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18.02.06 / Furcht um das christliche Rußland / Der Karikaturenstreit zieht seine Spur vom Kaukasus bis in die Vororte Moskaus

© Preußische Allgemeine Zeitung / 18. Februar 2006

Furcht um das christliche Rußland
Der Karikaturenstreit zieht seine Spur vom Kaukasus bis in die Vororte Moskaus
von Martin Schmidt

Die globale Sprengkraft des Karikaturenstreits zeigt sich auch in der Russischen Föderation. In der zur Hälfte von Muslimen bevölkerten Teilrepublik Tatarstan verkündete die regionale Einzelhandelskette "Edelweiß" einen Boykott gegen alle dänischen Lebensmittel. Der Vorsitzende des russischen Mufti-Rates Rawil Gainutdin bezeichnete die Veröffentlichung der islamkritischen Bilder in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten drohend als Mittel, um einen Konflikt der Kulturen heraufzubeschwören. Und am 7. Februar verübten tschetschenische Rebellen in dem Dorf Kurtschaloi einen blutigen Anschlag auf eine Polizeikaserne, bei dem rund 20 Menschen umkamen. Noch kurz zuvor hatte Rußlands Präsident Putin in der Moskauer Geheimdienstzentrale bei einer Rede vor Offizieren des Inlandsgeheimdienstes FSB die "spürbaren Erfolge im Kampf gegen den Terrorismus" beschworen.

Die umgekommenen Milizionäre gehörten dem berüchtigten Sonderbataillon "Wostok" des tschetschenischen Vizeregierungschefs Ramsan Kadyrow an. Die Einheit besteht ausschließlich aus Tschetschenen und beteiligt sich vor allem an der Jagd auf Untergrundkämpfer. Kadyrow - und nicht der nominell amtierende Präsident Alchanow oder der nach einem Verkehrsunfall noch immer verletzte Regierungschef Abramow - ist heute neben den russischen Besatzern der eigentliche Machthaber in der weitgehend von Muslimen bevölkerten nordkaukasischen Teilrepublik Tschetschenien. Eine mehrere tausend Mann starke Privatarmee untersteht seinem Kommando. Kadyrow und viele seiner Mitstreiter erscheinen neutralen Beobachtern als alles andere als seriöse Politiker.

In den Augen vieler wirft es ein schlechtes Licht auf den russischen Präsidenten, daß er sich mit Gestalten wie Kadyrow abgibt. Der neuerliche Anschlag auf die Polizeikaserne zeigt allerdings, wie gefährdet dessen Machtposition ist und wie wenig der Kreml die Lage im Nordkaukasus im Griff hat. Kadyrow sah sich aufgrund der mangelnden Unterstützung, die ihm sein eigenes tschetschenisches Volkes entgegenbringt, sogar zu einem Propagandafeldzug veranlaßt, der höchst merkwürdig erscheint angesichts der nominellen Zugehörigkeit seines Landes zur überwiegend christlichen und offiziell auch demokratischen Russischen Föderation. Am 6. Februar erklärte er vor Journalisten zum Streit um die Mohammed-Karikaturen: "Sie (die Dänen) spielen mit den Gefühlen von anderthalb Milliarden Menschen und handeln wie Provokateure". Deshalb werde dafür gesorgt, so Kadyrow weiter, daß "was aus Dänemark kommt, nicht mehr nach Tschetschenien hineingelassen" werde. Wenig später untersagte die tschetschenische Regierung dem "Dänischen Rat für Flüchtlinge", einer der aktivsten Hilfsorganisationen im Nordkaukasus, die weitere Tätigkeit auf ihrem Gebiet.

Die russische Zentralmacht nahm diese aus juristischer wie außenpolitischer Sicht eigentlich indiskutablen Verlautbarungen offiziell kritiklos hin. Mehr noch: Ausgerechnet an jenem Tag, da der Tschetschenen-Vize seinen Boykott gegen Dänemark verkündete, schlug ihn die Führung der Kreml-treuen Partei "Einiges Rußland" (ER) als Kandidat für den Posten des ER-Republik-Parteichefs vor. Offenbar versucht der Kreml wie schon öfter, jede Frontstellung gegen den Islam zu vermeiden, der in einigen Teilen der Russischen Föderation die Bevölkerungsmehrheit stellt. Bei seinem jüngsten Tschetschenien-Besuch im Dezember hatte Putin in einer Rede vor dem Parlament in der Hauptstadt Grosnyj ausdrücklich die Rolle Rußlands als "treuer Verteidiger" des Islam und "guter Partner" islamisch geprägter Staaten betont.

Innenpolitisch ist die recht enge Zusammenarbeit des Kreml mit dem Iran und allgemein mit dem arabischen Raum umstritten. Zwar werden mit jener Politik die in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten immer wieder enttäuschten Träume einer russischen Supermachtrolle bedient, doch widerspricht dies den Ängsten weiter Teile der russischen Bevölkerung vor den Muslimen im eigenen Land. Die Bewohner des Nordkaukasus sind im Großteil des russischen Volkes zu Objekten sich immer mehr verfestigender Feindbilder geworden und sorgen selbst im Herzen Rußlands für ständige Unruhe. Die spektakulären An-schläge im von den traditionell christlichen Osseten bewohnten Beslan und in Moskau sind weltweit bekannt, doch nur wenige ausländische Beobachter wissen, daß sich die schlechten Wohngegenden im Osten und Südosten Moskaus zu Kaukasier-Vierteln entwickeln. Politiker wie der nationalistische Duma-Abgeordnete Dmitri Rogosin warnen bereits vor einer Überfremdung. Insgesamt leben in der Russischen Föderation zirka zehn Millionen Muslime, insbesondere im Nordkaukaus und im an der Wolga gelegenen Tatarstan.

Im Gegensatz zu den vom massiven demographischen Niedergang betroffenen Russen wächst ihre Zahl ständig. Religiöse Vertreter der Moslems werden entsprechend selbstbewußter. Wie stark sie sich bereits fühlen, zeigte eine Initiative Anfang Dezember, als führende islamische Repräsentanten - unter ihnen Nafigulla Aschirow, der oberste Mufti des asiatischen Rußlands - die Entfernung christlicher Symbole aus dem Staatswappen forderten. Die große Mehrheit der Russen würde eine Änderung der Symbolik als existentielle Bedrohung der nationalen Identität verstehen und erkennt zunehmend, daß der "Kampf der Kulturen" in der Russischen Föderation längst angekommen ist.


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