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12.11.05 / Harmonie der Gegensätze / Maja Ehlermann-Mollenhauer sprach über Künstler in Nidden

© Preußische Allgemeine Zeitung / 12. November 2005

Harmonie der Gegensätze
Maja Ehlermann-Mollenhauer sprach über Künstler in Nidden

Als im Frühjahr dieses Jahres im Kunsthaus am Wasser West in Stade eine Ausstellung mit Bildern aus der Künstlerkolonie Nidden eröffnet wurde, staunte man nicht schlecht über die bunte Vielfalt der Werke,

die von den unterschiedlichsten Künstlern einst gemalt wurden und die zum großen Teil aus der Sammlung des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg stammen. Kenner der Geschichte der Künstlerkolonie Nidden staunten jedoch auch, daß von dem Maler Ernst Mollenhauer (1892-1963) nur die Arbeit "Nidden mit Leuchtturm" in dieser Ausstellung zu sehen war, gilt der im ostpreußischen Tapiau geborene Expressionist neben Pechstein oder Corinth doch als einer der wichtigsten Maler, die in Nidden gearbeitet haben. Durch die Initiative von Maja Ehlermann-Mollenhauer, der engagierten Tochter des Künstlers, ist diese als schmerzlich empfundene Lücke nun geschlossen worden. Drei weitere Werke Mollenhauers sind jetzt in Stade zu sehen: "Rettungshaus in den Vordünen" (um 1921), "Am Meer" (1955) und "Fischerhäuser am Haffstrand" (1962).

Maja Ehlermann-Mollenhauer, die zur Präsentation der Werke ihres Vaters eigens aus Mainz angereist war, nahm die Gelegenheit wahr, einem interessierten Stader Publikum Wissenswertes über die Künstlerkolonie Nidden, aber auch über Ernst Mollenhauer und Hermann Blode, ihren Großvater, zu erzählen und Dias mit Motiven von Nidden und der Kurischen Nehrung zu zeigen. Das lebendige Bild, das sie zeichnete, regte an, die ausgestellten Bilder noch einmal eingehend zu betrachten.

Nidden, so Maja Ehlermann-Mollenhauer, liege vielen Menschen im Westen heute fern, auch wenn die Kurische Nehrung jetzt zum Weltkulturerbe der Unesco zähle. Sie forderte die Zuhörer auf, hinzufahren, solange noch ein Stein auf dem anderen stehe. Viel sei in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Selbst vor den Backsteinen der alten Kirchen schrecke man nicht zurück und verkaufe sie gegen gutes Geld an Leute, die daraus dann ihre Villen bauten. Eine "Schande für Europa" nannte Maja Ehlermann-Mollenhauer die Situation in Nidden und auf der Kurischen Nehrung. 700 Jahre europäischer Kulturgeschichte gingen unwiederbringlich verloren, wenn man nicht aufpasse.

Das alte Fischerdorf Nidden mit seinen Gästen aus nah und fern wurde wieder lebendig, als Maja Ehlermann-Mollenhauer von dem fröhlichen Treiben der Künstler erzählte, die auf der Kurischen Nehrung ihr Malerparadies gefunden hatten. Sie wohnten bei den Fischern, die oft ihre eigenen Schlafzimmerchen für die Gäste räumten, oder fanden Unterkunft bei Hermann Blode, der unter dem Dach seines Hauses so manchen später berühmten Gast begrüßen konnte, etwa die Maler Lovis Corinth oder Max Pechstein und den Dichter Thomas Mann.

Mehr als 200 Maler fanden von Ende des 19. Jahrhunderts bis 1944 den Weg nach Nidden. Schon Wilhelm von Humboldt war begeistert gewesen von diesem "schmalen Strich toten Sandes", wie er die Nehrung nannte, die so merkwürdig sei, "daß man sie ebensogut als Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll". Der Richter-Dichter Ludwig Passarge hat 1886 als einer der ersten Land und Leute der Nehrung mit dichterischen Augen gesehen und geschildert. Es sollte jedoch noch einige Zeit ins Land gehen, bis Maler auf die Nehrung kamen, um der "Harmonie der Gegensätze", dem Spiel von Licht und Schatten nachzuspüren. Bald schickten die Professoren der Königsberger Kunstakademie ihre Schüler auf die Nehrung. Max Pechstein kam 1909 zum ersten Mal und sollte dem kleinen Nidden alsbald "verfallen". Schon 1867 war der Gasthof Blode von Friedrich Blode errichtet worden, er sollte die Keimzelle der späteren Künstlerkolonie bilden. In Hermann Blode, dem Mäzen und Urgestein, fanden die jungen Künstler einen geneigten Freund; er war die Schlüsselfigur der Künstlerkolonie. Als Blode 1934 starb, übernahm Schwiegersohn Ernst Mollenhauer die Leitung des Hauses und blieb bis zum bitteren Ende 1945, als das Unheil auch über diesen sonst so friedlichen Winkel hereinbrach.

Mit bewegenden Worten schilderte Maja Ehlermann-Mollenhauer die Ereignisse zwischen 1939 und 1945, berichtete aber auch von weiteren Lebensstationen im Rheinland und auf der Insel Sylt, die allerdings nur ein schwacher Abglanz von Nidden waren. Heute versuchen litauische Künstler, an die alten Traditionen anzuknüpfen, mit nur wenig Erfolg. Doch lasse die Aufnahme Niddens in die EuroArt hoffen, daß der Rest der Welt dieses einstige Malerparadies im hohen Nordosten Europas noch nicht ganz vergessen hat. EuroArt, die Vereinigung der europäischen Künstlerkolonien, wurde 1994 in Brüssel unter der Schirmherrschaft des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission gegründet, um ein Netzwerk von Künstlerkolonien, Künstlerdörfern und Künstlerorten in Europa zu schaffen. Seit 1999 erinnert Maja Ehlermann-Mollenhauer im ehemaligen Stall des Gasthauses Blode mit einer kleinen, aber feinen Fotoausstellung an den vergangenen Glanz. Besucher aus aller Herren Ländern sind begeistert und geben der unermüdlich Tätigen Mut für neue Unternehmungen und für ihren rastlosen Einsatz für Nidden und Ostpreußen. os

Die Ausstellung in Stade ist dienstags bis freitags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende bis 18 Uhr geöffnet. Bis 15. Januar 2006.


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