19.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
03.12.05 / Die Bahn soll bleiben / Erleichterung in Berlin: Bund gegen Verlagerung der Konzernzentrale nach Hamburg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Dezember 2005

Die Bahn soll bleiben
Erleichterung in Berlin: Bund gegen Verlagerung der Konzernzentrale nach Hamburg

Was für Hunderte Berliner Samsung-Mitarbeiter bereits Gewißheit scheint, drohte beinahe auch rund 1000 Berliner Angestellten der Deutschen Bahn AG: Die "Verlagerung" ihrer Arbeitsplätze. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn will die Konzernzentrale nach Hamburg verlagern. Die Hansestadt winkt mit Mehrheitsbeteiligungen an dem bisher stadteigenen Hafenbetreiber HHLA sowie dem U-Bahn- und Busunternehmen "Hamburger Hochbahn". Vergangenen Dienstag jedoch machte die Bundesregierung Bahn-Chef und Hamburger Senat einen Strich durch die Rechnung und sprach sich gegen die Verlagerung aus. Noch ist der Bund 100prozentiger Eigner der Bahn.

Mehdorn wollte den Wechsel an die Küste vor allem wegen der attraktiven Beteiligungsangebote der Hamburger. Mit der HHLA schaffe die Bahn endlich den Sprung zum weltweit operierenden Logistik-Unternehmen, argumentiert er. Die "Hochbahn" wiederum expandiert längst weit über Hamburg hinaus und zählt nach eigenen Angaben zu den rentabelsten Nahverkehrsbetrieben Europas.

Für Berlin wäre der Weggang der Bahn nach der Samsung-Schließung Ende des Jahres ein weiterer Schlag in einer Kette von Betriebsschließungen und -verlagerungen gewesen, die seit 1990 nicht abreißen will.

Der Videogeräte-Hersteller JVC beipiselweise baut in seinem Werk in Reinickendorf 225 Stellen ab. Um ihre Arbeitsplätze fürchten auch 500 Beschäftigte beim Baumaschinenwerk CNH in Spandau. Zigarrettenhersteller Reemtsma will 200 Leute entlassen, Mercedes 100. Insgesamt sank die Zahl allein der Industriearbeitsplätze Berlins seit dem Mauerfall von über einer Viertelmillion auf zuletzt gerade noch 100000. Unterm Strich konnten Neuansiedlungen etwa im Bereich der Musik- und Medienbranche den Aderlaß an Stellen nur geringfügig ausgleichen. Die Arbeitslosenrate betrug im Oktober 18,1 Prozent.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appelliert, den Wegfall der Bahn-Arbeitsplätze in Berlin zu verhindern. Im Extremfall solle eben bloß Bahn-Chef Mehdorn umziehen, wenn er denn wolle. Die Zentrale seines Unternehmens könne in Berlin bleiben, argumentierte Wowereit.

Der Ruf wurde offenbar gehört. Die Bundesregierung machte für ihre Entscheidung "strukturpolitische Gründe" geltend. Soll heißen: Der Bund will nicht tatenlos zusehen, wie die deutsche Hauptstadt weiter ausblutet. Wenn die Bahn indes erst an der Börse notiert und mehrheitlich in privatem Besitz ist, wird die politische Ebene machtlos sein. Berlin wird sich nun intensiver um die Bahn AG bemühen müssen. Das Verhältins der Stadt zu einem ihrer bedeutendsten Arbeitgeber gilt als wenig herzlich.

Narben hinterließ beispielsweise der jüngste Streit um den Bahnhof Zoo. Bereits 1994, lange vor dem Amtsantritt von Konzernchef Hartmut Mehdorn, war auf der politischen Ebene beschlossen worden, den traditionsreichen West-Berliner Bahnhof weitgehend vom ICE-Netz abzukoppeln, sobald der neue Hauptbahnhof beim ehemaligen Lehrter Stadtbahnhof fertiggestellt ist, was 2006 der Fall sein wird.

Bei den erst in diesem Jahr heftig aufkeimenden Bürgerprotesten zugunsten des Bahnhofs Zoo ließ der Regierende Bürgermeister Wowereit den Bahnchef jedoch praktisch im Regen stehen und krümmte keinen Finger, um Mehdorn in der scharfen Debatte zu unterstützen. H.H.


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren