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25.02.06 / Sensibler Profi / Michael Ballhaus erfindet immer wieder neue Bilder

© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Februar 2006

Sensibler Profi
Michael Ballhaus erfindet immer wieder neue Bilder
von Anja Boromandi

Michelle Pfeiffer räkelt sich auf einem Klavier. Lasziv - langsam - provozierend! Die Kamera fährt um sie herum, gibt den Blick auf ihren Körper frei. Dabei singt sie den Jazzsong "Makin' Whopee". Die Szene ist Erotik pur. Sie stammt von einem Mann, der in Hollywood einen ausgezeichneten Namen hat: Michael Ballhaus.

In Deutschland ist er ein bekannter Kameramann. In Amerika bezeichnet der Abspann Michael Ballhaus als "Director of Photography", als Bildregisseur mit der Verantwortung für das gesamte Kamerateam. Für ihn kein Grund, nervös zu werden. Der Mann strahlt Ruhe aus - vor und hinter der Kamera. Unzählige Kinofilme entstanden unter seiner Kameraführung. Darunter solche wie "Dracula", "Good Fellas" und "Gangs of New York". All diese Produktionen tragen seine Handschrift. Er hat das Talent, Bilder immer wieder neu erfinden zu können.

Michael Ballhaus sieht und lebt durch die Kamera. Geboren wird er 1935 in Berlin, wächst nach dem Krieg in Coburg auf, wo seine Eltern ein Theater leiten. Aber er will nicht Schauspieler werden. Er interessiert sich für Inszenierungen. Nach dem Abitur macht er zunächst eine Lehre und wird Bühnenfotograf. Als er am Set von "Lola Montez" (Regie Max Ophüls) arbeitet, fällt er den Entschluß, zum Film zu wechseln. Ballhaus lernt Filmemacher Rainer Werner Fassbinder kennen. Diese Begegnung verändert sein Leben nachhaltig. Die beiden verbindet bald eine höchst produktive Haß-Liebe. Sie können nicht mit-, aber auch nicht ohne einander. Acht fruchtbare Jahre arbeiten sie zusammen. Revolutionär die 360-Grad-Fahrt der Kamera in dem Film "Martha": Ein Mann und eine Frau gehen auf dem Vorplatz der deutschen Botschaft in Rom aneinander vorbei. Ihre Blicke treffen sich. Ballhaus Kameraführung macht den Augenblick unvergeßlich.

Nach Fassbinders Tod muß sich Ballhaus neu orientieren. Bei der Produktion von "Dear Mr. Wonderful", die teilweise in den USA erfolgt, kommt er in Kontakt zu amerikanischen Regisseuren, darunter auch zu Martin Scorsese. Die beiden verstehen sich auf Anhieb. "Die Chemie zwischen uns stimmt, und das ist sehr wichtig. Oft müssen wir beim Drehen gar nicht mehr viele Worte wechseln und wissen dennoch, was der andere gerade denkt." Ballhaus und Scorsese sind ein eingespieltes Team. Auf ihr gemeinsames Konto gehen unzählige Kinoerfolge, so auch "Die berühmten Baker Boys" mit Michelle Pfeiffer. Hier wiederholt Ballhaus seine berühmte Kamerarundfahrt und beweist dabei viel Fingerspitzengefühl.

"Der Blick durch die Kamera ist eine sehr intime Angelegenheit. Michelle Pfeiffer weigerte sich zu Beginn, die Szene mit der Rundfahrt um sie zu drehen. Sie sagte mir auch warum. Jeder Schauspieler hat seine Schokoladenseite und eine unvorteilhaftere Seite. Und die wollte sie mir zuerst nicht zeigen. Gott sei Dank gelang es mir dann aber doch noch, sie umzustimmen." Technisches Know-How allein reicht nicht aus, Sensibilität und Menschenkenntnis gehören ebenso zum Handwerk. Das alles hat der deutsche Mann in Hollywood in hohem Maße.

Auch privat hat er ein glückliches Händchen. Seit 1962 ist er mit Ehefrau Helga verheiratet, die beiden haben zwei Kinder. Sohn Florian ist in seine Fußstapfen getreten und ebenfalls Kameramann. Ab und zu drehen sie auch gemeinsam an einem Film.

Ballhaus Senior pendelt regelmäßig zwischen seinen Wohnsitzen in New York, Los Angeles, Berlin und dem fränkischen Hofheim. Neben seiner Arbeit ist ihm vor allem die Förderung des Nachwuchses ein Anliegen. Soweit es ihm zeitlich möglich ist, doziert er an einer Berliner Universität und nimmt auch hin und wieder Studenten mit an seine Filmsets.

2003 erschien in Zusammenarbeit mit Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt") das Buch "Das Fliegende Auge - Michael Ballhaus, Director of Photography". Über 50 Stunden Interview sind in dem spannenden Buch zusammengefaßt, das dem legendären "Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?" von François Truffaut nachempfunden ist und die Filme wie auch die Karriere von Michael Ballhaus aufarbeitet. Zu seinem 70. Geburtstag wurde er vom Deutschlandradio in einem Interview danach gefragt, welche Wünsche in seinem Leben unerfüllt geblieben sind. "Wenn der asiatische Regisseur Wong Kar-Wai mir einen Stoff anbieten würde, wäre das vielleicht ganz interessant, denn ich finde seine Art, Filme zu machen, sehr spannend, und das ist dann eine Welt, die ich noch nicht kenne. Das wäre eine Herausforderung."

Ballhaus sieht die asiatische Filmkultur allgemein stark im Kommen. "Da sind sehr gute Filmemacher im asiatischen Raum, in Japan, China, Hongkong. Das ist eine sehr blühende und erfolgreiche Filmkultur in Asien, und mehr und mehr sieht man ja auch, daß asiatische Regisseure in Amerika oder Hollywood auch Regie führen."

Kameraführung machte Augenblick unvergesslich

Michael Ballhaus: Mit der Kamera und Fingerspitzengefühl rückt er Schauspieler ins rechte Licht. Foto: Archiv


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