender Protestanten war die Konsequenz der absolutistischen Politik, die konfessionelle Homogenisierung als notwendiges Element der staatlichen Einheit und Machtsicherung des Königs betrachtete. Um den inneren Frieden zu gewährleisten, sollte der konfessionellen Entzweiung vorgebeugt werden. Die bereits zuvor bestehende, gesetzlich verankerte Benachteiligung der Protestanten wich nun der Auffassung, daß es keinen Platz für andersgläubige Untertanen mehr geben sollte.

Obgleich Ludwig XIV. den Hugenotten die Auswanderung unter Androhung von Strafen verboten hatte, verließen zwischen 1685 und 1705 mehr als 150000 reformierte Franzosen Frankreich, um der befohlenen Konvertierung zum katholischen Bekenntnis zu entgehen. Da die Auswanderung der Hugenotten illegal war, ergab sich in den ersten Monaten nach der Revokation des Edikts von Nantes eine spontane, ungeplante Fluchtbewegung. Es flohen einzelne Personen, Familien, Unternehmer mit ihren Arbeitern und manchmal sogar ganze Gemeinden.

Die Hugenotten erwarteten unterschiedliche politische, rechtliche und ökonomische Bedingungen in den Hauptaufnahmeländern des Heiligen Römischen Reichs, in den Niederlanden und in England. Grundsätzlich erfolgte die Erlaubnis zur Einwanderung gezielt nach wirtschaftlichen Erwägungen, das heißt in Übereinstimmung mit der merkantilistisch geprägten Wirtschaftspolitik. Entsprechend kann keineswegs von einer einheitlichen Wirkung des hugenottischen Zuzugs in den Aufnahmeländern ausgegangen werden. Der wirtschaftliche Zuwachs erfolgte am ehesten im Manufakturbereich durch die zugewanderten Handwerker. Die Ansiedelung von zur Herstellung von Luxusgütern befähigter Handwerker war oftmals mit Prestigedenken verbunden. Man wünschte Erzeugnisse von hoher Qualität, die einen europäischen Markt erreichen konnten.

Die Hugenotten selbst kamen hingegen mit präzisen Vorstellungen bezüglich ihrer Religionsausübung in die Aufnahmeländer. Häufig existierten bereits vor der Widerrufung des Ediktes von Nantes mehr oder weniger eigenständige französisch-reformierte Kirchen im Ausland oder sie wurden mit Unterstützung der aufnehmenden Fürsten aufgebaut. Als erste Anlaufstelle der Flüchtlinge konnten sie die nötige Hilfestellung leisten. Die Kirche war also nicht mehr nur wie ehedem in Frankreich die religiöse Heimat der Gläubigen, sondern gleichermaßen das integrative Zentrum des sozialen Lebens der französischen Fremden. In den ersten Jahren bewirkten äußere Zwänge im Zusammenspiel mit einer inneren Disposition zur gegenseitigen Hilfe eine schnelle Wiederherstellung gemeinschaftlicher Strukturen. Die Integration in die Gesellschaft der Aufnahmeländer war in erster Linie abhängig vom Grad der zugestandenen kulturellen und rechtlichen Eigenständigkeit der Hugenottengemeinden.

Die Geschichte der Hugenotten ist weitgehend als eine "Erfolgsgeschichte" beschrieben worden, bei der vor allem die wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Innovationen, die sie mitbrachten, hervorgehoben wurden. Dies gilt in besonderem Maße für die von Hugenotten oder ihren Nachfahren verfaßten Darstellungen zur Geschichte des "Refuge". Sie zeigen bereits im 18. Jahrhundert deutliche Anzeichen zu einer hugenottischen Traditions- und Legendenbildung, die sich im 19. Jahrhundert schließlich zu einer bis in die heutigen Tage hinein wirkenden verklärenden Sicht verfestigten.

Zu fragen bleibt, welchem Zweck die Historisierung von Flucht und Aufnahme der Hugenotten diente, inwiefern sie die Gruppenidentität und die Politik der Aufnahmeländer spiegelt und als Gradmesser für Integration zu betrachten ist. Dies ist auch vor dem Hintergrund neuerer Forschung zu sehen, die zunehmend auf die schweren Lebensbedingungen und das keineswegs immer als "Erfolgsgeschichte" verlaufene Leben im "Refuge" verweist.

Die Ausstellung ist bis zum 12. Februar kommenden Jahres täglich von 10 bis 18 Uhr in der Ausstellungshalle von I. M. Pei, Hinter dem Gießhaus 3, 10117 Berlin, Telefon (0 30) 2 03 04 - 0, Telefax (0 30) 2 03 04 - 5 43, zu sehen. Danach wird man sie vom 16. Oktober 2006 bis zum 14. Januar 2007 in Metz besuchen können.

Bild: Hugenotten in Berlin: "Familie Felix Du Bois-Reymond" von Louise Henry


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