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21.01.05 / Auf und davon / Auch das Baltikum hat demographische Probleme

© Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Januar 2006

Auf und davon
Auch das Baltikum hat demographische Probleme
von Martin Schmidt

Wer in den letzten Wochen nur ab und an die deutschen Fernsehnachrichten verfolgte oder eine Zeitung durchblätterte, kam aus dem Staunen kaum heraus. Wie auf Kommando wurde allerorten eine politische und wirtschaftliche Zuversicht verbreitet, die zu den fortbestehenden Anzeichen einer großen Krise so gar nicht passen mag.

Indes scheint es wenig hilfreich, diesen offensichtlichen Zweckoptimismus von vornherein zu verdammen, denn ohne Aufbruchsstimmung in weiten Teilen des Volkes kann es den herbeigesehnten „Ruck“ nicht geben und werden die Deutschen in ihrer Lethargie verharren. Nur dürfte so manchem politisch interessierten Zeitgenossen nicht entgangen sein, daß die plötzlich himmelblau erscheinenden Aussichten nicht verbesserten Rahmenbedingungen entspringen, sondern das Resultat moderner Medienpropaganda und Massenbeeinflussung sind.

Für all jene, die sich aus tiefstem Herzen um die Deutschen und ihr Land sorgen, bietet die jüngste Welle des Optimismus somit wenig Trost, zumal substantielle Entscheidungen der schwarz-roten Regierung bisher ausgeblieben sind. Dementsprechend müssen die Deutschen weiter darauf hoffen, daß die begonnene Erosion des Ideengebäudes der 68er im Zuge der Krise rasch an Fahrt gewinnt und völlig neue Aussichten für das Ringen um die Zukunft eröffnet. Und es mag trösten, daß andere europäische Völker ähnlich gewaltige Probleme zu lösen haben oder noch schlimmer dran sind.

An dieser Stelle sei der Blick auf Estland gelenkt, jene Baltenrepublik, die zuletzt Ende 2005 Schlagzeilen machte, weil von dort Überlegungen laut wurden, die deutsch-russische Ostseepipeline durch eine Ausweitung der nationalen Hoheitsgewässer zu verhindern. Die Energiepolitik gehört zu den größeren Sorgen des kleinen Landes, erscheint aber bei weitem nicht so problematisch wie der Geburtenschwund und die Massenabwanderung gebildeter jüngerer Esten in andere EU-Staaten.

Seit der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit sind laut Schätzungen der Konrad-Adenauer-Stiftung und einheimischer Fachleute rund zehn Prozent der Bevölkerung des Baltikums ausgewandert. Lettlands Präsidentin Vike-Freiberga spricht von einem „gefährliche(n) Aderlaß“. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau liegt in Estland bei 1,35 (2003). Eine von der Uno in Auftrag gegebene langfristige demographische Prognose sagt für das Jahr 2050 eine Einwohnerzahl von weniger als 800000 voraus; derzeit sind es 1,35 Millionen, darunter nur etwa 900000 echte Esten. Beide Entwicklungen zusammengenommen könnten langfristig zu einem völligen Verschwinden der estnischen Nation führen, fürchtet Ulle Valgma, Demographie-Analystin im Revaler Statistikamt.

Eine repräsentative Umfrage aus Litauen zeigt die wichtigste Ursache der Ausreisebewegung: 90 Prozent der vom Meinungsforschungsinstitut Rait befragten Personen nannten als Grund die „Unzufriedenheit mit den Gehältern“, deren mittlere Höhe sich im Baltikum auf umgerechnet 300 Euro netto beläuft. Die Zielorte liegen zumeist in Irland und Großbritannien sowie in Deutschland, dem drittwichtigsten Auswanderungsland der Esten, Letten und Litauer.

Die Krankenschwester oder der Brummifahrer aus dem Baltikum sind hierzulande längst kein ungewohnter Anblick mehr, ebenso die zunehmende Präsenz von Akademikern aus dieser Nordostecke Mitteleuropas. Die finnische Bauarbeitergewerkschaft schätzt, daß allein auf Baustellen in Finnland 10000 Esten arbeiten.

Umgekehrt klagt die Bauwirtschaft der boomenden estnischen Hauptstadt Reval (Tallinn) über fehlende heimische Arbeitskräfte und holt sich auf Zeit billige Maurer oder Tischler aus Rußland, Weißrußland oder der Ukraine, die das bekannte Integrationsproblem mit der zu Sowjetzeiten zugewanderten großen slawischen Bevölkerungsgruppe weiter verschärfen könnten.

Vor allem Billiglohnarbeiter strömen in das kleine Land an der Ostsee, während nur wenige hochqualifizierte EU-Ausländer vorübergehend in Estland tätig sind. Das estnische Staatsbürgerschafts- und Migrationsamt bezifferte im Herbst 2005 die Zahl der legal im Land arbeitenden EU-Ausländer auf 6929, zumeist Finnen, Letten und Litauer sowie 500 Deutsche.

Oberflächlich betrachtet kann sich die Republik Estland an einem kräftigen Wirtschaftswachstum erfreuen. Der während der jahrzehntelangen Konfrontation mit der sowjetrussischen Besatzungsmacht bewiesene kämpferische Nationalstolz ist zwar rückläufig, steht aber immer noch in erfreulichem Gegensatz zum Nationalmasochismus des Durchschnittsdeutschen. Trotzdem spricht, neben den bereits genannten Fakten, noch einiges andere dafür, daß mit dem heutigen Estland etwas nicht „stimmt“ und die Vitalität des Landes schwindet.

Besorgniserregend ist der Umstand, daß Estland – einer Studie des italienischen Instituts Eures von 2005 zufolge – auf europäischer Ebene die bei weitem höchste Mordrate aufweist. Auf 100000 Einwohner entfallen demnach 10,4 Morde, knapp gefolgt nur von den anderen baltischen Staaten Lettland und Litauen mit einer Quote von je 9,5. Der Durchschnittswert der alten EU-Mitglieder liegt bei „nur“ 1,5, der der gen Osten erweiterten Union bei 2,8 und der Deutschlands bei 1,1. Selbst die unter Gewaltkriminalität bekanntlich besonders leidenden USA wiesen zuletzt im Schnitt deutlich weniger Morde als Estland auf: nämlich 5,6 auf 100000 Einwohner. Darüber hinaus teilte die Weltgesundheitsorganisation WHO mit, daß in Estland ein Prozent der Einwohner zwischen 15 und 48 Jahren mit dem HIV-Virus infiziert ist. Dieser Anteil liegt höher als in jedem anderen Land nördlich von Afrika.

Man kann es den Esten, aber auch den mit ähnlichen Schwierigkeiten belasteten Letten und Litauern nur wünschen, daß sie sich allen Existenzproblemen zum Trotz als stark genug erweisen, ihre Kultur in der angestammten Heimat weiterzutragen. Schließlich gehören die baltischen Völker zum wunderbar vielfältigen Bild Europas.

Junge Estinnen in Tallinn (Reval): Obwohl Estland boomt, wandert die Jugend in den Westen aus. Foto: Visum


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