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25.02.06 / Abrechnung mit dem Schuldkomplex / Konrad Löw belegt anhand von Zeitzeugenaussagen, daß keineswegs alle Deutschen bei der Judenverfolgung wegsahen

© Preußische Allgemeine Zeitung / 25. Februar 2006

Abrechnung mit dem Schuldkomplex
Konrad Löw belegt anhand von Zeitzeugenaussagen, daß keineswegs alle Deutschen bei der Judenverfolgung wegsahen

Konrad Löw, bis zur Emeritierung 1999 Ordentlicher Professor für Politikwissenschaft an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Bayreuth, präsentiert eine bisher einmalig umfassende Dokumentation zum deutschen Trauma der Shoa. Diese Dokumentation ist erschütternd, weil sie zeigt, welch patriotische Deutsche es waren, die aufgrund eines ideologischen Rassenwahns entrechtet, in widerlichster Weise erniedrigt und mit tödlicher Konsequenz verfolgt wurden. Sie ist erhebend wegen der Beweise, in welch großem Umfang "die" Deutschen sich dem Wahn entgegenstellten. Sie empört wegen der Beschuldigungen "der" Deutschen und der Kirchen sowie wegen deren "Suhlen in der Schuld". Sie erhellt, wie wenig hilfreich das Ausland für die Verfolgten war. Sie ist schließlich eine Abrechnung mit den Tabus und der Instrumentalisierung des Schuldkomplexes.

Die von Löw herangezogenen Zeitzeugen rufen zunächst die Zeit vor 1933 ins Gedächtnis, als deutsche Juden so zum Volk gehörten, daß sie Antijüdisches, wenn es sich denn artikulierte, als eine der vielen Animositäten empfinden konnten, die im Reich gepflegt wurden, beispielsweise gegen Preußen, gegen Bayern, gegen Sachsen, gegen Katholiken, gegen Protestanten. Deutsche Juden und Christen jüdischen Ursprungs, zusammen knapp eine Million, waren zur Weimarer Zeit die in weiten Bereichen des Lebens erfolgreichste Gruppe des Volkes.

Keiner der Zeugen führt Hitlers politischen Erfolg auf seinen Antisemitismus, eigentlich ja Antijudaismus, zurück, der in der Wahlpropaganda kaum eine Rolle spielte, sondern auf seinen Kampf gegen die Erniedrigung und Verelendung Deutschlands durch Versailles.

Der Autor hat 330 Bücher und Dokumentationen mit Zeugnissen aus über 30 Städten, Gemeinden und Gebieten in ganz Deutschland ausgewertet. Über 80 jüdische, über ein Dutzend nichtjüdischer deutscher Zeitzeugen, an die zehn Diplomaten und Journalisten aus den USA, England, Frankreich, Belgien, viele Aussagen und Berichte aus Sicht des Regimes sowie Deutschlandberichte der SPD bezeugen, daß eine weit überwiegende Mehrheit der Deutschen die Shoa vom ersten bis zum letzten Tag durch Verhalten, Wort und Tat, sogar bei Lebensgefahr, verurteilt hat. Dies belegen 450 positive Einzelaussagen gegenüber knapp 40 negativen; diese sind meist Anpöbeleien durch Jugendliche, ganz wenige tätliche Angriffe durch Pöbel.

Dabei berichten die positiven Zeugnisse im Gegensatz zu den negativen oft von einem jahrelangen normalen Schulalltag jüdischer Kinder, von öfter erlebter anständiger, sogar zuvorkommender Behandlung durch Behörden, von vielfachen Bekundungen von Abscheu der Drangsalierung, Mitleid und Sympathie, von wiederholten hilfreichen Hinweisen und Warnungen, von mehrfachem Sichern von Eigentum durch "Aufbewarier" sowie von viel Hilfe mit Lebensmitteln und durch heimliches Obdach für einzelne oder sogar Familien; ein Zeuge spricht von 66 Quartieren, ein anderer von 70 Helfern. Dazu kommt, daß selbst die, die Hilfe verweigerten, nur selten denunzierten. Sehr beachtlich ist, daß Menschen aller Art anständig bis hilfreich waren, sogar überzeugte Nationalsozialisten, Beamte, Angehörige von SA, SS und Gestapo. "Arische" Freundschaften haben gehalten, ebenso über 90 Prozent der Mischehen. So haben laut Gerhard Löwenthal allein in Berlin mit ihm über 5000 Juden illegal überlebt. Schade, daß sich Löw hier nicht mit dem "Lexikon des Deutschen Widerstandes" von Benz und Pehle auseinandersetzt, das für Berlin 1400, für Deutschland bis zu 4000 Überlebende von 10000 bis 12000 Untergetauchten angibt.

Ein Zeuge schrieb gleich nach der Emigration 1938: "Alle Christen benahmen sich tadellos." Entsprechend schreibt Jochen Klepper, der sich mit seiner jüdischen Frau und Tochter Ende 1942 das Leben nahm, nach dem November-Pogrom von 1938 in sein Tagebuch: "Das Volk ist ein Trost, seine moralische Ohnmacht eine fürchterliche Sorge" und noch nach der Verpflichtung zum Tragen des gelben Sterns: "Die Bevölkerung so vorbildlich ..."

Angesichts dieser Zeugnisse, bestätigt durch die Tatsache, daß die Anordnungen zur zunehmenden Drangsalierung, die Verhaftungen und Deportationen weitgehend vor der Öffentlichkeit verdeckt wurden, rechnet Löw sehr gründlich und überzeugend ab mit allen Varianten und Protagonisten der Beschuldigungen, die Deutschen seien "Hitlers willige Vollstrecker" gewesen, die Kirchen hätten versagt, der Widerstand gegen Hitler habe keine Motivation aus der Verfolgung der Juden gezogen und schließlich mit dem "Vermächtnis des Holocaust" in seiner jetzigen Form. Erschütternd dabei ist die Erkenntnis, wie sehr in diesen Komplexen durch Pauschalurteile, Verfälschungen und Fälschungen gegen das Gebot von Wahrheit und Gerechtigkeit verstoßen wird, und wie gläubig dies von heutigen Deutschen ignoranter- und selbstgerechterweise aufgenommen wird. Er wirft dies auch den heutigen Kirchen vor. Doch unterliegt er selbst solchen Fehlern, indem er entgegen seiner Dokumentation und entgegen dem von ihm geforderten in dubio pro reo sagt, "viele ... Volksgenossen" hätten "die Gebote des Anstands und der guten Sitten schwer verletzt". "Zivilcourage wird in Deutschland immer ein Fremdwort bleiben", klagt Löw, obschon doch gerade seine Dokumentation und die Zivilcourage vieler militärischer Führer vor und im Zweiten Weltkrieg weltweit ihresgleichen suchen. Daneben verwundert das Kolportieren der Falschaussage über die "un-

rühmliche Rolle des Deutschen Reiches" beim Armeniermord. Zu wünschen wären zudem vielfach klarere Zuordnungen von Aussagen zu Ort und Zeit sowie ein zuverlässigeres Register gewesen.

Insgesamt aber ist Löws Buch eine Geschenk für jeden, dem Wahrheit und Gerechtigkeit am Herzen liegen. Es beschämt hoffentlich alle die, die seinen Aufsatz zur deutschen Identität im "Deutschland Archiv" 2/2004 der "Bundeszentrale für politische Bildung", der schon wesentliche Aussagen des Buches enthielt, als politisch inkorrekt einstampfen ließen. Manfred Backerra

Konrad Löw: "Das Volk ist ein Trost - Deutsche und Juden 1933-1945 im Urteil jüdischer Zeitzeugen", Olzog Verlag, München 2006, gebunden, 381 Seiten, 34 Euro


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