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03.12.05 / Ein wenig Hoffnung kann grünen / Jubiläumsfeier in Gumbinnen - die neu erstandene Salzburger Kirche wurde zehn Jahre alt

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Dezember 2005

Ein wenig Hoffnung kann grünen
Jubiläumsfeier in Gumbinnen - die neu erstandene Salzburger Kirche wurde zehn Jahre alt

Es war schon ein den ostpreußischen Salzburger Nachkommen bedeutungsvoll erscheinendes historisches Zusammentreffen: die Feier der Wiedereinweihung der zierlichen Salzburger Kirche in Gumbinnen vor zehn Jahren und die Einweihung des Neubaus der Frauenkirche in Dresden, jener anderen und so imposanten evangelischen Kirche. Bedeutungsvoll warum? Die erstmalige Fertigstellung der Dresdner Kirche in den Jahren 1733/34 mußte abgebrochen werden, weil die Gelder für die Kuppel und die restlichen Ausbauten fehlten. Und nur dadurch, daß der Sohn August des Starken befahl, die fast 30000 Taler Kollektengelder, die zugunsten der durch Sachsen ziehenden Salzburger Emigranten zusammengekommen waren, für die Frauenkirche zu verwenden (von Historikern "Kollektenschwindel" genannt), konnte der Bau damals vollendet werden. Wären die 30000 Taler, eine nach heutigem Wert gewaltige Summe, den nach Ostpreußen weitergezogenen Salzburgern nachgesandt worden, hätte es sicher nicht bis 1740 gedauert, bis die Salzburger Kirche in Gumbinnen, damals auch nur recht armselig, errichtet und eingeweiht werden konnte. Aber Friedrich Wilhelm I. beziehungsweise Friedrich der Große faßten damals für ihre neuen Landeskinder nicht nach, suchten keinen Streit mit Sachsen.

Aber diese historische Reminiszenz war natürlich nur ein kurioses Thema am Rande bei den Festtagen, an denen die Gumbinner Gemeinde und alle ihre Freunde den Wiederaufbau, die Einweihung und die gute Entwicklung der Salzburger Kirche feierten, wie schon in der PAZ vom 8. Oktober dieses Jahres (mit Erläuterungen zur Baugeschichte) angekündigt. Die Einladung an die ostpreußischen Salzburger Nachkommen, die Patengemeinden und die vielen Freunde der Gemeinde war ausgegangen von dem Pfarrer der Kirche, Dr. Werner Lanz, und dem Gemeindevorsteher, S. Sagorodnich. Und sehr viele, darunter Mitglieder des Salzburger Vereins und des Heimatkreises sowie Angehörige der Patengemeinden und der Johanniter, kamen, zu großen Teilen mit Bus und Bahn. Und einige waren dabei, für die es die erste Fahrt in die Heimat war, diesmal sogar "kalte" Heimat, zehn Grad kälter als in der Bundesrepublik, und nachts sogar leichter Frost, wenn auch noch kein Schnee. Aber alle Tage beglückt von strahlendem Sonnenschein! Und im Sonnenschein erstrahlend begrüßte die Salzburger Kirche in ihrem wunderschönen Gelb vor dem blauen ostpreußischen Himmel ihre Besucher aus dem Salzburger Verein, als diese sie alsbald nach ihrer Ankunft in der Heimat ansehen gingen. Bei dieser Gelegenheit besuchten die ostpreußischen Salzburger Nachkommen natürlich auch das von ihrem Verein mit Hilfen von verschiedenen Seiten errichtete Diakonische Zentrum "Haus Salzburg", das auf dem selben Grundstück neben dem Gotteshaus errichtet wurde. Von dessen Direktor, Alexander Michel, und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ließen sie sich herumführen. Und gegenüber der Kirche, auf der Fassade des Gemeindehauses gab es für fast alle, besonders natürlich für die alten Gumbinner, eine ganz besondere Überraschung, die rechtzeitig für jene Festwoche fertig geworden war. Alexander Michel hatte einem Dozenten der Gumbinner Kunstschule, Boris Jarow, die Anregung gegeben, dort nach Vorlage der vor kurzem vom Vorsitzenden des Vereins der ehemaligen Angehörigen der Friedrichs- und Cecilienschule, Harald Tanck, aufgefundenen kleineren Farbreproduktion (60 mal 50 Zentimeter) das berühmte Monumental-Gemälde (16 mal 12 Meter) von Professor Otto Heichert über den Empfang eines Salzburger Emigrantenzugs durch Friedrich Wilhelm I. zumindest im Ausschnitt und wenn auch verkleinert nachzugestalten. Jarow hat mit einer Mischung aus Öl- und Emailfarbe gearbeitet. Das Bild ist sehr gelungen und sicher ein neuer Anziehungspunkt für Gumbinnen. Hoffentlich gibt es weiteren Anstoß für die von verschiedenen Seiten angestrebte Freilegung des nach dem Krieg übermalten Originals in der Aula der Friedrichsschule!

Für die Festveranstaltungen hatte man sich ein verlängertes Wochenende ausgeguckt. Es begann am Samstagabend mit einem Konzert in der Salzburger Kirche. Drei Chöre (der Chor der Salzburger Kirche, der Credo-Chor und der Kant-Chor), ein Ensemble russischer Volksinstrumente und der Bariton A. Boew gestalteten den Abend mit wunderbar ausgesuchten und zueinander passenden Stücken, seien es solche von Mendelssohn-Bartholdy, von Glinka, Emerich Kalman oder seien es Volkslieder, die mit großartigem Können und einer Begeisterung dargeboten wurden, die man selten erlebt! Und die Salzburger Kirche brachte ihre Akustik ein! Immer wieder dankte beinahe frenetischer Beifall den jungen Künstlern.

Am Sonntag war in der Salzburger Kirche schon lange vor 10 Uhr kein Platz mehr frei. Die Teilnehmer erlebten einen bewegenden Festgottesdienst, dessen Liturgie Pfarrer Dr. Lanz leitete, der bei dieser Gelegenheit seinen Nachfolger, Pfarrer Dietrich Brauer, vorstellte. Die Predigt hielt Propst Heye Osterwald aus Königsberg, der auch lange Zeit Pfarrer der Gemeinde gewesen war. Mehrere frühere Gumbinner Pfarrer nahmen am Gottesdienst teil. Ausgezeichnet war die Übersetzung durch Adele Bartakowa, die den ganzen Tag auch weiter zur Verfügung stand. Gottesdienst und Predigt standen unter den Worten aus Psalm 84, in dem es heißt, "Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Herr Zebaoth" und "Wohl denen, die in Deinem Hause wohnen, die loben Dich immerdar". Die Gemeinde sang russisch und deutsch zugleich unter anderem "Nun danket alle Gott" und alle Strophen jenes wichtigen Kirchenliedes unserer Salzburger Vorfahren "Wer nun den lieben Gott läßt walten". Und es war ein guter, kräftiger, alle bewegender Gleichklang.

Im Anschluß an den Gottesdienst fanden sich die insgesamt wohl mehr als 250 Gäste im Turnsaal der Berufsschule zusammen. Dort begrüßte der für die nationalen und religiösen Angelegenheiten zuständige I. D. Gurow namens der Gebietsverwaltung die Festversammlung. Sodann folgte die Festansprache der Salzburger Vereinigungen, die im Wechsel von Margot Bergmann für den Wohnstift Salzburg e.V. in Bielefeld, Uwe Standera für die Stiftung Salzburger Anstalt Gumbinnen und Wolfgang Neumann für den Salzburger Verein e.V. gehalten wurde. Im Rückblick auf den Bau und die Wiedereinweihung der Kirche dankten sie alle jenen namentlich erneut, ohne die das Vorhaben nicht zustande gekommen wäre, vor allem Gerhard Brandtner aus Bonn, der aus Gesundheitsgründen der Veranstaltung fernbleiben mußte. Ein ganz besonderes Anliegen war es ihnen allen aber, Ministerialdirektor a. D. Hartmut Gasser aus Bornheim zu danken, der damals, als es um die Verwirklichung der Idee des Wiederaufbaus ging, im Bundesinnenministerium in Bonn tätig war. Wenn es ihn dort nicht gegeben hätte und seinen unermüdlichen und auch gegen Widerstände gerichteten Einsatz für diese Sache und das Andenken auch seiner Salzburger Vorfahren, diese Kirche wäre wohl immer noch ein Materiallager und die neue evangelische Gemeinde, wenn es sie überhaupt schon gäbe, hätte kein angemessenes Unterkommen!

Um diese immer im Hintergrund geleistete Tätigkeit ihres Mitglieds Hartmut Gassner in aller Öffentlichkeit zu ehren, trug der Salzburger Verein ihm seine Ehrenmitgliedschaft an und verlieh ihm eine entsprechende Urkunde und Ehrennadel. Von der Stiftung Salzburger Anstalt Gumbinnen überreichte Standera Gassner und dessen Ehefrau einen von der Kellinghusener Firma von der Trenck als Einzelstück hergestellten Fayenceteller, der in farblicher Ausgestaltung die neue Salzburger Kirche darstellt und mit den Jahreszahlen 1740, 1840 und 1995 auf die jeweiligen Neubaudaten der Kirche hinweist. In seinen Dankesworten berichtete Gassner auch etwas anekdotisch über die schwierigen Verhandlungen, insbesondere mit den russischen Gremien, vor allem auch in Moskau. Er erhielt großen Beifall. Dank wurde der Kreisgemeinschaft Gumbinnen und der Vereinigung der ehemaligen Angehörigen der Friedrichs-Schule dafür ausgesprochen, daß sie die Kosten für das Gemälde auf der Fassade des Gemeindehauses übernommen hatten.

Für den Salzburger Verein überreichte im Anschluß daran Frau Bergmann jeweils den Ehrenteller des Vereins an Propst Osterwald, an Direktor Alexander Michel, an Pfarrer Dr. Lanz und seine Frau, an den Unternehmer Richard Mayer sowie schließlich an Pjotr Jewgenjewitsch, den Vertreter des erkrankten neuen Bürgermeisters von Gumbinnen, N. N. Sukanow, dem man die besten Genesungswünsche ausrichten ließ.

Natürlich wiesen die ostpreußischen Salzburger Nachkommen in ihrer Festansprache darauf hin, daß sie nicht nur den Wiederaufbau der Kirche, sondern auch das, was seither in Gumbinnen an Gemeindeleben gelebt und gestaltet worden ist, mit Freude wie auch mit tätiger Sorge, mit Bewunderung und mit Solidarität begleiten. Mit Mitteln ihrer Vereinigungen und Spendenmitteln, die sie gesammelt hatten, konnten sie der Gemeinde helfen, vor allem als es darum ging, die Arbeit des Diakoniezentrums "Haus Salzburg" zu ermöglichen. Zur Hilfe für die Tätigkeit in der Gemeinde übergab Standera dem Gemeindevorsteher Sergej Sagorodnich und Dr. Lanz einen Umschlag mit einem namhaften Betrag.

Nach der Festrede der Nachkommen salzburgischer Emigranten wendete sich Pjotr Jewgenjewitsch im Namen des Bürgermeisters an die Festversammlung. Vorher war er bereits gemeinsam mit dem früheren Bürgermeister der Stadt beim Gottesdienst in der Kirche dabeigewesen. Das hatte es früher nie gegeben. Dadurch hatten sie ein gutes Zeichen für das Zusammenleben und -wirken von Stadtverwaltung und Kirche gesetzt!

Nach dem anschließenden gemeinsamen Mittagessen, zu dem die Gemeinde eingeladen hatte, gab es weitere Grußworte, so von Steiner für die Kreisgemeinschaft Gumbinnen, von von der Leyen für die Johanniter und von den Patengemeinden, die alle wirklich hilfreiche Spenden an die Gemeinde und das Diakonische Zentrum überreichten. Am Abend dieses langen Tages gab es noch ein fröhliches Beisammensein im Gemeindesaal. Mit dem Reformationsgottesdienst, der wegen des kalten Wetters, anders als geplant, nicht am Marinowo-See, sondern in der Salzburger Kirche stattfand, klang das Jubiläumstreffen aus. Herzlich empfundener Dank wurde der einladenden Gemeinde ausgesprochen. Alle, die Gumbinner Gemeinde, die Gäste aus der Bundesrepublik Deutschland und viele russische Gumbinner, die "nur so hereinschauten", waren sich einig, daß es ein gutes Miteinander gebracht hatte, auch wenn die sprachlichen Barrieren manches Mal mit "Händen und Füßen" überwunden werden mußten. Die Salzburger Nachkommen hatten das Hotel "Kaiserhof" "ausgebucht", die Angehörigen der Patengemeinden konnten Unterkunft in Räumen des Diakonischen Zentrums finden, von Alexander Michel und seinen Mitarbeiterinnen bestens versorgt. Und überall wurden die Festtage voll ausgeschöpft. An vielen "späten" Abenden vor dem Zubettgehen vermochte man sich häufig nicht zu trennen und hatte noch viel zu plachandern. Häufiges Thema war der Unterschied in der Landwirtschaft zwischen dem polnisch und dem russisch verwalteten Teil Ostpreußens.

Im Begleitprogramm konnten die Gäste aus der Bundesrepublik entweder in einem aus der Bundesrepublik mitgebrachten oder einem von der Gemeinde gemieteten Bus eine Ausflugsfahrt in die Rominter Heide machen oder nach Königsberg, Cranz und auf die Kurische Nehrung fahren, natürlich auch auf eigene Faust mit dem Taxi unterwegs sein.

Wenn man ein Fazit der Eindrücke zu ziehen wagt, welche die ostpreußischen Salzburger Nachkommen in Ostpreußen gewonnen haben, so muß es wie folgt lauten: Ein wenig Hoffnung kann grünen, daß es im Gebiet, nicht nur in Königsberg selbst, allmählich bergauf geht. Aber leider noch lange nicht ohne die Hilfe der Vertriebenen. Aber ebenso müssen diese denen dankbar sein, die in Ostpreußen schwere Arbeit leisten und nicht aufgeben. W. N.

Fotos: AZ 48/13 Salzburger, Gelungene Festtage in Gumbinnen 10 Jahre neu erstandene Salzburger Kirche von Wolfgang Neumann, 1. Vorsitzender Salzburger Verein e.V., Chor der Salzburger Kirche beim Festgottesdienst, Rechtzeitig zum Jubiläumsfest fertig: Boris Jarows Bild an der Fassade des Gemeindehauses


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