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31.12.05 / Zu acht nach Königsberg / Deutsche Historiker diskutierten mit Kollegen der Kant-Universität über 750 Jahre Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 31. Dezember 2005

Zu acht nach Königsberg
Deutsche Historiker diskutierten mit Kollegen der Kant-Universität über 750 Jahre Königsberg

Nach langen schleppenden Vorverhandlungen ist es doch noch gelungen, im Königsberger Jubiläumsjahr 2005 eine Tagung durchzuführen, welche die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung und die Historische Fakultät der Russischen Staatlichen Kant-Universität in deren Auditorium Minimum veranstalteten.

Zwei Tage vor Tagungsbeginn verließ eine Reisegruppe mit acht Teilnehmern, die zumeist schon auf der Jahrestagung der Historischen Kommission in Göttingen ihre Themen vorgetragen hatten (s. Folge 45), Berlin-Lichtenberg mit dem Schlafwagen. Nach der Ankunft am folgenden Mittag führte eine kleine Stadtrundfahrt zum Bernstein-Museum, zum rekonstruierten Königstor mit den erneuerten drei Herrscherfiguren und zum Dom, ehe die Direktorin des Gebietsarchivs, Alla N. Fedorova, die deutschen Teilnehmer in ihrem Hause festlich empfing.

Die Tagung wurde vom Prorektor der Kant-Universität, Gennadij Fedorov, dem Dekan der Historischen Fakultät, Valerij Galcov, und dem Kommissionsvorsitzenden, Bernhart Jähnig, eröffnet, der für die russischen Zuhörer Charakter und Tätigkeit der Historischen Kommission erläuterte. Es begann dann die erste Sitzung über Königsberg und Preußen zur Ordenszeit.

Den Eröffnungsvortrag des verhinderten Dieter Heckmann, Berlin, über Königsbergs Wandel vom Außenposten zum Mittelpunkt (1255–1466) verlas Julia Vercamer, Berlin. In diesem Vortrag wurde auf dem Weg vom Tuwangstehügel zur Hochmeisterresidenz der späten Ordenszeit besonders die soziale Entwicklung der drei Städte herausgestellt, ferner die Bedeutung der Tätigkeit des Obersten Marschalls mit Königsbergs Rolle bei den Reisen gegen die Litauer sowie – im kulturellen Bereich – die Mittelpunktsfunktion der Pregelmetropole als Sitz des samländischen Domkapitels.

Grischa Vercamer, Berlin, stellte Königsberg als Mittelpunkt einer Komturei des Deutschen Ordens vor. Er ging auf den Adel ein und behandelte dabei hauptsächlich die prußische Familie Perbandt als Beispiel.

Viktor Suvorov, Kant-Universität, skizzierte die ethnische Entwicklung von den ersten Erwähnungen Preußens bei antiken Autoren bis zum Ende der Ordenszeit. Er stellte heraus, daß sprachlich das Wort „Prußen“ ab dem 9. Jahrhundert gebräuchlich wird. Hinsichtlich der Deutung dieses Stammesnamens schließt er sich dem polnischen Philologen Okulicz (1973) an, der eine Verbindung zur Pferdezucht sieht.

Eine zweite Sitzung widmete sich Königsberg vom 16. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Auf lebhaftes Interesse stießen – wie zuvor schon auf der Jahrestagung der Historischen Kommission in Göttingen – auch hier „die neuen Fakten und Erkenntnisse“, die Stephan Jaster, Hannover / Görlitz, über die „psychiatrische Krankheit Herzog Albrecht Friedrichs“ vortrug. Er kam zu der Feststellung, daß im Rahmen eines politischen Ränkespiels um die Macht im Herzogtum Preußen zwischen Räten, Ständen und Georg Friedrich dieser durch Zahlung erheblicher Gelder an den polnischen König, aber auch an die preußischen Adeligen die Kuratel gewann, weil er durch Auftragsgutachten der von ihm besoldeten Ärzte Albrecht Friedrich für unheilbar krank erklären ließ und nur diese Meinung öffentlich bekannt machte.

Anschließend stellte Bernhart Jähnig, Berlin, die Königsberger Gesellschaft im Spiegel der Gelegenheitsmusiken von Johannes Stobäus (1580–1646) vor, indem er die Titelblätter von sechs Stimmbüchern aus der Königsberger Staats- und Universitätsbibliothek auswertete, um die örtliche und vor allem soziale Herkunft der Auftraggeber zu bestimmen. Stobäus, zunächst Domkantor, die längere Zeit über Hofkapellmeister, war als Auftragnehmer für die Komposition von Musiken zu Hochzeiten, Beerdigungen und anderen Gelegenheiten vor allem bei der Königsberger Bürgerschaft sehr beliebt und angesehen.

Valerij Galcov, Kant-Universität, begann seine Ausführungen über „Königsberg und die Entstehung der Geschichtswissenschaft in Rußland“ mit dem Hinweis, daß mit der Gründung der Akademie der Wissenschaften 1724 in St. Petersburg durch Peter den Großen (1672–1725) die wissenschaftlichen Verbindungen nach Königsberg intensiviert wurden. Er sprach über die sogenannte Radziwill-Chronik (auch Königsberger Chronik), die Ende des 15. Jahrhunderts in Litauen geschrieben wurde und die frühste Zeit der russischen Staatswerdung schildert. Ihre Geschichte ist aufs engste mit Königsberg verbunden, da sie von Boguslaw Radziwill der Schloßbibliothek in Königsberg vermacht wurde (1668) und reges Interesse bei Königsberger Gelehrten des 18. Jahrhunderts auslöste. Somit wurde 1732 in Königsberg erstmals eine Chronik der russischen Geschichte ediert. Das Original der Chronik wurde während des Siebenjährigen Krieges 1756 aus Königberg nach Petersburg gebracht, wo sich die Chronik noch heute befindet.

Die dritte Sitzung behandelte Königsberg von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Zunächst sprach Gennadij Kretinin, Kant-Universität, über Königsberg im Siebenjährigen Krieg. Es ging um die russische Besetzung Königsbergs in den Kriegsjahren 1758 bis 1762, wobei die Verwaltungsstrukturen (Generalgouverneur, Oberbefehlshaber, Provinzgouverneure) dargestellt wurden. Im wesentlichen wurde die deutsche Selbstverwaltung beibehalten, nur bei wesentlichen Entscheidungen mußten vorgesetzte russische Stellen gefragt werden. Der Posten des Generalgouverneurs wurde nach Gutdünken des Zaren beziehungsweise der Zarin besetzt, die russischen Truppen überwiegend in den Städten Memel, Pillau, Tilsit und Königsberg stationiert. Einer der Stadtkommandanten war Vorbild einer Romanfigur Puschkins. Im Jahr 1760 waren je eine orthodoxe Kirche in Königsberg und Memel gegründet worden.

Anschließend referierte Nadezda Ermakova, Kant-Universität, über Karl Gottfried Hagen (1749–1829) und die Universität Königsberg. Sie beschrieb das Leben des Professors Hagen, der zunächst Pharmazeut wurde und die Hofapotheke nach dem Tode des Vaters übernahm. Durch Vermittlung Kants nahm er 1773 Vorlesungen an der Albertina auf und promovierte 1775. Er stellte der Universität seine Hofapotheke als erstes experimentelles pharmazeutisch-chemisches Laboratorium für Forschung und Lehre zur Verfügung. 1788 zum ordentlichen Professor an der Medizinischen Fakultät ernannt, wurde er mit der Unterrichtung der Fächer Chemie, Physik, Botanik, Mineralogie und Zoologie beauftragt. Durch seine international bekannt gewordenen Lehrbücher, die „Apothekerkunst“ und die „Experimentalpharmazie“, gilt Hagen als der namhafteste Begründer der wissenschaftlichen Pharmazie in Deutschland. Auf seine Initiative erhielt die Universität 1811 einen Botanischen Garten. Sein Verdienst im Bereich der Botanik lag in der Einführung des Lennéschen Systems. Weiterhin führte er den praktischen Unterricht im Fach Chemie in Königsberg ein. Im Rahmen der Humboldtschen Bildungsreform übergab er seine Unterrichtsfächer an junge Gelehrte, welche die Königsberger Universität zu einem Zentrum der Astronomie und der Mathematischen Physik werden ließen.

Schließlich stellte Jurij Kostjazov, Kant-Universität, das russische Konsulat in Königsberg in den Jahren 1783 bis 1941 vor. Er beschrieb Organisation, Struktur und Aufgaben des Konsulats in Ostpreußen. Überwiegend für Handel und russische Bürger in Ostpreußen zuständig, wurde mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges der Konsul verhaftet und das Konsulat aufgelöst. Erst nach dem Vertrag von Rapallo wurde 1923 das Konsulat wieder eingerichtet. Jetzt wurde durch das NKWD befohlen, dienstreisende Russen zu beobachten, inwieweit diese linientreu waren und welche Verbindungen zu bürgerlichen Kreisen bestanden. Auch Propagandaarbeit war seitdem ein Schwerpunkt der Tätigkeit des Konsulats.

In der vierten Sitzung wurden Themen über Königsberg und Ostpreußen von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts verhandelt. Es begann Heinrich Lange, Berlin, der die neugotischen Stadttore nach den Plänen von Friedrich August Stüler mit Hilfe zahlreicher Dias vorführte und in einem Vortrag thematisierte (s. Folge 19).

Es folgte ein Vortrag von Alexej Kuznezov, Kant-Universität, über die architektonische Tradition und die Wiederherstellung und Entwicklung Königsbergs 1945 bis 1985. Dabei machte er architekturgeschichtlich zwei Epochen dieser Entwicklung aus. Zwischen 1945 und 1959 sei es in der Pregelmetropole vorrangig um Wohnraumerrichtung gegangen, zwischen 1959 und 1989 hingegen um die Errichtung der sozialistischen Stadt.

Dann sprach Rikako Shindo, Berlin, über die Erweiterung der Zuständigkeit des Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen während der Weimarer Republik. Diese wurde nach dem Ersten Weltkrieg im Hinblick auf die notwendige einheitliche Führung in der Wirtschaftspolitik der abgetrennten Provinz notwendig. Die innenpolitischen Hintergründe und die außenpolitischen Folgen der Zuständigkeitserweiterung wurden herausgestellt. Zum einen handelte es sich um einen politischen Machtkampf zwischen dem republikanischen Oberpräsidenten und rechts von ihm stehenden Kreisen um die Führung in der Provinz. Zum anderen nutzte Oberpräsident Siehr den ihm eingeräumten Handlungsspielraum für eine Ostpolitik, was in der Forschung bisher nicht beachtet worden sei.

Schließlich stellte Alexander Zolov, Kant-Universität, Königsbergs Rolle in den Verhandlungen der „Großen Drei“ während des Zweiten Weltkriegs dar und fragte, ab wann Königsberg der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) der Sowjetunion eingegliedert werden sollte. Dies geschah verhältnismäßig spät, nachdem vorher fast ganz Ostpreußen an Polen und mehr als nur das Memelgebiet an Litauen hatten fallen sollen. Erst auf Grund einer geopolitisch motivierten Entscheidung Stalins kam es schließlich zu dem Potsdamer Ergebnis und der dann durchgeführten Teilung Ostpreußens.

Die fünfte Sitzung behandelte den Zweiten Weltkrieg und die ersten Nachkriegsjahre. Vitalij Maslov, Kant-Universität, behandelte in seinem Vortrag über die Zivilverwaltung des Sondermilitärbezirks Königsberg 1945/46 die unmittelbare Zeit nach der Erstürmung der Stadt. Sein Blick auf die Errichtung sowjetischer Verwaltungsstrukturen offenbarte die riesigen Probleme, denen Bevölkerung und Administration gegenübergestanden hatten.

Bert Hoppe, Berlin, bemühte sich in seinem Vortrag „Königsberg – Kaliningrad. Abbruch oder Kontinuität?“ um eine integrierende Gesamtschau der Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert. Statt die Unterschiede der Zeit vor und nach 1945 herauszustellen, betonte er als herausragende Gemeinsamkeit beider Epochen die Kategorie der „ethnischen Konflikte“. Nach seiner Beobachtung ist besonders die Kontinuität des Denkbildes der von feindlichen Nationen „belagerten Festung“ seit Beginn des Ersten Weltkrieges auffällig, mit dem innenpolitische Repressionen gerechtfertigt wurden.

Per Brodersen, Düsseldorf / Berlin, widmete sich unter der Überschrift „,Viele schöne Orte und Gebäude …‘ Kaliningrad als sowjetisches Reiseziel 1950–1971“ dem innersowjetischen Tourismus. Besonderes Augenmerk verdiente dabei die Instrumentalisierung dieses Phänomens seitens der sowjetischen Identitätspolitik für Königsberg – die angeblich steigenden Zahlen von aus allen Teilen der UdSSR Anreisenden sollten die Stadt als sehens- und lebenswert ausweisen und für ihre Bewohner annehmbar machen.

In der letzten Sitzung konnten nur noch zwei Vorträge gehalten werden, weil Natalja Nikulina, Königsberg, wegen Ortsabwesenheit verhindert war. Mit der Überschrift „Sie waren die ersten …“ sprach zunächst Evgenij Maslov, Kant-Universität, über die Legalisierung der Baptisten als erster evangelischer Gruppierung im Königsberger Gebiet im Jahre 1967. Seit der Deportation der Deutschen aus dem Gebiet hatte es keine evangelischen Gemeinden gegeben. Seit den 50er Jahren interessierten sich nur noch die Sicherheitsorgane für illegale Glaubende. Die Verfolgung führte dazu, daß sich Glaubende auf Friedhöfen versammelten. Warum bei der Wende 1967 gerade die kleine Gruppe der Baptisten begünstigt wurde, war nicht zu klären.

Im letzten Vortrag stellte Viktor Sergeev, Kant-Universität, die Forschungen und die Verbreitung von Kenntnissen über die Geschichte der Region durch die wissenschaftliche Arbeitsstelle der Archivverwaltung des Gebiets vor. Es wurden die organisatorischen und personellen Umstände erläutert, das von V. Isupov (†) und Gennadij Kretinin herausgegebene Werk einer Geschichte Ostpreußens (1996) gewürdigt, ehe das Jahrbuch Königsberger Archive charakterisiert wurde. Erwähnt wurde auch, daß das unter der Leitung von Jurij Kostjazov entstandene Werk „Als Russe in Ostpreußen“ zunächst in der Bundesrepublik Deutschland in deutscher Übersetzung erschienen ist.

In ihren Schlußworten bedankten sich Vitalij Maslov und Bernhart Jähnig gegenseitig für die Durchführung dieser deutsch-russischen Tagung, welche die erste ihrer Art war und von allen Teilnehmern auf einem Schlußbankett als sehr zufriedenstellend bezeichnet wurde. Der deutsche Delegationsleiter dankte auch seinem Sponsor, der Marga und Kurt Möllgaard Stiftung, und lud die russischen Kollegen ein, ihre Manuskripte in deutscher Übersetzung bis zur Mitte 2006 für einen Tagungsband einzusenden, der auch alle im Mai in Göttingen gehaltenen Vorträge enthalten wird. Der russische Delegationsleiter mußte es zu diesem Zeitpunkt offenlassen, ob es auch eine russische Veröffentlichung geben wird. Inzwischen ist zu einer solchen kurzfristig eingeladen worden. B. J.

Auditorium minimum der Königsberger Universität: Am Tisch sitzen der Dekan V. Galzov (rechts) und Bernhart Jähnig. Am Rednerpult steht Julia Vercamer, die gerade den Text von Dieter Heckmann vorträgt.


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