28.01.2022

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14.01.05 / Sonnenaufgang am Niedersee / Mit dem Boot unterwegs in Ostpreußens Naturparadies

© Preußische Allgemeine Zeitung / 14. Januar 2006

Sonnenaufgang am Niedersee
Mit dem Boot unterwegs in Ostpreußens Naturparadies
von Günter Schiwy

Es ist noch früh am Morgen. Ich nehme die Ruder aus der Scheune und gehe den schmalen Sandweg zwischen den Kornfeldern zum östlich vom Dorf Kreuzofen gelegenen Niedersee. In einem Jutesack habe ich ein großes Kornsieb und einen Wassereimer.

Allmählich beginnt sich über dem Kiefernwald von Eichhorst auf dem gegenüberliegenden Ufer die Sonne durchzusetzen. Sie erhellt langsam den herannahenden Tag, den Himmel mit seinen leichten Wolken im Osten und die Wasseroberfläche des Niedersees. Die Wolken erscheinen in den verschiedensten Farbschattierungen. Dann tritt die Sonne aus dem Dunkel des Waldes hervor und färbt alles golden. Sie scheint durch die Schleierwolken. Der Niedersee und der Himmel über ihm stehen für Augenblicke in Flammen. Sie färben sich rötlich. Es ist für mich ein Schauspiel des erwachenden Tages und seiner Natur.

Groß und still lag der morgendliche Niedersee zauberhaft vor mir. Geringfügig bewegt ein leiser Windstoß die Blätter der Bäume wie im Spiel. Ein Raunen geht durch das Schilf und läßt es rascheln und wispern. Ein Windhauch trägt das rhythmische Anfahren der Dampflokomotive vom Bahnhof Kurwien bis an das Hochufer des Sees. Dann vernehme ich wiederum nur Stille.

Das Gras und die verschiedensten Blumen am steilen Ufer sind taunaß. Auf dem See selbst herrscht versöhnlicher Friede. Es ist kein Boot auf dem Wasser. Nur Raum, Größe, Weite und Höhe vernehme ich. Sie machen hier am See die masurische Landschaft aus, die nicht nur Stille, sondern auch die Freiheit gleich dem Adler über dem See vermittelt.

Ich verstaue meinen Sack mit dem Sieb und Eimer im Boot. Anschließend schließe ich das Schloß des Bootes auf und löse die Kette vom Pfahl, um es seetüchtig zu machen. Mit geübten Ruderschlägen gleitet das Boot durch die im Sonnenschein schimmernde Flut des Wassers, ein langes Band des aufgewühlten Wassers hinter sich lassend. Zunächst sehe ich noch Grund. Doch bald wird das Wasser dunkler und damit tiefer. Die Ruder tauchen in das stille Wasser und verursachen Wirbel. Ich muß meine Füße fest gegen die Spanten stemmen, um das schwere Boot zunächst in Bewegung zu bringen. Doch dann gleitet der Kahn mit ruhigen Bewegungen der Schilfinsel auf Roßeck / Bjäl entgegen, wo das Kloss’sche Haus steht.

Hier, in diesem Schilfgürtel, befindet sich unmittelbar am Seeufer ein Sumpfgelände von nassem Moor, in dem Schweinekraut wächst, das auch als Schweinsohr, Schlangenkraut, Schlangenwurz oder Wasseraron bezeichnet wird. Lateinisch nennt man es Calla palustris.

Diese Pflanze oder Staude ist ein kriechendes Gewächs von nierenförmigen grünen Blättern von zehn bis 13 Zentimeter Höhe und einer weißen Blüte, die von Mai bis Juli in Farbe steht. Sie ist mit dem Aronstab verwandt und gleicht ihm im Aussehen. Der Wurzelstock des Schweinekrauts diente in früheren Zeiten als Heilmittel gegen Schlangenbisse. Meine Aufgabe ist es, dieses Schweinekraut, das in großen Flächen den Schilfgürtel bedeckt, aus dem Wasser zu reißen und im Jutesack zu verstauen, der im Boot liegt. Der Sack wird nämlich mit dem Schweinekraut sehr naß und damit schwer. Deshalb wird er im Boot transportiert, um dann an Land gebracht zu werden.

Da wir im Stall Schweine hatten, war dieses Schweinekraut – wie sollte es auch anders sein – als Futter für sie bestimmt. Sie fraßen dieses grüne Kraut mit Vorliebe und konnten davon nicht genug kriegen. Es wurde für die Tiere zerkleinert und ihnen mit gekochten Kartoffeln und Kleie gegeben.

Doch mit dem Schweinekraut allein war es nicht getan! Da wir zu Hause auch Hausenten hielten, mußten auch diese mit Futter versorgt werden. Und diese Nahrung wuchs wiederum unentgeltlich im Niedersee. Sie mußte nur aufgefangen und nach Hause transportiert werden. Es handelte sich dabei um Entenflott.

Dieses Entenflott – lateinisch Lemna – heißt auch volkstümlich Wasserlinse, Teichlinse, Entengrütze oder Entengrün. Es sind freischwimmende Wasserpflanzen mit kleinen linsenförmigen Sproßgliedern und sehr einfachen kleinen Blüten. Sie vermehren sich durch Tochtersprossen und bedecken oft als grüne Inseln ganze Wasseroberflächen von Teichen, Tümpeln und Seen. Dieses grüne Entenflott oder diese grüne Entengrütze dient Fischen und Wasservögeln als beliebte Nahrung.

Die Schilfgürtel auf Roßeck / Bjäl waren von diesem Entenflott voll. Ich fuhr mit meinem Ruderboot mitten in den Schwimmgürtel des Entenflotts hinein. Dann schöpfte ich die Wasserlinsen mit dem Getreidesieb ab und tat sie in den mitgeführten Eimer, der ebenfalls im Boot stand. Es war eine kinderleichte Arbeit. Die Pflanzen wurden im Eimer dicht gepreßt, damit viele in den Eimer paßten.

Nachdem ich den Sack mit dem Schweinekraut und den Eimer mit dem Entenflott gefüllt hatte, ruderte ich mit meinem Boot zu Saschkoäks Bootsliegeplatz zurück, wo meine Mutter mit dem Handwagen auf mich wartete.

Auf der Rückfahrt zum Liegeplatz wehte ein seitlicher Wind aus der Kleinen Samordeier Bucht, den ich nicht einkalkuliert hatte. Dadurch zogen die Ruder mehr nach links, weil die aufkommenden Wellen gegen die Bordwand des Bootes schlugen. Ich hatte Schwierigkeiten, das schwere Ruderboot geradeaus zu steuern. Es bedurfte schon einiger Anstrengungen, um zum Bootsliegeplatz zu rudern. Ich kam ganz schön ins Schwitzen!

Nachdem wir den Sack mit dem Schweinekraut und den Eimer mit dem Entenflott im Handwagen verstaut hatten, zogen wir schwer beladen nach Hause. Als wir dort ankamen, watschelten die Hausenten bereits vom Hoftor hinter dem Handwagen her. Sie wußten, daß es das beliebte und für sie schmackhafte Entenflott gab. Mutter vermengte gekochte Kartoffeln mit dem Entenflott in einer Schüssel, über die sie sich sofort laut schnatternd hermachten.

Der See lieferte Nahrung – auch für die Tiere


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