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14.01.05 / Onse Ohlerkes / Die Fischer im Samland und ihre sympathischen Eigenheiten

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Januar 2006

Onse Ohlerkes
Die Fischer im Samland und ihre sympathischen Eigenheiten
von Eva Pultke-Sradnick

Alte Leute gibt es überall, jetzt sind wir, die Vorkriegsgeneration, schon soweit. Im Samland, vor allem an der See, bei den Fischern, da hießen sie die Ohlerkes. Ihre Gesichter waren wie gegerbtes Leder, die Augen meistens verwaschen blau, gezeichnet durch Sonne, Wind und Regen. Im Mund der Männer steckte meistens eine kurze Pfeife. Weiße Hemdsärmel guckten unter einer dunklen Weste hervor. Auf Platt sagte man Lievke. Hochdeutsch hieß es eben gefühllos: Weste. Ohne Lievke wäre wohl jeder Fischer unglücklich gewesen. Im Krieg, als das Telefonieren nicht so Mode war wie heute, schrieb mein Bruder, der in Pr. Eylau in der Lehre war: „Schickt mir doch mein Leifchen.“ Lange haben wir daran herumgekniewelt, was er wohl damit meinte. Mutter hat dann doch die richtige Entscheidung getroffen. Er schrieb hochdeutsch!

Im Winter saßen die Alten mitten in der Stube und knitteten oder besserten ein Netz aus, das an einem dicken Haken hing. Die Zeit hatte im Sommer oft nicht ausgereicht, um diese Arbeit am Strand zu vollrichten. Manchmal hatte der Sturm oder ein Tümmler (Seehund) zu große Löcher ins Netz gerissen. Auch die Fischerfrauen verstanden sich aufs Ausbessern. Im Winter strickten und stopften sie meistens Socken und Handschkes.

Im Sommer saßen die Ohlerkes auch unter dem Seeberg, mal hier mal da, wie gerade der Wind kam. Sie kauten und spuckten ihren Priem zielgenau auf einen Punkt. Ihre Zungen waren dazu ebenso scharf wie der Knaster in den kurzen Pfeifen. Räpeltähnig (Raffelzahn) nannten die jungen Mädchen die alten Männer, und wenn sie an ihnen vorbei mußten, war es wie Spießrutenlaufen. Die Sommergäste hatten die Fischer besonders im Visier. Sie bemerkten wie die Falken die kleinste Bewegung am Bootsstrand. Es entging ihnen nichts, aber sie verausgabten sich auch nicht mit Worten.

Auf dem Seeberg traf man immer jemanden, ganz gleich an welchem Tag und zu welcher Tageszeit. Andernorts hatte man den Marktplatz, bei uns eben den Ausblick aufs Meer. Man konnte sehen, welches Boot fehlte, also auf See war oder schon runterkam. Die See hatte jeden Tag ein anderes Gesicht; einmal lächelte sie, dann wieder zeigte sie Schaumkronen, und die Wellen kamen angeritten, flink und schnell. Und dann konnte die ganze Bucht ein Inferno sein. Die See war wie ein rachsüchtiges Weib, das brüllte und tobte. Der Wind begleitete alles voller Lust. Er sang und säuselte nicht mehr, nein, er hatte auch mal Lust, in den höchsten Tönen seine Wut auszulassen und auch um den Menschen zu zeigen, was er alles kann. Bei guter Wetterlage konnte man von unserer Bucht bis nach Pillau sehen. Als ich Kind war, gab es noch zwei Segelboote unten am Kuttergraben. Eines gehörte dem Franz Gedenk, der immer eine weiße Schirmmütze trug und wie ein Kapitän aussah. „Fösch ist wie Glück griepe“, sagte der alte Pralscher immer, „dat kribbelt böt önne Tehespötze, wenn du de Nett utem Woater hoalst.“

Es war kein einfaches Leben, und der Laie konnte nur staunen, daß die Fischer den Platz auf dem blanken Wasser immer wiederfanden und wußten, wo ihre Netze ausgesetzt waren. Fähnchen, auch Stieder genannt, Korkstücke oben am Netzrand, und Glasbommel im Hanfgestrick waren ihre Hilfen. Aber das lernte jeder Junge schon als Kind. Da gab es für den fahrenden Seemann auch Landmarken, die man brauchte, um sich Fangplätze zu merken und auch um bei Sturm wieder gut an Land zu kommen. Da mußte zum Beispiel das Ruder haarscharf rechts neben dem Palmnicker Schornstein vom Kesselhaus stehen oder auf Leste Kuhl (Lesnicken) zeigen. Oder aber die Bootsspitze mußte so stehen, daß die rechte Dachkante von Bauer Niemanns Stallgebäude genau über dem Eichbaum des alten Gurdulat stand. Dietsch Groawe (Deutscher Graben), Green Wäske (Grüne Wiese), Boarmsprint (Bergbrunnen), Kätelke (Kesselchen), Reschök (Bergspitze), das waren Zeichen, die jedem Fischer bekannt waren. Lesen und Schreiben zu können war da nicht ganz so wichtig.

In jedem Fischergarten stand auch ein Räucherofen, meistens war er aus Ziegeln gemauert. Räuchern war eine kleine Kunst. Waren die Fische nicht gut getrocknet, konnte es vorkommen, daß der ganze Schmadder ins Feuer fiel. Offene Flammen durfte es beim Räuchern überhaupt nicht geben, es mußte immer einer dabei sein, schnell konnte sich die Lage verändern.

Es war kein einfaches Leben

Ostpreußische Originale: Fischer in Steinort im Samland beim Säubern der Netze Foto: Archiv


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