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12.11.05 / Zwischen Polemik und Realität / Bayrischer Gymnasialdirektor analysiert unaufgeregt das fehlgedeutete deutsche Schulsystem

© Preußische Allgemeine Zeitung / 12. November 2005

Zwischen Polemik und Realität
Bayrischer Gymnasialdirektor analysiert unaufgeregt das fehlgedeutete deutsche Schulsystem

Schulpolitik ist in aller Munde. Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über eine der Pisa-Studien oder andere vermeintlich neue bildungspolitische Erkenntnisse berichtet wird. In vielen Fällen sind die Meldungen mit pauschalen Wertungen verbunden, die zum Ergebnis haben, daß das bestehende Schulsystem völlig versagt habe. Eine Alternative sehen die Meinungsforscher im Norden: Deutschland solle eine Gesamtschule nach beispielsweise schwedischem Vorbild einführen. Dann würden sich die Probleme mit der Zeit erledigen und das Schulsystem gleichzeitig leistungsfähiger und gerechter werden.

Was ist von diesen Forderungen zu halten? Josef Kraus, Direktor eines Gymnasiums in Bayern, nimmt sich in seinem Buch die Pisa-Studien genauer vor. Er stellt die Fakten gut verständlich dar, entlarvt die verschiedenen Legenden, zeigt Verbindungen von Politik und Propaganda auf und scheut sich auch nicht, die wirklichen Schwächen des deutschen Schulsystems zu benennen.

In "Fakten" und "Legenden" erläutert Kraus nicht nur Aufbau und Ergebnisse der Pisa-Studie, sondern stellt vielfältige Verbindungen her, so zum Beispiel zum unterschiedlichen Abschneiden der süddeutschen und norddeutschen Bundesländer, zu den Ergebnisse von Grundschulen, Gymnasien und Gesamtschulen oder zum Vergleich der deutschen Ergebnisse mit denen der skandinavischen Staaten. Bereits hier zeigt sich der rote Faden, der das gesamte Buch durchzieht: Kraus zeigt an vielfältigen konkreten Beispielen, wie eine begrenzt aussagefähige Studie von vielfältigen Interessengruppen (Gesamtschulbefürworter, Ganztagsschulbefürworter, Wirtschaftsverbände) als Brechstange genutzt wird, um endlich die eigenen bildungspolitischen Ziele durchzusetzen.

Die Medien gehen diesen Interessengruppen überwiegend auf dem Leim, so wurde in der "Süddeutschen Zeitung" die Gesamtschule als "Heimlicher Sieger der Pisa-Studie" bezeichnet, obwohl, wie Kraus an vielen Beispielen nachweist, gerade die Gesamtschulsysteme bei der Pisa-Studie vernichtend abscheiden!

Das Buch erschöpft sich jedoch nicht darin, Kritik zu äußern. Kraus nennt Fehlentwicklungen des deutschen Schulsystems seit Ende der 60er Jahre und macht Verbesserungsvorschläge. Seine Grundlinie ist es dabei, auf den vorhandenen Stärken des deutschen Schulsystems aufzubauen. So wird an vielen Hauptschulen eine intensive pädagogische Arbeit geleistet, außerdem werden neue Wege zu Abschlüssen entwickelt und die Zusammenarbeit mit den ausbildenden Betrieben ausgebaut. Doch was tun viele Medien? Sie polemisieren gegen diese Schulform, bezeichnen sie als "Restschule" und treffen damit mehr als 7000 Hauptschulen in Deutschland, die (in den alten Bundesländern) von rund einem Drittel der Schüler besucht werden.

Gerade die Vielfalt ist, so Kraus, eine Stärke des deutschen Schulsystems. Hinzu kämen der Wettbewerb der Bundesländer und viele hochqualifizierte Lehrkräfte. Nicht utopische Schulreformen seien anzustreben, sondern konkrete Verbesserungen für die einzelne Schule beziehungsweise für den einzelnen Schüler.

Das sachkundig, spannend und mit einem Hauch von Polemik geschriebene Buch bietet nicht nur einen verständlichen Überblick, sondern auch viel Stoff zum Weiterdenken. Helge Schröder

Josef Kraus: "Der Pisa-Schwindel - Unsere Kinder sind besser als ihr Ruf. Wie Eltern und Schule Potentiale fördern können", Signum-Verlag 2005, geb., 247 Seiten, 16,90 Euro


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