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18.02.06 / "Öffnet sich" Königsberg wirklich? / Buntes Programm aus Anlaß der Eröffnung der ersten direkten Fluglinie Berlin-Königsberg

© Preußische Allgemeine Zeitung / 18. Februar 2006

"Öffnet sich" Königsberg wirklich?
Buntes Programm aus Anlaß der Eröffnung der ersten direkten Fluglinie Berlin-Königsberg
von Gerhard Prengel

Unter dem Motto "Das Gebiet Kaliningrad öffnet sich" fand in Berlin am 31. Januar eine Reihe von Veranstaltungen statt, die vom Körber-Zentrum der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Zusammenarbeit mit der Gebietsverwaltung von Königsberg organisiert waren. Anlaß dafür war die offizielle Eröffnung der ersten direkten Fluglinie zwischen Königsberg und Berlin, die seit dem 28. Dezember von der russischen Fluggesellschaft "KDavia" betrieben wird. (Die PAZ hatte bereits kurz darüber berichtet.)

Den Auftakt bildete die Eröffnung einer Ausstellung der "KDavia" über die Geschichte des Königsberger Flughafens im Roten Rathaus in Berlin. Hier erfuhr der Besucher: Der nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Gelände des militärischen Luftstützpunktes in Devau erbaute und 1922 vollendete Königsberger Flughafen galt "als der beste in Europa". Am 24. November 1921 wurde die deutsch-russische Luftfahrtsgesellschaft "Deruluft" mit dem Stationsflughafen Königsberg gegründet. Am 1. Mai 1922 wurde die Linie Königsberg-Moskau eröffnet, die erste reguläre internationale Fluglinie Rußlands. Es war die längste Strecke für die Beförderung von Post und Passagieren in Europa. 1925 eröffnete die "Deruluft" die Fluglinie Königsberg-Berlin, 1927 die Linie Moskau-Riga-Königsberg-Berlin und 1929 die Linie Königsberg-Riga-Reval-Leningrad. "Die reiche fliegerische Vergangenheit", so ist in der Ausstellung zu lesen, "bildet ein Ganzes in der 750jährigen Geschichte von Königsberg-Kaliningrad. Unsere Airline fühlt sich diesem Erbe verpflichtet und führt die Tradition von den Leuten, die den ersten Flughafen Deutschlands aufgebaut haben, weiter."

Eines der historischen Bilder zeigt die plakative Ankündigung der Landung des Luftschiffes "Graf Zeppelin" am 26. August 1939 auf dem Flughafen Devau. Ein sogenannter Gartensitzplatz, so kann man dem Plakat entnehmen kosetete drei Reichsmark, ein sogenannter Erster Platz, sprich Sitzplatz, eine Reichsmark und ein Stehplatz schließlich eine halbe Reichsmark.

Doch auch aus der neueren Geschichte erfährt man auf der Ausstellung Wissenswertes: Am 16. April 1992 erfolgte der erste internationale Flug von Königsberg über Hamburg nach Stuttgart und am 25. Oktober 1993 wurde die erste regelmäßige Fluglinie Kopenhagen-Königsberg eröffnet.

Zu der Ausstellung gibt es auch ein bebildertes Buch von W. Zwetkow mit dem Titel "Der Flug von Königsberg nach Kaliningrad - Geschichte und Gegenwart des ältesten Flughafens Europas", das bei dieser Gelegenheit der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es ist in deutscher und russischer Sprache verfaßt und zeigt das Königsberger Schloß als Titelbild. Es ist eine interessante Dokumentation wenig bekannter oder in Vergessenheit geratener Geschehnisse der Königsberger Luftfahrtgeschichte.

Weitere Veranstaltungen aus Anlaß der Fluglinieneröffnung waren ein Empfang im Berliner Roten Rathaus, ein sogenanntes "Business-Forum" und am Abend ein Empfang in der russischen Botschaft Unter den Linden. Teilnehmer dieser Veranstaltungen waren hochrangige Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus der Bundesrepublik Deutschland und dem Königsberger Gebiet, darunter der Gouverneur des Königsberger Gebietes, Georgij Boos, der EU-Beauftragte und Berater des russischen Präsidenten Putin, Sergey Jastrzhembskij, sowie der Bürgermeister von Königsberg, Jurij Sawenko. Ziel aller dieser Veranstaltungen, insbesondere des "Business-Forums" war es, Möglichkeiten und Vorteile für Investitionen bundesdeutscher Unternehmer im Königsberger Gebiet aufzuzeigen. In allen Ansprachen und Referaten wurde der Wille deutlich, anknüpfend an die historischen Beziehungen das Königsberger Gebiet wirtschaftlich zur EU, besonders zur Bundesrepublik Deutschland, weiter zu öffnen, die schon heute der wichtigste Handelspartner Rußlands ist.

Bei seiner Begrüßung wies Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit die Veranstaltungsteilnehmer darauf hin, daß seine Vorfahren, wie schon sein Name erkennen lasse, "in der Region Kaliningrad" lokalisiert seien und er daher ein besonderes Interesse an dieser Region habe. Er gebrauchte wie auch die anderen bundesdeutschen offiziellen Vertreter stets den Namen "Kaliningrad" statt "Königsberg". Warum eigentlich?

Königsbergs Gouverneur Georgij Boos, dessen Vorfahren von Holland nach Bayern und zur Zeit Katharinas der Großen nach Rußland ausgewandert sind, erklärte, die Königsberger Region solle, so habe es Präsident Putin formuliert, Pilotprojekt für die Entwicklung des Verhältnisses Rußlands zur EU sein. Dazu bedürfe es der Klärung vieler Fragen. Aber "alles Neue ist im Prinzip vergessenes Altes". Das Königsberger Gebiet sei ein Teil Rußlands mit deutscher Geschichte. Daher sei auch die Universität in Königsberg im letzten Jahr in "Kant-Universität" umbenannt worden.

Voraussetzungen für eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Region Königsberg seien unter anderem stabile Gesetze, eine stabile Regierung, Vorteile für ausländische Investoren, einschließlich leichter Ein- und Ausreise, sowie das Vorhandensein qualifizierter Arbeitskräfte. Alle diese Voraussetzungen seien in Königsberg gegeben: Er habe eine junge, moderne Regierung. Die Gesetze seien stabil. Die wirtschaftlichen Regeln hätten sich nicht verschlechtert. Sie würden durch das neue Gesetz über die Sonderwirtschaftszone der Königsberger Region, das am 1. April dieses Jahres in Kraft trete, wesentlich verbessert: Es gewähre ausländischen Investoren sechs Jahre lang vollständige und weitere sechs Jahre lang hälftige Befreiung von der Gewinnsteuer. Jedes Unternehmen dürfe Arbeitskräfte frei einstellen. Ausländische Arbeitskräfte sollen in einem einfachen Verfahren eine Arbeitserlaubnis erhalten. Die Visaerteilung werde erleichtert. Und das bringe er als Bonbon mit: Künftig könnten Visa (auch für Touristen) auch direkt an den Grenzübergängen erteilt werden!

Der EU-Beauftragte und Berater Putins Sergey Jastrzhembskij ergänzte die Ausführungen von Boos. Er meinte, ein wichtiger Schritt sei der Bau der geplanten Gasleitung, die Rußland direkt mit Deutschland verbinden werde und auch eine Abzweigung nach Königsberg erhalte. Daß das Königsberger Gebiet isoliert innerhalb von EU-Staaten liege, stelle kein Problem mehr dar. Der Transit durch Litauen sei seit zwei Jahren geklärt. Es sei dabei bisher auch noch kein Fall einer illegalen Immigration eingetreten. Diese Gefahr solle auch für die anderen EU-Staaten durch ein bereits ausgearbeitetes Rückführungsabkommen ausgeräumt werden. Angestrebt werde der weitere Ausbau der Transittrasse Riga-Königsberg-Danzig und eine gemeinsame Grenzabfertigung an den russisch-polnischen Grenzübergängen. Hierbei würden aber von der anderen Seite Schwierigkeiten bereitet. Angestrebt werde auch, daß das deutsche Konsulat in Königsberg Visa erteilen könne und daß die Bewohner des Königsberger Gebietes erleichtert Visa in das Gebiet des Schengener Abkommens erhalten.

In weiteren Beiträgen wurde dargelegt, daß auch Investitionen in die Landwirtschaft und auf dem Bausektor für ausländische Unternehmer lohnend seien. Die Bodenpreise seien niedrig. Ob auch Ausländer Grundstücke erwerben können, blieb offen. Der Ackerboden sei zwar seit zehn bis zwölf Jahren nicht bestellt worden, habe aber auch so lange Zeit keinen künstlichen Dünger gesehen. Er sei daher chemisch so sauber wie nirgendwo sonst in Europa und daher besonders für den Anbau von Bio-Produkten geeignet.

Auf dem Gebiet der Bauwirtschaft wurde das Projekt "Fischdorf" vorgestellt. Auf dem 20000 Quadratmeter großen Gelände des früheren Fischmarktes soll eine Anlage mit Bürogebäuden, Restaurants, Hotels und Geschäften mit einem Investitionsvolumen von 82 Millionen Euro in einer dem gotischen Stil angepaßten Bauweise entstehen, in deren Mitte eine Kirche stehen soll. An der Stelle der früheren Königsbrücke sei be-

reits eine Fußgängerbrücke dorthin errichtet worden. Baubeginn soll der 1. März dieses Jahres sein. In den kommenden fünf Jahren soll auch der Wohnungsbau um das sieben- bis achtfache gesteigert werden. In konkreter Planung ist die Errichtung eines modernen Stahlwerkes durch die deutsche Firma Küttner Anlagenbau. Es soll mit Gas betrieben werden, und die anfallende Abwärme soll für andere Industriewerke genutzt werden.

Guido Herz, seit Oktober letzten Jahres deutscher Generalkonsul in Königsberg - auch er, der Repräsentant Deutschlands in Königsberg, kannte den deutschen Namen dieser Stadt offenbar nicht und sprach nur von "Kaliningrad" -, meinte, es bestehe in der deutschen Öffentlichkeit eine Diskrepanz zwischen dem Ruf des Königsberger Gebiets und der Wirklichkeit. Dort boome die Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit betrage nur zwischen sechs und sechseinhalb Prozent. Dem Nachteil, eine Exklave der Russischen Föderation zu sein, stehe der Vorteil einer Enklave im Gebiet der EU, ohne deren Mitglied zu sein, gegenüber. Königsberg sei früher die östlichste Großstadt Deutschlands gewesen, heute sei es die westlichste Großstadt Rußlands mit 950000 Einwohnern.

Er sei als deutscher Konsul in Königsberg "wunderbar aufgenommen worden" mit dem Willen, mit ihm zusammenzuarbeiten. Daß das Generalkonsulat noch kein eigenes Gebäude habe (die PAZ hat das wiederholt kritisiert), sei ein "technisches Problem", das nicht die dortigen Behörden zu verantworten hätten. Er hoffe sehr, daß der gegenwärtige Zustand - die Bürger des Königsberger Gebiets müssen sich wegen der fehlenden Räumlichkeiten des Generalkonsulats Visa für die Bundesrepublik Deutschland in St. Petersburg oder in Moskau beschaffen - bald beendet werde. An die russische Seite appellierte er, dafür zu sorgen, daß Touristen, die das Territorium der Russischen Föderation einmal verlassen haben, auch wieder einreisen können. Wer beispielsweise von Königsberg nach Nidden oder Memel reist, darf nicht wieder nach Königsberg zurückreisen. Jastrzhembskij meinte dazu, es müßte eigentlich auch jetzt schon ein sogenanntes Zweifach-Visum erteilt werden können. Er wolle sich darum kümmern.

In der Diskussion wurde von einem deutschen Unternehmer die Korruption der russischen Beamten kritisiert, der man trotz Einschaltung von Polizei und Staatsanwaltschaft machtlos gegenüberstehe. Auf meine Frage, wann an den russisch-polnischen Grenzübergängen, insbesondere bei Heiligenbeil, die unhaltbaren Zustände, nämlich die stundenlangen Wartezeiten und die Korruption der Grenzbeamten, die gegen Zahlung eines Eurobetrages eine bevorzugte Abfertigung versprechen oder auch gewähren, behoben werden, erklärte Boos, eine Änderung würde dann eintreten, wenn auf der polnischen Seite die Fahrzeuge schneller abgefertigt würden. Während die Straßen zur Grenze von Rußland ausgebaut würden, geschehe auf der polnischen Seite auf diesem Gebiet nichts. Indes, die Schuld an diesen Zuständen den Polen in die Schuhe zu schieben, ist eine recht dreiste Ausrede, die im Widerspruch zu dem tatsächlichen Geschehen steht. Die langsame Abfertigung geschieht nicht auf der polnischen, sondern auf der russischen Seite, Dasselbe ist an dem russisch-litauischen Grenzübergang auf der Kurischen Nehrung zu beobachten. Die Abfertigung auf der litauischen Seite dauert nur Minuten, auf der russischen kann man eine halbe oder auch eine Stunde warten müssen, auch wenn nur zwei oder drei Autos vor einem stehen.

Das Problem der Korruption, räumte Boos ein, sei sehr ernst. Es stamme aber nicht aus Rußland, sondern bestehe auch in anderen Ländern. Die Korruption werde auch bekämpft. Die Gehälter der Beamten seien verdoppelt und ihre Anzahl halbiert worden, Die Bezahlung sei jetzt angemessen. Die schlechte Bezahlung sei kein Argument mehr für die Korruption, und man könne jetzt (!) die Beamten zur Verantwortung ziehen. Seine Regierung wolle den Tourismus auf allen Gebieten fördern. Dazu gehöre auch der Wiederaufbau der deutschen Burgen und Schlösser. Jastrzhembskij setzte seine Hoffnung auf eine Verbesserung der Verhältnisse an den Grenzübergängen zum südlichen Ostpreußen auf ein neues Abkommen zwischen Rußland und Polen, das in Kürze unterzeichnet werden solle, versprach aber, sich mit diesem Problem zu befassen.

Das Fazit dieser Veranstaltungen könnte sein: Das Königsberger Gebiet ist eine ideale Region für Investitionen ausländischer Unternehmer, die auf der Grundlage eines stabilen, freiheitlichen Regierungs- und Rechtssystems viel Geld verdienen können. Die derzeitige Realität sieht dagegen in vielen Bereichen noch anders aus. Es bleibt noch viel zu tun, um dieses Gebiet zu einem attraktiven Wirtschaftsstandort zu machen!

Georgij Boos brachte nach Berlin einen "Bonbon" mit

Viel wurde verheißen, doch die Realität ernüchtert

Gehörte auch zum Programm aus Anlaß der Fluglinieneröffnung: Der Gouverneur des Königsberger Gebietes trägt sich in das Goldene Buch Berlins ein. Foto: PAZ


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