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03.12.05 / "Die Taube fehlt" / In einem modernen Schlaraffenland

© Preußische Allgemeine Zeitung / 03. Dezember 2005

"Die Taube fehlt"
In einem modernen Schlaraffenland
von Christel Bethke

Das ist ja wie im Schlaraffenland. Wo sind denn die gebratenen Tauben?" Lisa, neben Wilhelm am Buffet stehend, das sich mindestens acht Meter lang hinzieht, zischt: "Sei doch still. Mit dir kann man nirgends hingehen. Denk dir dein Teil und fertig." Er, immer noch viel zu laut, trompetet: "Da hätte ich eine Menge zu denken." Einer der jungen Zweizentnermänner, der sich eingereiht hat, meint: "Der helle Wahnsinn", als er das pompöse Angebot mustert. Er bedient sich rasch und gezielt. Der kennt sich aus und schon ist er mit seinem gefüllten Teller auf dem Weg zu seinem Platz.

Willhelm blickt immer noch unschlüssig umher, und Lisa sagt: "Bedien dich auch." Sie merkt, daß sie hinderlich sind, denn andere wollen nachrücken. "Denk, es ist Kleinmittag, und fertig." - "Du immer mit deinem fertig", brummt Wilhelm. Ihm fällt es schwer, eine Auswahl zu treffen. Wer kann um halb elf morgens schon Aal und heiße Würstchen vertragen? Was heißt denn hier Kleinmittag? Das kann man nicht miteinander vergleichen, findet er. Kleinmittag! Da hatte man gearbeitet, hatte Appetit, nein eher Hunger, gehabt und ordentlich reingehauen. Aber das ist nun lange her. Damit es nun endlich weitergehen kann, übernimmt Lisa die Auswahl für ihren Mann, weiß sie doch seinen Geschmack nach fast 50 Jahren Ehe.

Als die Einladung zum Geburtstag ihres Sohnes kam, Thomas wird heute 40, hatte der Alte nur zu nölen gehabt: Was das kosten wird! Bewirtung im Lokal, ist das nötig, das wird ja immer doller. Das nervte. Und Lisa, auch nicht gerade davon angetan, behauptete nun plötzlich das Gegenteil: Sie freue sich auf die Gesellschaft, auf die Enkelkinder und überhaupt, sie beide kämen ja kaum noch raus.

Im Lokal sind alle Plätze besetzt. Der Tisch, den Tom rechtzeitig hatte reservieren lassen, steht direkt am Fenster, durch das man auf das alte Mühlrad blickt - es ist sogar in Funktion - und auf den Mühlenteich. Mindestens hundert Leute bevölkern den Saal, und ständig sind welche davon unterwegs, um sich am Buffet zu bedienen. Unglaublich, was da aufgefahren ist. Die Augen könnten einem übergehen. Das aufmerksame Personal sorgt ständig für Nachschub.

Die Eltern sitzen ihrem Sohn gegenüber. Neben ihm Sabine, die neue Lebensgefährtin. Auch ihre kleine Tochter ist mit von der Partie. Alle sind guter Dinge. Die Enkelkinder scheinen Sabine zu mögen, denn statt auf Omas Schoß zu sitzen, hat Svantje Sabines vorgezogen. "Patchwork-Familie", meint Lisa zu Wilhelm. Aber der muß erstmal raus und sich die Füße vertreten, auch eine rauchen. Dabei kommt er am Tresen vorbei und genehmigt sich einen Klaren. Schön kalt muß er sein. Und weil er auf einem Bein nicht stehen kann, gleich noch einen zweiten. Nein, er will kein Spielverderber sein, und so kommt er ganz aufgeräumt zurück und flüstert, während er sich wieder setzt, Lisa zu: "Der Junge hat einen guten Geschmack. Hat er von mir. Sind ja alles feine Marjellen, die er anbringt." Sabine ist die dritte Frau an Toms Seite. Auch daran haben sie sich gewöhnen müssen.

Beim Beinevertreten hat Wilhelm nur auf dem Aushang gelesen, daß "Brunch" pro Person 12,50 Euro kostet. "Tee und Kaffee inclusive." Klare nicht, also 25 Mark! Ziemlich viel Geld, findet er und geht sich auch noch einmal bedienen. Diesmal weiß er besser Bescheid und überhaupt kommt der Appetit bekanntlich erst beim Essen. Wirklich wahr. Oder kommt er vom Beinevertreten?

Lisa ist erleichtert, als sie merkt, daß er immer aufgeräumter wird. Schön. Er wird direkt gesprächig, unterhält sich mit Sabine, mit Toms Freunden aus der Kindheit, die bei ihnen damals aus- und eingingen. Lange ist es her. Das Brunchen dauert. Es ist schon halb drei, als sie im Taxi sitzen und heimfahren. Davor aber noch nach draußen. Dabei bezahlt er großzügig die 150 Euro, die zwölf Personen verfrühstückt haben. Nein, keine dreihundert Mark! Immer diese Umrechnerei! Schluß damit! Er erzählt es seiner Frau während der Fahrt. Sie ist ganz gerührt und faßt nach seiner Hand. Vielleicht lag es ja auch nur am Spruch des Tages, den er morgens beim ersten Frühstück seiner Frau aus der Zeitung vorgelesen hat. Da stand: "Der Geizige und das Schwein sind erst von Nutzen, wenn sie tot sind." Sie müssen plötzlich lachen, selbst der Fahrer stimmt ein, denn der hat das mitbekommen, weil Wilhelm eben immer so trom-petet.

Zu Hause muß Wilhelm sich unbedingt einen einschenken, denn der Aal liegt schwer im Magen und will außerdem schwimmen. Lisa rät: "Wir müssen zu Doktor Grabow schicken", das ist der Hausarzt der Familie Buddenbrook. Lisa kennt die Familie fast so gut wie ihre eigene "er wird dir etwas Diät verschreiben. Ein wenig Taube - ein wenig Franzbrot." "Habe ich doch gesagt, daß die Tauben fehlen", meint Wilhelm und legt sich auf eine Seite des Ecksofas. "Weißt du", sagt er nach einer Weile, in der Lisa es sich auf der anderen Seite bequem gemacht hat, "das machen wir auch in Zukunft. Kein Abwasch, kein Ranschleppen der Lebensmittel, kein Überlegen, was es geben soll, und fertig. Diese Aufregungen immer!"

Lisa sinniert noch über das Gewesene, hat dieses und jenes zu denken. Eigentlich liebt sie einen schön eingedeckten Tisch, so mit gestärkter Decke, Stoffservietten, und geputztem Silber. Und auch wenn alle drum herum sitzen, sich in Ruhe unterhalten. Nein, das muß sie sich erst überlegen mit dem "Brunch" und "vornehm" würde Tony Buddenbrook sagen, sollte es schon sein. Hat ja auch noch Zeit. Erstmal ein bißchen ausruhen und fertig.

Brunch: Aufregend ist hier nur die Vielfalt der Speisen


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