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21.01.05 / Fluch oder Segen, Waffe oder Energiespender / Alles hängt von der Anreicherung spaltbaren Materials ab / Worum es im Atomstreit mit dem Iran geht

© Preußische Allgemeine Zeitung / 21. Januar 2006

Fluch oder Segen, Waffe oder Energiespender
Alles hängt von der Anreicherung spaltbaren Materials ab / Worum es im Atomstreit mit dem Iran geht
von H.-J. Mahlitz

Die friedliche Nutzung der Atomenergie ist ein natürliches Recht aller Völker – außer bei fanatischen Kernkraftgegnern wird ein solcher Satz kaum auf Widerspruch stoßen. Dennoch wurde er als Provokation empfunden, als das iranische Fernsehen die Übertragung des Freundschaftsspiels Persepolis Teheran gegen FC Bayern München mit diesem Spruch (in englischer Sprache) untertitelte. Unglücklicherweise fiel nämlich das seit langem terminierte Kicker-Treffen ausgerechnet in die heiße Phase des Atomstreits mit dem Iran.

Worum geht es bei diesem Streit? Keineswegs darum, dem Land dieses „natürliche Recht auf friedliche Nutzung der Atomenergie“ abzusprechen. Wohl aber darum, ob Teheran nicht doch in Wahrheit etwas ganz anderes beansprucht: ein „natürliches Recht“ auf un-friedliche Nutzung der Kernkraft, also im Klartext die islamische Atombombe.

Die strammen Sprüche des neuen iranischen Präsidenten Ahmadinedschad jedenfalls lassen diesen Verdacht begründet erscheinen. Nachdem nahezu 60 Jahre lang alle Versuche, das verhaßte Israel mit konventionellen Waffen zu besiegen (und möglichst zu eliminieren), mehr oder weniger kläglich gescheitert sind, träumt so mancher im Nahen Osten davon, mit nuklearer Sprengkraft doch noch zum Ziel zu kommen. Kein Wunder also, daß alles, was sich bei den islamischen Nachbarn in Sachen Atomforschung tut, von Israel besonders argwöhnisch beäugt wird.

Die Frage, worin sich eigentlich friedliche und militärische Nutzung der Kernenergie unterscheiden, beantwortet sich quasi von selbst, wenn man auf die konkrete Wirkung abhebt. Friedliche Nutzung heißt, daß man die Kettenreaktion, also die Spaltung instabiler, radioaktiver Atomkerne (Uran235), in einem Reaktor kontrolliert steuert und die bei diesem Prozeß freigesetzten Kernbindungskräfte über Turbinen in elektrischen Strom umwandelt (in selteneren Fällen auch in Prozeßwärme).

Bei der Atombombe hingegen läuft die Kettenreaktion unkontrolliert, explosionsartig ab. Die gewaltigen Kräfte werden auf einen Schlag freigesetzt. Der Detonation, die bereits alles mit herkömmlichem Sprengstoff Machbare weit übersteigt, folgt eine gigantische Druck- sowie eine Hitzewelle. Und was davon noch nicht zerstört ist, fällt im weitem Umkreis der radioaktiven Verseuchung zum Opfer – ein Horrorszenarium, wie es in Hiro-shima und Nagasaki schreckliche Wirklichkeit wurde.

Den Militärstrategen in West und Ost aber war das auch noch nicht genug. Schon wenige Jahre nach den beiden ersten (und bislang einzigen) Atomwaffeneinsätzen durch die USA verfügten sie über eine noch fürchterlichere Waffe: die Wasserstoffbombe. Hier nutzt man die noch gewaltigere Energie, die bei der Verschmelzung leichter Atomkerne (Wasserstoff zu Helium) freigesetzt wird. Um diesen Prozeß überhaupt in Gang zu bringen, braucht man Energiemengen, wie sie mit herkömmlichen Quellen nicht zu erzeugen sind. So bestehen die von Interkontinentalraketen getragenen Sprengköpfe in den amerikanischen und russischen Arsenalen aus zwei „Stufen“: einer Atombombe der ersten Generation, also einer Uranspaltungsbombe, die als Zünder dient, und der eigentlichen Waffe, also der Wasserstoff-Fusionsbombe.

Es sagt übrigens einiges über den geistigen und moralischen Zustand der Menschheit aus, daß die zerstörerische Kraft der Wasserstoffbombe seit gut einem halben Jahrhundert beherrscht wird, man auf die friedliche Nutzung der Fusionsenergie aber wohl noch einige Jahrzehnte wird warten müssen. Die Natur ist uns Menschen da weit voraus: Die lebensspendende Energie der Sonne wird seit Jahrmilliarden aus der Verschmelzung von Wasserstoff- zu Heliumkernen gespeist.

Mit Sicherheit kann man allerdings feststellen: Länder wie der Iran wären überhaupt nicht in der Lage, eine Wasserstoffbombe zu entwickeln. Dies gilt auch für Israel, Pakistan, Indien oder Südafrika, das sich als bislang einziges Land nach Entwicklung einer einsatzbereiten Atombombe freiwillig wieder aus dem Kreis der Nuklearmächte verabschiedet hat.

Der technische, personelle und finanzielle Aufwand ist schon bei der Uranbombe so groß, daß bis heute, über 60 Jahre nach Hiroshima, nicht einmal zehn Staaten diese zweifelhafte Herausforderung bewältigen konnten. Bei der Wasserstoffbombe aber bewegt man sich noch einmal eine Größenordnung darüber.

Hinzu kommt, daß der Iran (und umgekehrt auch Israel) für seine mutmaßlichen politischen und militärischen Ziele keine Wasserstoffbombe bräuchte; eine Uranbombe würde da völlig ausreichen.

So werden sich die internationalen Aktivitäten darauf konzentrieren müssen, Teheran auf eine überprüfbare, ausschließlich friedliche Kernkraftnutzung festzulegen. Wenn die Mullahs die Wahrheit sagen und keine militärische Nutzung anstreben, können sie dies unter Beweis stellen, indem sie internationale Kontrollen weiterhin zulassen. Tun sie dies nicht, setzen sie sich selber dem Verdacht aus, andere Ziele zu verfolgen.

Im übrigen ist die Internationale Atomenergiebehörde in Wien (IAEA), wie sie in vielen anderen Staaten, auch in Deutschland, seit langen Jahren zeigt, durchaus in der Lage, die erforderlichen Kontrollen wirkungsvoll durchzuführen, ohne daß die betreffenden Länder dadurch „ihr Gesicht verlieren“ und Anlaß hätten, sich diskriminiert und gegängelt zu fühlen. Ob nämlich Brennstäbe für Kernkraftwerke hergestellt werden oder hochangereichertes Uran für Atombomben, läßt sich relativ leicht erkennen (Siehe dazu „Die Anzahl der Arbeitsschritte ...“ auf dieser Seite).

 

Fotos: Friedlich oder militärisch? Um vom Öl unabhängig zu werden, setzt Teheran auf Kernkraft. Ein Reaktor ist in Bau, zwei weitere in Planung. Anders als Deutschland will der Iran aber auch die Brennstäbe und das dafür erforderliche angereicherte Uran selbst produzieren – was den Verdacht militärischer Absichten nährt. Dem treten Präsident Ahmadinedschad, Ayatollah Khameni und Atomprogrammchef Aghazadeh (v. r.) energisch, aber wenig überzeugend entgegen. Fotos (2): globus, AP


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