19.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
03.12.05 / Wo Gastronomie zum Erlebnis wird / Eckart Witzigmanns Palazzo überzeugt auch in der fünften Saison

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Dezember 2005

Wo Gastronomie zum Erlebnis wird
Eckart Witzigmanns Palazzo überzeugt auch in der fünften Saison

Ein durchaus heiterer Abend mit einem "tränenreichen" Ende: Das Dessert, mit dem Meisterkoch Eckart Witzigmann in dieser Saison sein Palazzo-Programm kulinarisch ausklingen läßt, heißt "Meine Freudenträne". Die Komposition aus Schokolade, Orangen und anderen exotischen Früchten hat tatsächlich die Form einer Träne, und hat man sich erst einmal überwunden, das kleine Kunstwerk mit dem Löffel zu zerstören, kommt Freude auf - Schluß- und Höhepunkt einer dreieinhalbstündigen Folge von Gaumen- und Sinnenfreuden.

Witzigmann, der sich als einer der wenigen seiner Branche "Jahrhundertkoch" nennen darf, arbeitet auf seine Weise gegen Konsumunlust und miese Stimmung an. Vor fünf Jahren setzte er mitten in das "Jammertal Deutschland" seinen Palazzo: mobile Spiegel-Zelte, in denen Vier-Gänge-Menüs vom Allerfeinsten umrahmt werden von einem abwechslungsreichen Varietéprogramm.

Erlebnisgastronomie nennt man das, und nicht immer liegt die Betonung auf dem gastronomischen. Oft ist das Beiwerk so schrill, daß die Gäste kaum noch merken, was sie da - für stolze Preise immerhin - zu sich nehmen.

Irgendwann zwischen Seewolf und Kalbsmedaillon fällt mir ein Kalauer aus der Theologiestudentenzeit ein: Die Frage, ob man beim Beten essen darf, wird vom Bischof abschlägig beschieden; aber beim Essen beten, das ist selbstverständlich erlaubt. Auf die Erlebnisgastronomie übertragen, hieße das: Kriegt man zu Parterre- und Luftakrobatik, Gesang und Zauberstückchen auch was zu essen? Oder wird ein tolles Feinschmecker-Menü von anspruchsvoller Unterhaltung umrahmt?

Achten wir auf Chantall, die flott, witzig und offenherzig durch ein Programm führt, das sie zwischendurch auch selber aktiv mitgestaltet. Wenn sie sich dezent in die Kulisse zurückzieht und das Feld den Chefs und Comis de Range überläßt, weiß man, für welche Variante Witzigmann steht: Er ist in erster Linie Koch, und Star des abends ist und bleibt sein Menü. Ein Star übrigens, der sich im wörtlichen Sinne sehen lassen kann. Ob Lachs mit Mousse von geräuchertem Stör oder Seewolf mit Garnele und Tintenfisch, ob in Madeira geschmorte Kalbsbäckchen oder die bereits gewürdigte Schoko-Träne - da ißt das Auge wirklich mit! Aber natürlich nicht nur das Auge, sondern auch Geschmacks- und Geruchsnerven kommen voll auf ihre Kosten. Der Salzburger Kochlöffel-Artist demonstriert von Gang zu Gang, daß er zu Recht seit den drei Michelin-Sternen damals im Münchner "Aubergine" zur Weltelite der Küchenzunft zählt.

Zum Erlebnis wird diese Art von Gastronomie aber erst, wenn Kulinarisches und Akrobatisches auf gleich hohem Niveau stehen, ohne sich gegenseitig die Schau zu stehlen. Daß Witzigmann dies gelingt, können wir zumindest für die Hamburger Inszenierung aus eigener Anschauung bestätigen.

Artisten von internationalem Rang, viele bereits vom Fernsehen bekannt, bringen das Publikum immer wieder zum Staunen.

Was zum Beispiel Tom Noddy mit simplen Seifenblasen anstellt, ist sensationell und schier unglaublich. Oder wenn Kai Eikermann in grotesken Bewegungsabläufen auf der Palazzo-Bühne agirt, passiert garantiert stets genau das, womit niemand gerechnet hat ...

Das Palazzo-Orchester versteht es, sowohl das Menü als auch die künstlerischen Zwischenstücke auf mal dezente, mal auch auf "tonangebende" Weise zu begleiten - stilistisch übrigens oft auf den Spuren von Stan Getz, was durchaus zum Genuß gereicht.

In der vergangenen Saison hat Witzigmann an fünf Spielorten fast 160000 Gäste beköstigt und unterhalten. In dieser Saison konzentriert er sich auf München, Hamburg, Frankfurt/Main und Düsseldorf. Die Buchungen zum Auftakt berechtigen zur Hoffnung auf einen neuen Besucherrekord. Denn trotz "Geiz ist geil" scheinen Preise ab 95 Euro nicht zu schrecken - wer hier dennoch jammert, tut dies wenigstens auf höchstem Niveau. H.J.M.

Es ist gedeckt: Palazzo Witzigmann


Artikel per E-Mail versenden
  Artikel ausdrucken Probeabo bestellen Registrieren