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14.01.05 / Es kräht / Das Huhn, das keine Eier legen wollte

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Januar 2006

Es kräht
Das Huhn, das keine Eier legen wollte
von Gabriele Lins

Damals, es war im Kriegsjahr 1943, lebten die Funkes in Landsberg an der Warthe, dem heute polnischen Gorzów. Viele Menschen starben vor Hunger. Den Funkes ging es noch recht gut, weil sie „Klein Josef“ kannten, einen Polen, der unter der Aufsicht Herrn Funkes arbeitete.

In seiner Freizeit fuhr Klein Josef, wie er wegen seiner schmächtigen Einmeterfünfzig-Gestalt von seinen Kollegen genannt wurde, nach Hause zu seinen Eltern, die einen Bauernhof bewirtschafteten, und von dort brachte er jedesmal etwas Gutes für seinen Meister mit: ein bißchen Gänseschmalz oder eine Wurst, manchmal, wenn auch selten, sogar eine Gans.

„Ich bring dir ein schönes Huhn mit diesmal“, sagte Josef vor seinem nächsten „Ausflug“. Sein Meister hatte ihm wieder einmal einen freien Tag zum Hamstern zugestanden.

Herr Funke nickte. „Schon recht, aber bitte ein lebendiges Tier. Lebende Hühner legen Eier, und die können wir gut gebrauchen.“

Nach seiner Rückkehr setzte Josef den Funkes eine lebendige Henne auf den sauber gewienerten Küchentisch. „Ein wenig dürre ist sie ja,“ meinte Frau Funke, „aber wir füttern sie schon fett.“

Peter und Lisa, die Kinder, jubelten. Nun würden sie jeden Morgen frische Frühstückseier essen können. Der ganzen Familie lief schon jetzt das Wasser im Mund zusammen.

Am anderen Morgen kam Nachbar Klöber in Funkes Küche geschlurft und legte einen krummen Zeigefinger an seine Nase, was bedeutete, daß er scharf nachdachte. „Euer nettes Huhn ist wohl ein Zwitter, was? Ha, ha, ha!“

„Der ist doch bloß neidisch auf unsere schöne Henne“, dachte Frau Funke, und das sagte sie ihrem Nachbarn auch ehrlich.

„Ja, habt ihr das Tier denn noch nicht gehört?“ wunderte sich Nachbar Klöber.

Ungerührt zuckte Herr Funke die eckigen Schultern. „Wieso? Wir wissen, wie ein Huhn gackert.“

„Von wegen gackert!“ Der Nachbar bog sich vor Lachen. „Hört es euch doch selbst an. Euer Huhn kräht!“

Wie von der Tarantel gestochen rasten Peter und Lisa zum Stall der Henne; die Eltern keuchten hinter ihnen her, und nun hörten sie es auch: ihre einzigartige herrliche Henne hatte zwar das Aussehen eines Huhns, aber sie krähte wie ein Hahn, und zwar so laut, daß es weithin über die nachbarlichen Zäune schallte.

„Unsere Frühstückseier können wir abschreiben.“ Enttäuscht ließ Peter die Arme hängen. Ein Huhn, das den neuen Tag so fröhlich wie ein kräftiger junger Hahn begrüßte, ließ sich bestimmt nicht dazu herab, ein Ei zu legen. Nicht ein einziges. Und so war es auch.

Die Geschichte nahm doch noch ein gutes Ende. Das Huhn, das ein Hahn war (oder umgekehrt?) landete im Kochtopf und gab trotz seiner dürren Gestalt eine schmackhafte Suppe für die leeren Mägen der Familie ab.

Klein Josef brachte ein paar Tage später ein Huhn mit, das fröhlich gackerte, wenn es sein Ei ins Stroh fallen ließ. Und es legte noch viele ...


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