19.01.2022

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14.01.05 / Zum Ersten, Zweiten, Dritten … / Was die Werkwoche besonders macht – ein Erlebnisbericht / Ein goldener Oktobertag begleitete mich auf dem Weg nach Bad Pyrmont zur 51. Werkwoche 2005 ins Ostheim.

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Januar 2006

Zum Ersten, Zweiten, Dritten …
Was die Werkwoche besonders macht – ein Erlebnisbericht
Ein goldener Oktobertag begleitete mich auf dem Weg nach Bad Pyrmont zur 51. Werkwoche 2005 ins Ostheim.

Schon am Gartentor begrüßen mich die Webstühle für die Doppelweberinnen, und der Treppenaufgang zum Büro ist wie eine Bordüre mit Koffern, Taschen und Tüten gesäumt. Im Büro erfahre ich, daß meine Zimmerkollegin mich bereits erwartet. Wir kennen uns seit meinem ersten Besuch einer Werkwoche 2003. Sie nutzt noch die Zeit bis zum offiziellen Werkwochenbeginn für einen Bummel durch den Ort. Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, wandere ich vom Keller aufwärts durch das Haus. Unten befindet sich die „Höhle“, ein Raum mit langem Tisch und Bänken, der zum geselligen Beisammensein einlädt. Nach den Tagesaktivitäten wird dieser Raum gerne zum Plachandern aufgesucht. Die Räume rechts und links des Korridors liegen noch im Dornröschenschlaf, doch werden sie mit dem Einzug der Trachtennäherinnen erweckt und es beginnt ein reges Treiben meist bis spät in die Nacht hinein.

Zur Begrüßung versammeln wir uns alle im Preußensaal. In der ersten Sitzreihe haben unsere Werkmeisterinnen Platz genommen, ihre handarbeitlichen Werke vor sich auf dem Tisch liegend. Diese Arbeiten dienen den Teilnehmenden als Vorlage für das eigene Werk. Zu den übrigen Sitzreihen strömen die Teilnehmerinnen, da und dort wird noch jemand begrüßt, es gibt ja soviel zu erzählen. Einigen Werkmeisterinnen ist die Teilnehmerseite vertraut, da sie zuvor selbst Teilnehmer vieler Werkwochen waren, um die verschiedenen Werkkünste zu erlernen und nun das Erlernte weiterzugeben, so wie es seit Jahrhunderten in Ost- und Westpreußen von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Mit dem Erlernen der verschiedenen Techniken des Strickens, Stickens und Webens, sowie der Auseinandersetzung mit überlieferten Mustern entstehen Arbeiten, die, wie die Altmeisterin Bertha Syttkus der ehemaligen Webschule Lyck es in ihren Einführungsworten zur ersten Werkwoche formulierte: „In jedes Werken sein Eigenes legen, mit der zu fertigenden Arbeit zusammenwachsen.“ In diesem Sinne bleibt alle werkliche Volkskunst vergangener Zeiten bewahrt. Auf diesen Gedanken gestützt, ist jede Werkmeisterin bedacht, das Können weiterzugeben und zur lebendigen Volkskunst Ost- und Westpreußens beizutragen.

Uta Lüttich, die Bundesvorsitzende der ostpreußischen Frauenkreise, hielt die Begrüßungsrede. Wir erfuhren, daß sich sechs Frauen direkt aus Ostpreußen auf den langen Weg ins Ostheim gemacht haben, um sich mit uns in den handwerklichen Fähigkeiten zu vervollkommnen. Bei der anschließenden Vorstellungsrunde zeigt sich erneut, daß bei den Teilnehmerinnen das Weißsticken wieder „hoch im Kurs“ steht.

Hier und da steht der Wunsch im Raum, daß die Enkelin, die durch die schönen Handarbeiten der Großmutter angesprochen wird, aktiv teilnehmen möge – leider bleibt er unerfüllt. So darf gesagt werden, daß es zum Erlernen dieser deutschen Volkskunst aus dem Osten und seiner Geschichte kein zu früh gibt, jedoch oft ein zu spät. Darum laden wir ganz herzlich zur nächsten Werkwoche in der Zeit vom 16. – 22. Oktober nach Bad Pyrmont ins Ostheim ein. Denn auch diese Institution wird durch eine aktive Teilnahme gestärkt.

Das diesmalige Abendprogramm führt uns in die 750jährige Geschichte Königsbergs von der Entstehung des Fleckens 1255 bis zum Aufbau der Stadt, ihrer Umgebung, des Handels, der Gelehrsamkeit und ihrer Persönlichkeiten. In 690 Jahren wuchs Königsberg in Preußen zu einer europäischen Metropole, die sich weltoffen, tolerant und vielsprachig zeigte. Diese Voraussetzungen begünstigten eine außerordentliche Entwicklung im geistigen, als auch im kulturellen Denken und Leben der Stadt. Zum Abschluß ließ uns der Film: „Königsberg, wie es war!“ in die lebendige deutsche Großstadt hineintauchen – in unseren Gedanken wird sie fortbestehen.

Der erste „Lerchengesang“ zieht die Teilnehmer sanft aus den Träumen. Es gibt für alle eine kurze Gesangesrunde. Darauf folgt am ersten Werktag die Einführung ins Musterzeichnen für Sticker, Weber und Stricker. Ziel ist es, Vorlagen selbst zu erstellen, damit die Handarbeit korrekt umgesetzt wird, wie beim Handschuhstricken den Schneestern mittig auf dem Handrücken zu plazieren oder beim Sticken das Randmuster eines Deckchens „harmonisch um die Ecke laufen zu lassen“. Die Trachtennäherinnen verlassen als erste den Preußensaal, um ihre Nähstube einzurichten. Agnes Miegel wacht von einem Foto mit wohlwollendem Blick über die Geschicke des Zuschnitts und der Anprobe. In der „Höhle“ zeigt die Handweberei Peters ihre Trachtengewebe und eine Vielzahl anderer Stoffe und Garne, die, wenn sie verarbeitet sind, nicht nur uns „verschönern“, sondern auch unser Heim oder einem Beschenkten Freude bereiten. Zwischenzeitlich werden in der Nähstube die in früheren Werkwochen angefertigten Trachten zu Anschauungszwecken ausgestellt. Unter den Stücken befindet sich eine Tracht mit herrlichem Kränzchenmuster auf rotem Grund. Sie wurde vor Jahrzehnten genäht. Diese Tracht sucht, um ihre Aufgabe richtig zu erfüllen, eine neue Besitzerin. Sie hat geduldig ausgeharrt, von vielen bewundert, bis die Richtige auftaucht und sie sich überstreift – sie paßt wunderbar. Die strahlenden Augen zeigen das Glück der neuen Besitzerin. Nun nimmt die Glückliche die Tracht mit in die Heimat, dahin wo diese Kunst ihren Ursprung hat. Ich selbst konnte meine Westpreußentracht mit Stolz das erste Mal beim Ostpreußen-Treffen 2005 in Berlin ausführen und wurde von vielen Teilnehmern bewundert.

In der Strickerinnengruppe wachsen mit jeder richtigen Reihe die „Memeler Handschkes“. Dabei handelt es sich um Handbekleidung mit langen Stulpen, die hübsch bunt anzusehen ist. Die Handschkes wurden gebraucht, um frostreichen ostpreußischen Wintern zu trotzen. Sieben Farben werden in verschiedenen Musterreihen verstrickt. Geduld ist wichtig, denn es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen.

Erholt gehen die Weißstickerinnen nach einer Pause an ihr Tagewerk um Weiß auf Weiß über Loch und Steg mit Lupe und Brille munter weiterzusticken. Mit einfachen und komplizierten Stichen folgen sie vorgezeichneten Linien. So entstehen in mühevoller Arbeit Musterbilder auf Tischdecken, Kissenbezügen und dem Kragen der Kollerbluse.

Neben Weißstickerei erfreut das Kreuzsticken so manche Teilnehmerin, da wir es alle mal in der Schule gelernt haben. Einfach ist es nicht, denn ordentlich soll sich auch die Rückseite präsentieren – hier zeigt sich die Könnerin. Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, um in der kurzen Woche etwas Hübsches anzufertigen, wie das Besticken von Weihnachtskarten, Buchzeichen und kleinen Deckchen.

Nach dem Abendbrot besteht die Möglichkeit, sein Fach zu wechseln um sich beispielsweise im Jostenbandweben zu erproben. Diese Webart ist nicht so zeitaufwendig wie das Weben auf dem Webrahmen, da die Bänder nicht so breit sind und mit leichteren Mustern begonnen wird. Die Weberin ist bestrebt, gerade Ränder und eine gleichmäßige Breite einzuhalten. Mit etwas Übung verliert der Rand die bauchigen Ausstülpungen – so entsteht ein Lesezeichen. Am Sonnabend werden die Tische im Preußensaal zu einer langen Tafel zusammengestellt und mit weißem Tuch gedeckt. Hier arrangieren die einzelnen Werkgruppen ihre Handarbeiten. Mit Kastanien, buntem Laub und Zierkürbis wird die Tafel festlich dekoriert. Am frühen Nachmittag treffen sich alle herausgeputzt zur Dankesfeier, einige tragen stolz ihre neue Tracht, manches Trachtenteil „hing morgens noch am Nähfaden“.

Besonderer Dank gilt Uta Lüttich für ihre sehr interessanten und geschichtlich fundierten Vorträge, wie den Werkmeisterinnen, denn nur durch ihre unermüdliche Geduld und Hilfe wird es möglich eine so „prächtige Tafel“ dem Publikum zu präsentieren. Im Anschluß an unsere Feier heißen wir auswärtige Gäste willkommen, um ihnen die Handarbeiten zu erklären.

Als Ausklang des Tages und der 51. Werkwoche versammeln wir uns zum fröhlichen Plachandern, eingeübten Liedern aus den vorangegangenen Singstunden und am Abend zu Sketchen, Volkstanz, Gedichten und musikalischen Beiträgen auf der Querflöte. Auch die zärtlich klingende ostpreußische Mundart wird gepflegt. In den Werkwochen erlebte und lernte ich viel Schönes und Wertvolles, deshalb freue ich mich bereits auf die 52. Werkwoche im Ostheim. Dann heißt es für mich, Werkwoche zum Vierten. Liesa Rudel

Agnes Miegel "wacht" über die Handarbeiten

Viel bewundert: Trachten der Werkmeisterinnen Foto: Weichert


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